Seite 2: „Sie waren einfach zu gut.“

Für Ste­phan Groß selbst war klar, dass Neckarau nur ein Sprung­brett für die Talente sein würde. Es hat geschmerzt, als sie gegangen sind, aber es war richtig. Sie waren ein­fach zu gut.“ Die Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren der umlie­genden Pro­fi­klubs können den Jungs Bedin­gungen und einen Wett­be­werb bieten, wie es der VfL ab einem gewissen Punkt nicht mehr vermag. Kai­sers­lau­tern, Karls­ruhe, Stutt­gart, Frank­furt – Die Frage ist längst nicht mehr, ob, son­dern wohin sie wech­seln. Ich hätte eigent­lich überall hin­gehen können“, sagt Manuel Gulde, wir hatten alle meh­rere Ange­bote.“

Dass sich gleich alle sieben für Hof­fen­heim ent­scheiden, ent­wi­ckelt sich nach und nach. Gulde ist der erste, der zur nur 45 Auto­mi­nuten ent­fernten TSG ten­diert, nachdem Trainer Ralf Rang­nick und Mäzen Dietmar Hopp ihn zu einem per­sön­li­chen Gespräch treffen. Ter­razzino und Groß ziehen nach einem Gespräch mit Rang­nick nach, suk­zes­sive ent­scheiden sich auch die übrigen, das Angebot aus dem Kraichgau anzu­nehmen. Hof­fen­heim hat uns par­allel ange­spro­chen. Wir haben nicht gesagt: Komm, wir gehen da alle hin. Jeder hat sich für sich Gedanken gemacht“, sagt Anthony Loviso. Aber als klar war, dass wir alle nach Hof­fen­heim gehen, haben wir uns riesig gefreut.“

Vier Jahre nach der Kreis­liga stehen sie im Finale um die Deut­sche Meis­ter­schaft.

Beim 2007 noch auf­stre­benden Fuß­ball­pro­jekt im Kraichgau erwartet die Jungs eine andere Welt. Ein Ufo von Trai­nings­zen­trum ist im Bau, fortan küm­mern sich eine Ernäh­rungs­be­ra­terin, drei Phy­sio­the­ra­peuten und ein eigener Ath­le­tik­trainer um die sieben Neu­zu­gänge. Was sie frei­lich nicht davon abhält, sich nach dem Trai­ning in Hof­fen­heim noch in Neckarau auf dem Bolz­platz zu treffen, um wei­ter­zu­ki­cken, die Taschen voller Scho­ko­riegel und Haribo. Wenn das unser Trainer gewusst hätte, hätte es rie­sigen Ärger gegeben“, sagt Pascal Groß.

Dass es den nicht gibt, liegt daran, dass die Jungs auch in der Bun­des­liga eine Klasse für sich dar­stellen. Plötz­lich haben wir gemerkt, dass wir auch die Top-Talente aus ganz Deutsch­land schlagen können“, sagt Gulde. Nach klei­neren Start­schwie­rig­keiten schwebt die TSG durch die Saison, Marco Ter­razzino macht 24 Tore, auch die übrigen werden zu Stützen des Teams. Irgend­wann wussten wir ein­fach, dass wir gewinnen. Selbst wenn wir in Rück­stand gerieten“, so Groß. Sie werden Erster der B‑Jugend Süd/​Südwest, im Halb­fi­nale über­rollen sie Hertha BSC mit 6:1. Vier Jahre, nachdem die sieben Kum­pels noch in der Kreis­liga kickten, stehen sie im Finale um die Deut­sche Meis­ter­schaft.

Viel­leicht hätte ich irgend­wann Regio­nal­liga spielen können“

Und wieder wird alles eine Nummer größer. Das Team über­nachtet vor dem Spiel im Hotel, es gibt ein Ban­kett mit Ver­tre­tern des DFB. Jeder Spieler bekommt einen Brief von Trainer Guido Streichs­bier, in dem in warmen Worten die Stärken der Jungs betont werden, am Finaltag hängen im Kabi­nen­gang gerahmte Bilder der Spieler aus ihrer Kind­heit. Um uns zu zeigen, dass wir ein­fach Spaß haben sollen, so wie früher“, sagt Ter­razzino. Die Moti­va­tion wirkt, Hof­fen­heim gewinnt 6:4 gegen Borussia Dort­mund, sechs der sieben Jungs stehen in der Startelf, vier von ihnen treffen. Der VfL Neckarau wird, ein biss­chen zumin­dest, Deut­scher Meister. Ein unbe­schreib­li­ches Gefühl“, sagt Marcel Gruber, das die Kum­pels mit dem ersten leichten Rausch ihres Lebens feiern, auf einer Party, die – schließ­lich sind sie ange­hende Pro­fi­sportler – um ein Uhr von den Betreuern auf­ge­löst wird.

Für einen ist der gemein­same Weg nach der Meis­ter­schaft aber bereits zu Ende. Philipp Meyer, im Laufe der Saison nur noch Joker, wech­selt zu Waldhof Mann­heim. Mir wurde gesagt, dass es für die U19 der TSG nicht reicht.“ Er beginnt, neben der Schule als DJ zu arbeiten, und wäh­rend er mit dem neuen Klub in die A‑Ju­gend-Bun­des­liga auf­steigt und noch ein Jahr auf höchstem Junio­ren­ni­veau spielt, rutscht er durch seine Tätig­keit als DJ in ein kleines Pro­duk­ti­ons­team, Laser­kraft 3D, das mit Nein, Mann!“ 2010 einen inter­na­tio­nalen Charterfolg hat. Fortan arbeitet Meyer als Tour­ma­nager der Gruppe; statt auf Fuß­ball­plätzen ver­bringt er seine Wochen­enden nun in den großen Klubs der Tech­no­szene. Ich bin zwei Jahre lang durch ganz Europa getourt, war jedes Wochen­ende in einem anderen Klub.“ Die Musik wird zum neuen Lebens­in­halt, Meyer beginnt ein Stu­dium an der Pop­aka­demie Mann­heim, mitt­ler­weile lebt er als Musik­ma­nager in Berlin. Viel­leicht hätte ich irgend­wann Regio­nal­liga spielen können. Aber ich wusste, dass es für ganz oben nicht reicht, und rum­düm­peln wollte ich nicht. So wie es ist, bin ich froh.“