Seite 4: „Ich habe nie wieder so viel Spaß gehabt“

Spiel­be­trieb kennt er nur noch aus der vierten Liga, und wäre nicht Marco Kurz ent­lassen worden, wer weiß, wohin der Weg Groß geführt hätte. Aber der neue Trainer Ralph Hasen­hüttl setzt auf ihn, in der Fol­ge­saison gibt er 23 Tor­vor­lagen, die meisten seit Beginn der Daten­er­fas­sung. Ohne Groß wäre der FCI nie­mals in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen, ohne Kurz’ Miss­erfolg aber wäre Groß wohl nicht zum besten Spieler der zweiten Liga geworden. Ähn­lich hätte es für einige andere aus der Gruppe auch laufen können. Talent, so scheint es, ist das eine. Alles andere ist ein großes Hätte-Wäre-Wenn. Ich habe nichts anders gemacht als vorher. Ich habe ein­fach nur Ver­trauen gespürt“, sagt Groß.

Er hat es vom kleinen Mann­heimer Stadt­teil­verein in den Pro­fi­fuß­ball geschafft, auch Manuel Gulde ist nach vielen Ver­let­zungen mitt­ler­weile Stamm­spieler in Karls­ruhe, ebenso wie Marco Ter­razzino beim VfL Bochum, dessen Elastico-Trick im Liga­spiel gegen Fürth – eine tech­nisch hoch­wer­tige Finte des Bra­si­lia­ners Ronald­inho – noch Wochen danach beim Klas­sen­treffen für Gelächter sorgt. Auch Robin Szarka, der von allen am längsten in Hof­fen­heim bleibt, ist im Pro­fi­fuß­ball gelandet, bei Energie Cottbus. Dass er so lange in Hof­fen­heims U23 auf seine Chance war­tete, wurde der­weil vom Schicksal belohnt: Sein Bun­des­li­ga­debüt fei­erte Szarka in einem der denk­wür­digsten Spiele der letzten Jahre, Hof­fen­heims 2:1 in Dort­mund am letzten Spieltag der Saison 2012/13, als sich die TSG glück­lich in die Rele­ga­tion ret­tete. Szarka erlebte gleich bei seinem Debüt eine Partie, auf die andere ihr Leben lang warten müssen. Vor 80 000 Leuten, ich war völlig unvor­be­reitet. Und dann so ein Spiel. Das war eine Genug­tuung, weil ich nie auf­ge­geben habe.“

Das ist im Pro­fi­be­reich etwas ganz Beson­deres“

Fragt man die Sieben, wie sie an die Zeit in Neckarau zurück­denken, schweigen sie eine Weile. Das war die geilste Zeit. Ich habe nie wieder so viel Spaß gehabt“, sagt Pascal Groß, und die anderen nicken bedächtig, als gedächten sie eines wei­teren, achten Kum­pels, der es leider nicht zum Treffen geschafft hat. Aber die Wehmut beim Gedanken an die Jugend weicht schnell all den Geschichten, die die gemein­same Ver­gan­gen­heit fabri­ziert hat. Die Spiele auf dem Sport­platz Rhein­gold­straße, wo die Bäume so dicht ins Feld wuchsen, dass Groß’ Ecken in den Ästen hän­gen­blieben. Die Duelle gegen die Mann­heimer Platz­hir­sche vom VfR oder von Waldhof, als sich sämt­liche Schul­klassen der Jungs zu hun­derten um die Bande drängten. Die vielen, vielen Abende, die sie nach dem Trai­ning noch auf dem Platz blieben, gegen die Däm­me­rung ankickten, bis dann zu Hause das Essen war­tete. Wir haben auch abseits des Platzes unglaub­lich viel mit­ein­ander gemacht. Poker gespielt, Pizza bestellt. Ein­fach abge­hangen“, sagt Meyer, und die Freunde freuen sich beim Gedanken an eine Zeit, in der sie mit fünf Euro am Poker­tisch saßen und jeder Euro Ein­satz sorgsam abge­wägt werden wollte.

In dieser Kon­stel­la­tion haben wir uns das letzte Mal wahr­schein­lich 2007 im Mann­schaftsbus gesehen“, sagt Groß, der Marco Ter­razzino und Anthony Loviso noch immer zu seinen besten Freunden zählt und mit Ter­razzino in Karls­ruhe eine Weile in einer WG wohnte, auch wenn die Woh­nung eine Kata­strophe war“, wie er sagt. Auch Manuel Gulde und Philipp Meyer haben noch immer ein enges Ver­hältnis. Ich war beim Rele­ga­ti­ons­spiel des KSC dabei, als Manuel fast auf­ge­stiegen ist“, sagt Meyer. Ach, sind wir gar nicht auf­ge­stiegen“, fragt Gulde scherz­haft in die Runde. Das ist im Pro­fi­be­reich etwas ganz Beson­deres. Dass man rich­tige Freunde hat. Wir haben ein­ander immer alles gegönnt. Auch heute noch. Das ist cool“, sagt Pascal Groß und kramt in seiner Sport­ta­sche, wäh­rend sich die anderen über alte Zei­tungs­ar­tikel und Mann­schafts­fotos beugen.

Denn natür­lich endet diese Geschichte auch auf dem Neckarauer Bolz­platz, wo sich Groß und Ter­razzino nach dem Treffen noch die Bälle um die Ohren schießen, am ersten Tag ihres Urlaubs, als gebe es selbst als Pro­fi­fuß­baller nichts Groß­ar­ti­geres, als mit den alten Kum­pels zu kicken. Und viel­leicht gibt es das auch nicht. Groß trägt dabei ein altes Hof­fen­heimer Trikot – mit der Nummer 17 und dem Namen Ter­razzino“.