Seite 3: Nach fünf Jahren Party kommt der Kater

Für die übrigen sechs Freunde geht der Weg der­weil weiter nach oben. Gulde und Ter­razzino werden mit der gol­denen Fritz-Walter-Medaille aus­ge­zeichnet, nach der Meis­ter­saison gehören Ter­razzino, Groß und Gulde den Profis an und feiern nach und nach ihre Bun­des­li­ga­de­büts. Wäh­rend vor allem Marco Ter­razzino als Next Big Thing gehypt wird, arbeiten die anderen in der U19 an der Pro­fi­kar­riere. Philipp Meyer ver­folgt die Spiele der TSG am Wochen­ende in der Sky-Ein­zel­op­tion und hofft darauf, dass er seine Kum­pels sieht. Das war richtig geil, wenn sie ein­ge­wech­selt wurden. Ich habe immer sofort per SMS gra­tu­liert.“ Auch Szarka, Loviso und Gruber gönnen ihren Kum­pels den Erfolg, Neid gibt es nicht. Ich habe mich für sie gefreut. Ich war auch nicht ent­täuscht, dass ich noch nicht bei den Profis dabei war. Ich dachte, dann soll es eben noch nicht sein“, sagt Robin Szarka. Doch die Euphorie weicht schnell den Rea­li­täten des Pro­fi­ge­schäfts. Manuel Gulde zieht sich eine Ver­let­zung nach der anderen zu, Ter­razzino und Groß kämpfen mit der unbe­kannten Druck­si­tua­tion in einem Pro­fi­kader. Nach fünf Jahren Party kommt der Kater.

Der Hype war viel zu viel“, sagt Ter­razzino über diese Zeit, und man sieht, wie ihm die Locker­heit, die er an sich hat, schlag­artig abgeht, wenn er dar­über spricht. Als ich einmal leicht ver­letzt war, war sofort eine Dop­pel­seite über mich in der Zei­tung, ›Rang­nick bangt um dieses Talent‹ war der Titel. Da war ich 17 und dachte nur: Was ist denn jetzt los?! Ich war noch nicht bereit für die Bun­des­liga, weder mental noch kör­per­lich.“ Der Über­gang vom Jugend- zum Her­ren­be­reich droht im ersten Anlauf zu schei­tern, auch weil der Verein unge­duldig ist. Es wurde zu früh zu viel von uns gefor­dert. Bei meinem vor­letzten Spiel für die Profis sagte Rang­nick in der Halb­zeit zu mir: ›Du kommst jetzt rein und drehst das Spiel.‹ Aber ich spielte nicht gut, ich war ängst­lich. Nach der Partie kri­ti­sierte er mich öffent­lich auf der Pres­se­kon­fe­renz“, sagt Ter­razzino, und würde man ihn erst in diesem Moment ken­nen­lernen, man würde nicht ver­stehen, was die anderen meinen, wenn sie ihn als Gute Seele“ oder Spaß­vogel“ beschreiben.

Wir sind ver­heizt worden.“

Es sind vor allem der hohe Erwar­tungs­druck und die Dop­pel­be­las­tung mit Schule bzw. Berufs­schule und Aus­bil­dung, die Ter­razzino und Groß zusetzen. Ich bin jeden Tag, Marco zweimal die Woche um sechs Uhr früh mit dem Zug zur Schule gefahren. Tags­über war dann Trai­ning und spät­abends war ich wieder zu Hause“, sagt Groß. Es gab Tage, da saßen Marco und ich mor­gens im Zug, haben uns ange­guckt und gesagt: Komm, wir bleiben ein­fach sitzen. Wir fahren ein­fach weiter, egal. Ich war nur noch erschöpft.“ Sie trai­nieren mit den Profis, helfen in der U19 und U23 aus, haben geson­dertes Ath­le­tik­trai­ning – der Sport ist par­allel zur Schule zum Beruf geworden. Und über­for­dert die Jungs. Irgend­wann hatte ich keine Lust mehr auf Fuß­ball“, sagt Ter­razzino. Wir sind ver­heizt worden.“

Auch bei den übrigen stockt die Kar­riere. Der rich­tige Trainer, Gesund­heit, Glück – auf dem Weg zum Profi spielt alles eine Rolle. Marcel Gruber, der mit 15 Jahren der erste Junio­ren­na­tio­nal­spieler aus der Gruppe war, ver­letzt sich zu einem ungüns­tigen Zeit­punkt, der Verein lässt ihn fallen. Gruber wech­selt zu Astoria Wall­dorf in die Ver­bands­liga, für die er eigent­lich zu gut ist. Nach einem geschei­terten Ver­such, über die Reserve des FSV Frank­furt noch den Sprung in die zweite Liga zu schaffen, ent­scheidet er sich 2013 für ein Archi­tek­tur­stu­dium in Darm­stadt, wo er nun seinen Master macht. Für mich ist es nicht optimal gelaufen. Aber trotzdem will ich die Zeit nicht missen. Damals war es die rich­tige Ent­schei­dung, nach Hof­fen­heim zu gehen.“

Ich bin in ein ziem­li­ches Loch gefallen“

Ähn­lich wie Gruber ergeht es Anthony Loviso, der mitt­ler­weile im Ver­trieb eines ita­lie­ni­schen Unter­neh­mens in Mann­heim arbeitet. In der A‑Jugend noch Kapitän, eröffnet ihm der dama­lige Sport­di­rektor Ernst Tanner, dass es für den Pro­fi­be­reich nicht reicht. Ein Ein­schnitt, mit dem Loviso lange zu kämpfen hat. Ich bin in ein ziem­li­ches Loch gefallen und durch die Gegend getin­gelt, habe mal in Cottbus mit­trai­niert oder bei Odense BK. Aber letzt­lich war es uto­pisch, dass ich Profi werde. Ich habe von Anfang an zu wenig für meinen Traum getan. Wenn die anderen im Kraft­raum waren, habe ich in der Küche eine große Schüssel Kellogg’s gegessen“, sagt er heute.

Für die Belie­big­keit, mit der eine Fuß­bal­ler­kar­riere in die eine oder andere Rich­tung führen kann, steht exem­pla­risch Pascal Groß. Gemeinsam mit Ter­razzino bei Hof­fen­heim in die U23 zurück­ge­stuft, geht er 2011 zum KSC in die zweite Liga und schließ­lich nach Ingol­stadt. Unter Marco Kurz ist Groß plötz­lich Sechser Nummer sechs im Kader. Wenn die anderen zum Trai­nings­spiel antraten, habe ich dem dritten Tor­wart auf dem Neben­platz die Bälle aufs Tor geschossen.“

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Manuel Haupt­mannl