»Was war das denn?« Eric Can­tona streicht sich durch sein ras­pel­kurzes Haar, blickt mit großen Augen in Rich­tung Sturm­partner Andy Cole. Das Old Traf­ford erhebt sich, es gibt Stan­ding Ova­tions – aber nicht für Can­tona. Der Kragen seines Tri­kots steht steif wie der eines stolzen Feld­herren, dabei ist er gerade der dümmste Krieger im Sta­dion. Aus zwei Metern ist er geschei­tert, das Tor war leer, der Ball kul­lerte ihm vom rechten Fuß und prallte Zen­ti­meter vor der Linie an den aus­ge­fah­renen Fuß eines deut­schen Ver­tei­di­gers.



Es ist der 23.04.1997, Cham­pions League-Halb­fi­nale. Man­chester United emp­fängt Borussia Dort­mund, es geht um den Einzug ins Finale. Die Fans erheben sich, es gibt Stan­ding Ovan­tions – für einen bloody german, für den Kokser, Jürgen Kohler. »Das war pures Glück. Den macht Can­tona eigent­lich im Tief­schlaf, aber in dem Moment schießt er genau dahin, wo ich meine Fuß hin­hebe«, erin­nert sich Kohler heute. Old Traf­ford hat einen deut­schen Helden gefunden.

An jedem ver­dammten Sonntag

Heute wird Old Traf­ford, das »Theater der Träume«, ein­hun­dert Jahre alt. In diesem Jahr­hun­dert ist viel pas­siert, zu viel, um alles auf­zu­schreiben, ohne einen großen Moment zu ver­gessen. Erst­mals rollte der Ball am 19. Februar 1910 durch das Sta­dion. Der Archi­tekt Archi­bald Leitch hatte dieses Monu­men­tal­werk der Fuß­ball­ge­schichte erbaut, das Platz für 80.000 fuß­ball­hung­rige Fans bot. Die Kosten: lächer­liche 90.000 Pfund. Knapp 50.000 Zuschauer strömten zum Eröff­nungs­spiel zwi­schen United und dem Erz­ri­valen FC Liver­pool in die nagel­neue Arena. United ver­liert 3:4, das tat weh, dar­über hinweg half wohl nur die Freude über die neue Heimat der Red Devils. Old Traf­ford wird zur Kathe­drale Man­ches­ters, zu der sie hin­strömen, um ihre Helden kämpfen zu sehen. An jedem ver­dammten Heim­spiel­sonntag.

Sur­render? Never!

Als die Deut­sche Luft­waffe wäh­rend des Zweiten Welt­kriegs immer wieder die Indus­trie­stadt Man­chester als Ziel heim­sucht, bleibt auch Old Traf­ford nicht ver­schont. Die Bom­ben­tep­piche zer­legen das alte Old Traf­ford fast in seine Ein­zel­teile, nur der Spie­ler­tunnel trotzt den Nazi-Bomben, bleibt stehen. Ein Zei­chen des Wider­stands. Sur­render? Never!

Um ihn herum wird Old Traf­ford wieder auf­ge­baut, aber erst nach zehn Jahren kann United wieder zu einem Spiel in das Theater ein­laufen. Solange müssen sie beim Stadt­ri­valen City an der Maine Road spielen. Eine Höchst­rafe. Auch dafür hassen sie die Deut­schen.

Man hat geweint, man hat gesungen

»Wenn man beim Ein­laufen da unten im Tunnel steht, grollt es über einem wie bei einem Erd­beben. Das ist ein­fach phan­tas­tisch«, spricht Kohler über seine ein­dring­lichste Erin­ne­rung an Uniteds Heimat und ergänzt: »Diese Enge, diese Nähe zu den Fans habe ich selten wieder in einem Sta­dion erlebt. Man schaut sich um und alles ist rot. Old Traf­ford ist ein Mythos.« Ein Mythos, der von seinen Legenden lebt, von den Bests, den Laws, den Charl­tons, von großen Siegen und schweren Nie­der­lagen. Man hat zusammen geweint, dort oben auf den Stands, man hat zusammen gesungen, um die Tränen zu ver­gessen. Sich in den Armen gelegen, Pints ver­schüttet und Backen­futter ver­teilt.

An jeder Ecke atmet Old Traf­ford die Geschichte des Ver­eins: Die Munich Clock am Ein­gang zeigt Uhr­zeit und Datum des tra­gi­schen Flug­zeug­ab­sturzes der legen­dären 58er Mann­schaft, den Busby Babes. Die lebens­große Matt Busby-Statue über dem Ein­gang des East Stand, in dessen Bauch United heute seinen größten Fan­shop behei­matet, ehrt den Mann, ohne den United nicht das wäre, was es heute ist.

Trotz aller groß­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ansätze ist United eine Reli­gion für die Men­schen und das Old Traf­ford ist die Kirche. Das Stret­ford End, einst die größte Steh­platz­tri­büne im Old Traf­ford, ist ihr Altar. Lange hingen sie hier, die groß­flä­chigen United-Banner. Sie wurden aus Pro­test gegen die ame­ri­ka­ni­schen Besitzer abge­hängt, doch wirk­lich weg waren sie nie: Das »20Legend«, das Super-Joker Sol­skjær ehrt, das »Sent To Me From Heaven…You Are My World«, in stillen Gedenken an Geroge Best und das »34 years«, der Arsch­tritt für Man­City, die seit 34 Jahren auf einen Titel warten. Wer es auf ein Banner im Stret­ford End schafft, ist Teil der United-Geschichte, Teil von Old Traf­ford. Offi­zi­elle »Kings of Stret­ford End« durften sich bisher nur zwei nennen: Dennis Law und Eric Can­tona.

Die Fans wollen Kohler nicht gehen lassen

»Was war das denn?« Can­tona schüt­telt den Kopf, das Stret­ford End erhebt sich. United ist so eben gegen Borussia Dort­mund aus­ge­schieden, die Fans applau­dieren, »Kohler, Kohler«-Rufe hallen durch das Rund. »Das war eine Abwehr­schlacht. Wir haben uns mit aller Kraft gegen das Gegentor gewehrt. Und Glück hatten wir auch. Der liebe Gott hatte an dem Tag einen Borus­sen­schal um«, meint Jürgen Kohler heute. Das Abwehr­schlacht­haus selbst kriegt von der Hul­di­gung seiner Person nichts mit: »Meine Kol­legen haben mir nachher erst erzählt, dass jedes Mal ein lautes Raunen von den Rängen kam, wenn ich in Ball­nähe war.« 

Am nächsten Tag werden die United-Fans in Massen die Lei­tungen der ört­li­chen Radio­sta­tionen blo­ckieren. United ist raus. So kurz vorm Ziel. Aber das ist egal, denn jetzt haben sie nur einen Wunsch: Man muss das Dort­munder Flug­zeug stoppen. Kohler darf nie mehr die Insel ver­lassen, soll gleich einen Ver­trag bei den Red Devils unter­schreiben. »Es war immer ein Traum von mir auf der Insel zu spielen. Einmal hatte ich auch ein ganz kon­kretes Angebot, aber Borussia Dort­mund wollte mich nicht gehen lassen.« Auch er hätte zur Legende in Old Traf­ford werden können, mit einem Banner geehrt. Viel­leicht hätte es da oben am Stret­ford End noch in 100 Jahren gehangen. Ein haus­großes, rotes Stück Stoff mit neun, rie­sigen weißen Buch­staben: »The Kokser«.