Die Karriere des intersexuellen Profis James Johnson

»Ich bin, wer ich bin«

Iyabo Abade spielte einst für Nigerias Frauen-Nationalteam. Später kickte derselbe Mensch unter den Namen James Johnson in der höchsten Männer-Spielklasse des Landes.

Screenshot: youtube.com

Es kam der Tag, an dem Iyabo Abade nicht mehr Iyabo Abade sein wollte. »Wenn dich niemand akzeptiert, wie du bist, dann ist es so, als könntest du nicht fort existieren«, spürte der Mensch, der einst für Nigerias Frauen-Nationalteam auf Torejagd ging und später zum Männerfußball wechseln musste. Er nannte sich nun James Johnson – und schaffte es immerhin in Nigerias höchste Spielklasse. Iyabo Abade aber hatte nicht etwa betrogen, indem sie sich als körperlich überlegener Mann in den Frauensport eingeschleust hatte. Iyabo war gar kein Mann. Streng genommen, war sie auch keine Frau. Iyabo gehörte dem sogenannten dritten Geschlecht an, das all jene Personen zusammenfasst, die sich im binären Geschlechtssystem – sprich: Mann oder Frau – nicht präzise einordnen lassen. Oder einordnen lassen wollen.

Das schlimmste Erlebnis

»Ich wurde wie ein Mädchen erzogen, aber ich hatte früh Merkmale beider Geschlechter«, offenbarte der heute 40-jährige James Johnson kürzlich in einem TV-Interview mit der britischen BBC. Die junge Iyabo besaß eine Scheide, bekam aber in der Pubertät keine Brüste. Auch ihre Gesichtszüge hatten etwas markant Maskulines. Iyabo war von Geburt an intersexuell – so wie etwa jeder 500. bis 1000. Mensch auf der Welt. Allein in Deutschland leben laut Schätzungen etwa 80.000 Personen mit körperlichen bzw. hormonellen Merkmalen beider Geschlechter. Laut Statistik müsste also jeder von uns ein bis zwei intersexuelle Bekannte haben. Doch die meisten Betroffenen halten ihre Besonderheit so gut wie möglich geheim.

Wenn du aber Fußball spielst, noch dazu auf großer Bühne, ist es schwierig, gewisse Dinge für dich zu behalten. »Es gab da diesen Vorfall mit einer Gegenspielerin, für die ich augenscheinlich viel zu schnell war«, erinnert sich James Johnson schmerzvoll an den Frauen-Afrika-Cup des Jahres 1998. »Ihr fiel wohl nichts Besseres ein, als mir vor allen Leuten im Stadion die Hose runter zu ziehen. Zum Glück stellten sich meine Mitspielerinnen schützend vor mich. Das war das schlimmste Erlebnis meines Lebens.« Iyabo Abade war entblößt. Körperlich. Seelisch. Und trotz des Einschreitens der Teamkolleginnen fühlte sie sich später völlig allein mit ihrem Schmerz und der Demütigung.

Super-Falke

Mit dem Fußballspielen begonnen hatte Iyabo im Alter von elf Jahren. Sie war talentiert. Schnell. Und robust. Schon als Teenager spielte sie für die »Jegede Babes« in Nigerias höchster Frauen-Spielklasse. Dort schoss sie alles in Grund und Boden: 38 Tore in der Saison 1996 bedeuteten einen neuen Ligarekord. »Wann immer ich auflief, sagten viele, dass ich spiele wie ein Mann. Das verwirrte die Leute.« Und machte die Talentspäher aufmerksam. Trotz leiser Gerüchte über Iyabos wahre geschlechtliche Identität erhielt sie schon bald eine Einladung zu den »Super-Falcons« (zu deutsch: Super-Falken/Spitzname der Frauen-Nationalmannschaft von Nigeria; die Redaktion).