Warum die EM 1984 für Hans-Günter Bruns schon vorbei war, ehe sie begonnen hatte
Der­wall hatte mich auf dem Kieker“

Wir schreiben das Jahr 1984. Mit 29 Jahren feiert Hans-Günter Bruns kurz vor der Euro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich sein Debüt in der Natio­nal­mann­schaft. Zu einem EM-Ein­satz kommt er aber nicht. Warum, verrät Bruns selbst.

Zu meiner Zeit waren schon ein paar gute Liberos unter­wegs: Mat­thias Herget, Klaus Augen­thaler und auch Uli Stie­like, der teil­weise die Posi­tion bekleidet hat. Ich habe mir nicht groß Gedanken dar­über gemacht, ob es mit der Natio­nalelf noch was wird. Ich wollte meine Leis­tung im Verein bringen und habe mir gedacht: Irgend­wann werden die viel­leicht mal auf­merksam.“
1984 war es dann so weit. Bei meinem Debüt in Bel­gien bin ich zur Halb­zeit als Links­ver­tei­diger rein gekommen. Anschlie­ßend habe ich gegen die UdSSR im Mit­tel­feld gespielt und dann kam das ganz heiße Spiel gegen Frank­reich in Straß­burg. Wie Toni Schu­ma­cher dort aus­ge­pfiffen worden ist! Da haben gefühlt zwei Sta­dien gepfiffen, weil es zwei Jahre zuvor die Nummer mit Patrick Bat­tiston gab. Ich durfte zum ersten Mal in der Natio­nal­mann­schaft als Libero ran und habe meine Sache trotz der 0:1‑Niederlage nicht so schlecht gemacht. Des­halb hat Jupp Der­wall mich dann auch mit zur Euro­pa­meis­ter­schaft mit­ge­nommen.
Er war schon ziem­lich am Ende als Bun­des­trainer, auch mental. Ich glaube, dass er die Dinge nicht mehr so beur­teilen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Ich bin kein Typ, der auf den Busch klopft, aber zu der Zeit war ich mit Sicher­heit der form­stärkste deut­sche Libero.
Dass ich nicht gespielt habe, lag ver­mut­lich auch an der Sache mit Lothar Mat­thäus im Vor­feld der EM. Zwei, drei Wochen vor dem Tur­nier­auf­takt sind wir nach Frank­reich auf­ge­bro­chen. Am Tag vor dem Abflug haben wir uns in Frank­furt getroffen. Beim Abend­essen meinte Der­wall, dass wir um Mit­ter­nacht im Bett sein sollten. Wir haben uns nur ange­schaut und dachten: Das meint der jetzt nicht ernst.“
Schließ­lich ging es ins Trai­nings­lager, lange Wochen ohne Unter­hal­tung standen uns bevor. Toni Schu­ma­cher, Rudi Völler, Karl-Heinz Förster, Karl-Heinz Rum­me­nigge und die anderen beschlossen: Wir gehen alle raus.“ Ich bin mit Lothar Mat­thäus nach Wies­baden gefahren, wo er jemanden kannte. Später stand ein Lokal­jour­na­list an unserem Tisch: Was macht ihr denn hier?“ Der ging uns irgend­wann auf den Keks, ich bin dann ein biss­chen pampig geworden.
In der Woche danach hörte ich gar nichts mehr von der Geschichte und hatte sie schon ver­gessen. Aber irgend­wann ist den Medien wohl der Stoff aus­ge­gangen. In der zweiten Woche kam Wolf­gang Niers­bach, der damals noch für den SID geschrieben hatte, zu mir: Morgen wird etwas über euch beide in der Zei­tung stehen. Du hät­test einem Reporter Schläge ange­droht.“ Die ganze Sache wurde auf­ge­bauscht und die Tat­sa­chen ver­dreht.
Der­wall wollte uns direkt nach Hause schi­cken. Es gab ein Treffen mit dem Spie­lerrat um Rum­me­nigge, Völler, Schu­ma­cher, Förster und Allofs sowie Der­wall und dem DFB-Prä­si­denten Her­mann Neu­berger. Bevor das Gespräch über­haupt los ging, tobte Der­wall schon: Ich schmeiß die beiden raus. Die können heute noch nach Hause fliegen.“
Richtig klasse fand ich, was Rum­me­nigge ihm ent­geg­nete: Herr Der­wall, dann müssen sie uns alle nach Hause schi­cken. An dem Abend waren wir näm­lich alle draußen.“ Das konnte der über­haupt nicht fassen. Der­wall war völlig kon­ster­niert und hat gar nichts mehr gesagt. Neu­berger hat die Situa­tion berei­nigt, indem er Lothar und mir offi­ziell eine Strafe von je 2.000 D‑Mark auf­ge­brummte. Die Öffent­lich­keit war zufrieden, aber tat­säch­lich mussten wir nichts zahlen. Aber ich könnte mir vor­stellen, dass Der­wall mich ab diesem Augen­blick ein biss­chen auf dem Kieker hatte.
Beim EM-Auf­takt in Straß­burg gegen Por­tugal durfte Stie­like ran. Wahr­schein­lich wollte Der­wall mit der Auf­stel­lung allen aus dem Weg gehen. Bei dem Spiel hätte der Platz­wart keine Tore auf­stellen müssen – es gab nicht eine Chance. Vor dem Rück­flug in unser Quar­tier nach Paris kamen die ganzen Pres­se­leute zu mir: Im nächsten Spiel bist du Libero und Stie­like rückt ins Mit­tel­feld.“ Die Partie gegen Rumä­nien rückte immer näher, aber am Tag vor dem Spiel habe ich gemerkt, dass er mich wieder nicht spielen lassen würde. Tat­säch­lich war Stie­like wieder Libero.
Der Hammer kam aber erst wäh­rend des Spiels: Karl-Heinz Förster wollte aus­ge­wech­selt werden, also hat Der­wall mich zum Warm­ma­chen geschickt. Ich bin einmal hoch gelaufen, wieder runter, wieder hoch. Als ich mich an der Eck­fahne umdrehe, sehe ich, wie Guido Buch­wald für Förster ein­ge­wech­selt wird. Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Der­wall meinte zu mir: ‚„u kannst dich wieder hin­setzen.“

In den Tagen danach ist die Situa­tion zwi­schen Der­wall und mir end­gültig eska­liert, weil ich ihm sagte, dass ich die ganze Sache nicht begreifen könnte. Selbst Co-Trainer Horst Köppel ver­stand nicht, warum ich nicht ran gedurft hatte. Im dritten Spiel gegen Spa­nien hätte ein Unent­schieden zum Wei­ter­kommen gereicht, aber Maceda machte in der 90. Minute das Tor und wir waren draußen.
Nach der EM stand ich bei Franz Becken­bauers Debüt als Natio­nal­trainer als Innen­ver­tei­diger in der Startelf. Wir traten in Düs­sel­dorf gegen Argen­ti­nien an und Becken­bauer ist aus irgend­einem Grund auf die Idee gekommen, dass Deutsch­land jetzt auch mal mit Vie­rer­kette spielen müsste. Damit fängt man viel­leicht gegen Malta an, aber nicht unbe­dingt gegen Argen­ti­nien. Nicht einer von uns hatte zuvor mal in einer Vie­rer­kette gespielt. Wir hatten zwei Tage Zeit, das Ganze aus dem Stand ein­zu­stu­dieren.
Das ging natür­lich nicht. Die Argen­ti­nier haben im ersten Durch­gang mit uns gemacht, was sie wollten, und lagen 2:0 vorn. Becken­bauer wollte nichts ändern. Als er aus der Kabine raus war, haben Ditmar Jakobs, ich und ein paar andere gesagt: Wenn wir so wei­ter­spielen, kriegen wir noch drei oder vier Stück.“ Also haben wir von uns aus das System hin zum Libero mit zwei Mann­de­ckern geän­dert. Am Ende haben wir 1:3 ver­loren, waren aber drauf und dran, das Spiel zu kippen.
Franz meinte aller­dings, dass ich der Aus­löser für die Ände­rung des Sys­tems gewesen sei. Nach dem Spiel hat er zu mir gesagt: Für dich war es das letzte Spiel hier, weil du meine Vor­gaben eigen­ständig geän­dert hast!“ Ich habe das akzep­tiert und nichts dazu gesagt, weil ich die anderen nicht in die Pfanne hauen wollte. Somit war es für mich vorbei. Becken­bauer spielte nie wieder mit einer Vie­rer­kette gespielt. Wer weiß, viel­leicht hätte ich noch einige Län­der­spiele gemacht.
Im Nach­hinein war meine Län­der­spiel­kar­riere eine ganz kuriose Geschichte. Da kam einiges an unglück­li­chen Umständen zusammen. Aber ich möchte diese Zeit nicht missen. Ich habe vier Län­der­spiele gemacht und war bei einer Euro­pa­meis­ter­schaft dabei. All das, was ich mir als Kind erträumt hatte, habe ich erreicht.“

Zur Person
Hans Günter Bruns (* 15. November 1954 in Mül­heim) absol­vierte zwi­schen 1974 und 1990 366 Bun­des­li­ga­spiele (63 Tore) und 58 Zweit­li­ga­par­tien (25 Tore) für Schalke 04, die SG Wat­ten­scheid 09, For­tuna Düs­sel­dorf und Borussia Mön­chen­glad­bach. Zudem bestritt er 4 Län­der­spiele (0 Tore). Seine größten Erfolge: UEFA-Cup­sieger 1979, DFB-Pokal­sieger 1980. Als Trainer führte Bruns Rot-Weiß Ober­hausen aus der Ober­liga Nord­rhein in die 2. Bun­des­liga. Der­zeit trai­niert er den Regio­nal­li­gisten Wup­per­taler SV Borussia.

Beim EM-Auf­takt in Straß­burg gegen Por­tugal durfte Stie­like ran. Wahr­schein­lich wollte Der­wall mit der Auf­stel­lung allen aus dem Weg gehen. Bei dem Spiel hätte der Platz­wart keine Tore auf­stellen müssen – es gab nicht eine Chance. Vor dem Rück­flug in unser Quar­tier nach Paris kamen die ganzen Pres­se­leute zu mir: Im nächsten Spiel bist du Libero und Stie­like rückt ins Mit­tel­feld.“ Die Partie gegen Rumä­nien rückte immer näher, aber am Tag vor dem Spiel habe ich gemerkt, dass er mich wieder nicht spielen lassen würde. Tat­säch­lich war Stie­like wieder Libero.

Der Hammer kam aber erst wäh­rend des Spiels: Karl-Heinz Förster wollte aus­ge­wech­selt werden, also hat Der­wall mich zum Warm­ma­chen geschickt. Ich bin einmal hoch gelaufen, wieder runter, wieder hoch. Als ich mich an der Eck­fahne umdrehe, sehe ich, wie Guido Buch­wald für Förster ein­ge­wech­selt wird. Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Der­wall meinte zu mir: Du kannst dich wieder hin­setzen.“

Selbst der Co-Trainer ver­stand Der­wall nicht

In den Tagen danach ist die Situa­tion zwi­schen Der­wall und mir end­gültig eska­liert, weil ich ihm sagte, dass ich die ganze Sache nicht begreifen könnte. Selbst Co-Trainer Horst Köppel ver­stand nicht, warum ich nicht ran gedurft hatte. Im dritten Spiel gegen Spa­nien hätte ein Unent­schieden zum Wei­ter­kommen gereicht, aber Maceda machte in der 90. Minute das Tor und wir waren draußen.

Nach der EM stand ich bei Franz Becken­bauers Debüt als Natio­nal­trainer als Innen­ver­tei­diger in der Startelf. Wir traten in Düs­sel­dorf gegen Argen­ti­nien an und Becken­bauer ist aus irgend­einem Grund auf die Idee gekommen, dass Deutsch­land jetzt auch mal mit Vie­rer­kette spielen müsste. Damit fängt man viel­leicht gegen Malta an, aber nicht unbe­dingt gegen Argen­ti­nien. Nicht einer von uns hatte zuvor mal in einer Vie­rer­kette gespielt. Wir hatten zwei Tage Zeit, das Ganze aus dem Stand ein­zu­stu­dieren.

Das ging natür­lich nicht. Die Argen­ti­nier haben im ersten Durch­gang mit uns gemacht, was sie wollten, und lagen 2:0 vorn. Becken­bauer wollte nichts ändern. Als er aus der Kabine raus war, haben Ditmar Jakobs, ich und ein paar andere gesagt: Wenn wir so wei­ter­spielen, kriegen wir noch drei oder vier Stück.“ Also haben wir von uns aus das System hin zum Libero mit zwei Mann­de­ckern geän­dert. Am Ende haben wir 1:3 ver­loren, waren aber drauf und dran, das Spiel zu kippen.

Franz meinte: Für dich war es das letzte Spiel!“

Franz meinte aller­dings, dass ich der Aus­löser für die Ände­rung des Sys­tems gewesen sei. Nach dem Spiel hat er zu mir gesagt: Für dich war es das letzte Spiel hier, weil du meine Vor­gaben eigen­ständig geän­dert hast!“ Ich habe das akzep­tiert und nichts dazu gesagt, weil ich die anderen nicht in die Pfanne hauen wollte. Somit war es für mich vorbei. Und Becken­bauer spielte nie wieder mit einer Vie­rer­kette.