Markus Feld­hoff, René Ryd­le­wicz und Jens Kiefer haben Ende Mai an der Hennes-Weis­weiler-Aka­demie in Hennef mit 21 anderen den Fuß­ball­lehrer-Lehr­gang des DFB ange­fangen. Als erstes sind sie nach Israel zur U21-EM gereist: zur Spiel­ana­lyse. Sie wohnen im Nach­bar­hotel der deut­schen Mann­schaft, direkt am Strand. Ryd­le­wicz ist sport­li­cher Leiter der U19 von Energie Cottbus, Feld­hoff war dort vor kurzem Assis­tenz­trainer von Cottbus, Kiefer ist gerade mit seinem SV Elvers­berg in der Rele­ga­tion gegen 1860 Mün­chen II in die 3. Liga auf­ge­stiegen. Unser Erfolgs­coach“, wie Feld­hoff sagt. Es gibt israe­li­schen Cap­puc­cino. Gegen Ende des Gesprächs kommt Patrick Herr­mann an den Tisch gejoggt. Und setzt sich dazu.

Markus Feld­hoff, René Ryd­le­wicz und Jens Kiefer: Können Sie kurz erklären, warum Sie hier in Israel sind?
Markus Feld­hoff: Wir sind in kleine Gruppen auf­ge­teilt, jede Gruppe betreut eine Mann­schaft bei diesem Tur­nier. Wir ana­ly­sieren Spiel­aufbau, Spiel­fort­set­zung, Offen­sive, Defen­sive, Umschalt­spiel. Wir müssen Videos von Spiel­szenen zusam­men­schneiden, die unsere Beob­ach­tungen unter­mauern. Das tragen wir dann den anderen vor. Der Vor­trag darf maximal 20 Minuten dauern.

Sind Sie dabei, wenn Rainer Adrion im Kreis der Mann­schaft tak­ti­sche Anwei­sungen gibt?
René Ryd­le­wicz: Nein. Wir sind unab­hängig von der deut­schen Mann­schaft hier, im Rahmen unserer Trai­ner­aus­bil­dung. Aber wir haben halt das Glück, die deut­sche Mann­schaft zu betreuen.

Wie sieht das in der Praxis aus: Filmen Sie die Spiele selbst?
Feld­hoff: Ja, wäh­rend eines Spiels hilft uns immer einer aus einer anderen Gruppe. Der filmt das kom­plette Spiel in der Totalen.

Worauf müssen sie achten?
Jens Kiefer: Wir schauen zunächst, wel­ches Spiel­system in der Defen­sive und wel­ches in der Offen­sive gewählt wird.

Wie sah das im Spiel Deutsch­land gegen Spa­nien aus?
Feld­hoff: Da spielte Deutsch­land defensiv ein 4−4−2, offensiv ein 4−2−3−1. Auf­grund des Geg­ners mussten sie ab und zu mal in ein 4−3−3 ver­schieben, weil Lewis Holtby einen spa­ni­schen Mit­tel­feld­spieler über­nehmen musste, da auch Spa­nien mit 4−3−3 spielte. Deutsch­land hat schon sein eigenes System, das sich aber pha­sen­weise auch nach dem Gegner ori­en­tiert – gerade wenn der so stark ist wie Spa­nien am Sonntag.
Ryd­le­wicz: Die Deut­schen spielten am Anfang Angriffs­pres­sing, dann Mit­tel­feld­pres­sing, und teil­weise Abwehr­pres­sing. Da sind alle Vari­anten ver­treten. Wir schauen, wann was statt­findet und ob die Mann­schaft es bewusst macht oder vom Gegner dazu gezwungen wird.

Hat Spa­nien das Spiel gemacht, wie es immer so schön heißt?
Feld­hoff: In den ersten zehn Minuten war es voll­kommen offen­sicht­lich, dass Deutsch­land vorne atta­ckieren und Druck machen wollte. Die Spa­nier schaffen es aber dann sich trotzdem mehr­mals zu befreien – weil ihre Spieler indi­vi­duell so extrem gut sind,. Dann sah man gleich, dass sich die Deut­schen wieder etwas zurück­zogen, weil sie sich nicht so sicher fühlte und merkten: Der Gegner ist so gut, dass er auch das hin­be­kommt.

Spielt die spa­ni­sche U21 genau wie die A‑Mannschaft auf Ball­be­sitz?
Ryd­le­wicz: Als Zweck ihrer Kom­bi­na­tionen steht nicht in erster Linie der Tor­schuss, son­dern die Spa­nier spielen wirk­lich Fuß­ball, um zu spielen. Und das durch­gängig von hinten nach vorne. Das fängt schon beim Tor­hüter an, geht über die Innen­ver­tei­diger, über die Außen. Sie ver­su­chen ständig, Drei­ecke zu bilden, und wenn Raum­ge­winn dabei raus­kommt, ist das gut. Aber wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm. Das hat schon Spaß gemacht, da zuzu­gu­cken.
Feld­hoff: Aber man sieht es jetzt bei der U21 genau wie bei Bar­ce­lona oder der A‑Nationalmannschaft: Klare Tor­chancen springen dabei eher selten heraus. Im Spiel gab es zwei, drei Schüsse aus 16 und 18 Metern, dann einen Pfos­ten­schuss, der aber aus einem indi­vi­du­ellen Abwehr­fehler ent­stand. Das Tor fiel am Ende durch eine Ein­zel­leis­tung.

Wie kann man dieses Spiel der Spa­nier am besten ver­tei­digen?
Kiefer: Da gibt es viele Mei­nungen. Wir waren mit zehn Leuten im Sta­dion in Net­anya und ich habe nach dem Spiel zehn ver­schie­dene Lösungs­vor­schläge gehört.
Feld­hoff: Wobei das opti­male Bei­spiel ja der FC Bayern ist. Sie waren die ersten, die es geschafft haben, das wirk­lich per­fekt zu ver­tei­digen. Sie haben in beiden Halb­final-Par­tien so gespielt, dass die Außen­ver­tei­diger mit den Stür­mern per­ma­nent mit­gingen, egal wohin. Und beide äußeren Mit­tel­feld­spieler mussten die geg­ne­ri­schen Außen­ver­tei­diger kon­trol­lieren. Das kostet sehr viel Kraft, und dazu braucht man sehr viel indi­vi­du­elle Qua­lität. Dazu hatten sie noch das Glück, dass Bar­ce­lona meh­rere Spieler fehlten.
Kiefer: Aber wenn ein Team diese indi­vi­du­elle Qua­lität nicht auf dem Platz hat, dass man das so machen kann, ist es aus meiner Sicht töd­lich gegen einen starken Gegner ganz vorne Angriffs­pres­sing zu spielen. Dann gucke ich, dass mein Team so tief steht wie es geht. Es hängt also stark von der indi­vi­du­ellen Klasse ab.

Aber andere Mann­schaften haben auch schon gegen Bar­ce­lona gewonnen…
Feld­hoff: Zum Bei­spiel der FC Chelsea, die spielten ein 4−5−1 am eigenen Sech­zehner, also sehr defensiv. Und einmal der AC Mai­land, sehr tief mit Kon­tern und der Hoff­nung, dass die wenigen Tor­chancen aus­ge­spielt werden. Celtic Glasgow genauso. Deutsch­lands U21 etwa hatte zehn Minuten vor Schluss beim Stand von 0:0 einen Frei­stoß aus güns­tiger Posi­tion. Da dachten wir auch: Jetzt wäre der rich­tige Moment für ein Kopf­balltor! Dann kannst du gegen die auch mal 1:0 gewinnen.
Ryd­le­wicz: Die Deut­schen waren nicht chan­cenlos. Klar waren die Spa­nier feld­über­legen, sie hatten mehr Ball­be­sitz – aber unterm Strich haben sie bis kurz vor Schluss kein Tor erzielt. Deutsch­land hat ein, zwei gute Kon­ter­chancen gehabt. Auf diese Art ist solch ein Spiel durchaus zu gewinnen.

Also gibt es ein sicheres Mittel spa­ni­sche Top­mann­schaften zu bezwingen?
Ryd­le­wicz: Kaum. Man sieht es allein schon daran, wie lange wir in Deutsch­land bereits dar­über dis­ku­tieren. Wenn wir das Mittel finden, wie man sie sicher bezwingt, dann werden wir ein Patent anmelden.

Wo lag aus ihrer Sicht der Fehler im deut­schen Spiel? Warum hat es nicht gereicht?
Feld­hoff: Die indi­vi­du­elle Qua­lität der Spa­nier war ein­fach größer. Darum haben wir ja die Dis­kus­sion in Deutsch­land um die U21. Was wäre, wenn wir kom­plett gewesen wären? Wenn wir alles auf dem Platz gehabt hätten, was wir haben: Götze, Kroos, Schürrle, Gün­dogan. Ich glaube, dann hätten wir von der indi­vi­du­ellen Qua­lität her sogar mit­halten können.
Ryd­le­wicz: Aber meine per­sön­liche Mei­nung ist, dass es in dem Alter auch eine gute Erfah­rung sein kann zu sehen: Hier ist meine Grenze. Ich muss noch viel tun, um mich zu ver­bes­sern! Das Ziel der U21 sollte ja sein, dass man es in die A‑Nationalmannschaft schafft. Und wenn man dann mit Anfang 20 merkt, meine Güte das ist ja noch ein langer Weg – dann ist das viel­leicht sogar von Vor­teil.
Feld­hoff: Tony Jantschke ist ein gutes Bei­spiel dafür. Der ist ein gestan­dener Bun­des­li­ga­spieler, in dem jungen Alter schon. Aber der spielte gegen Spa­nien meist gegen Tello, der schon sen­sa­tio­nelle Qua­li­täten in der Offen­sive besitzt. Auch gegen die Nie­der­lande war es so: Gegen unsere beiden Außen­ver­tei­diger, die eigent­lich sehr gut sind, haben sie ihre beiden schnellsten Spieler gestellt…
Kiefer: …John und Wij­naldum…
Feld­hoff: …und das auf­zu­fangen wird schwierig.

Haben Sie eigent­lich noch Spaß daran, Fuß­ball­spiele in Ihrer Frei­zeit zu gucken?
Ryd­le­wicz: Na klar. Sonst würde ich das hier nicht machen. Viel­leicht habe ich mich früher mehr berau­schen lassen und hat es ein­fach genossen, was da pas­siert. Aber jetzt zu erkennen, warum Dinge so sind, wie sie sind, ist ja auch span­nend.

Ver­stehen Sie jetzt deut­lich mehr von Taktik als früher in ihrer Zeit als aktive Spieler?
Feld­hoff: Man muss sagen, dass die Spieler heute deut­lich mehr ver­stehen als wir damals, weil sie viel besser geschult sind. Es ist alles sehr viel detail­lierter, die Ana­lysen sind sehr aus­führ­lich.
Ryd­le­wicz: Markus und ich haben ja selbst gemeinsam in der U21 gespielt. Die Jungs heute sind schon ein biss­chen weiter als wir damals.

Vom tak­ti­schen Ver­ständnis?
Ryd­le­wicz: All­ge­mein. Die fuß­bal­le­ri­sche Aus­bil­dung in Deutsch­land ist schon top, das merkt man den Spie­lern auch an.