Seite 5: Erstes Bundesligaspiel, erstes Tor

Rein sport­lich stellen sich den Ver­einen in diesem Sommer ent­schei­dende Fragen: Lassen sie ihren Talenten Fehler durch­gehen, ermög­li­chen sie ihnen Frei­heiten auf dem Rasen – und geben sie ihnen im Kampf mit den erfah­renen Spie­lern über­haupt eine Chance? Auf der anderen Seite müssen sich die Jugend­spieler fragen: Finden sie nach behü­teten Jahren in den Inter­naten ihren Weg, mit Wider­ständen und dem gestei­gerten Druck umzu­gehen – und zwar sport­lich und medial? Gehen sie selbst ins Risiko?

In den nächsten Monaten stehen erst einmal andere Spieler, die älter als 21 Jahre sind, in der Natio­nalelf vorne in der Schlange: Leroy Sané, Serge Gnabry, Leon Goretzka – alle drei spielen jetzt schon in Spit­zen­ver­einen um Titel. Für Arne Maier, Johannes Egge­stein und die anderen Spieler zwi­schen 18 und 21 gilt der flap­sige Spruch: Talent ist nur große Geduld.“ Gesagt hat das der Schrift­steller Ana­tole France – und aus­nahms­weise mal nicht Mehmet Scholl.

Erstes Bun­des­li­ga­spiel, erstes Tor

Manchmal starten große Kar­rieren eben auch nicht am Reiß­brett, son­dern am Rast­platz. Der zwanzig Jahre alte Mainzer Jugend­spieler Ridle Baku war im Mai gerade mit den Ama­teuren im Bus auf dem Weg zum Aus­wärts­spiel in Frei­burg. Am glei­chen Tag kämpfte die Pro­fi­mann­schaft mit Haut und Haaren gegen Leipzig um den Klas­sen­er­halt. Dem Trainer Sandro Schwarz bra­chen wegen Ver­let­zungen und Krank­heiten gleich zwei Mit­tel­feld­spieler weg, da erin­nerte er sich an diesen lauf­starken Bur­schen aus der Jugend: Ridle Baku. Ich kenne ihn schon lange und war über­zeugt, dass er das drauf hat, von Anfang an zu spielen“, sagt Trainer Schwarz heute. Er gab die Order, dass jemand schnell diesen Jungen her­bringen sollte. Baku bekam also die Nach­richt, stieg aus dem Bus und spa­zierte eine Stunde lang auf einem Rast­platz umher. Erst dann wurde er von einem Betreuer der ersten Mann­schaft mit dem Auto abge­holt und zurück nach Mainz gebracht.

[[{„type“:„media“,„view_mode“:„media_large“,„fid“:„233121“,„attributes“:{„alt“:““,„class“:„media-image“,„height“:„480“,„typeof“:„foaf:Image“,„width“:„320“}}]]

Bakus Eltern gehen regel­mäßig zu Mainz 05, und sie saßen auch gegen Leipzig auf der Tri­büne. Als die Spieler den Rasen betraten, trauten sie ihren Augen nicht: Ihr Junge, der doch eigent­lich in Frei­burg sein sollte, lief in der ersten Elf auf. Mainz spielte wie befreit, rang Leipzig 2:0 nieder und in der 90. Minute fiel kurz hinter der Mit­tel­linie ein hoher Ball vor Bakus Füße. Er legte ihn sich vor, rannte ein­fach los, vorbei am letzten Leip­ziger Ver­tei­diger und stand plötz­lich alleine vor dem Tor­wart. Die lange Ecke war frei, dachte er, und schob den Ball genau dort hin. 3:0. Erstes Bun­des­li­ga­spiel, erstes Tor, Baku legte sich ungläubig die Hände vors Gesicht. In der fol­genden Woche spielte Mainz beim Cham­pions-League-Anwärter Dort­mund, Baku zum ersten Mal vor 80 000 Zuschauern. Nach vier Minuten traf er mit einem Traumtor zum 1:0. Mainz gewann 2:1 – und fei­erte sen­sa­tio­nell den Klas­sen­er­halt.

Sein Vater rief ihn zu Ehren von Karl-Heinz Riedle stets Ridle“ 

Im Som­mer­trai­nings­lager trifft Mainz 05 auf das mit Alt­stars gespickte West Ham United. Der 20 Jahre alte schmäch­tige Ridle Baku wuselt rechts im Drei­er­mit­tel­feld umher. Nach zehn Minuten sprintet er bei einem Angriff bis in die vor­derste Reihe und ver­passt nur knapp das Tor. Trainer Schwarz hebt den Daumen. Gut, Ridle.“ Nur drei Minuten später schimpft Schwarz und hebt zwei Finger. Ridle, zwei vor der Abwehr, geht der Pierre, bleibst du.“ Baku nickt brav. Er läuft und läuft. Für die Fans ist der Junge, der seit der E‑Jugend für Mainz spielt, nach einer Saison voller Gra­ben­kämpfe und unge­wöhn­li­cher Mainzer Unruhe wie ein zusätz­li­cher Kitt. Und für alle Fuß­ball­ro­man­tiker kommt noch hinzu, dass ihn sein Vater zu Ehren von Karl-Heinz Riedle Ridle“ rief – bis der Filius sich den Namen in den Pass ein­tragen ließ. Eigent­lich fehlt in Mainz zur Glück­se­lig­keit nur noch, dass er nicht Ridle“, son­dern Kloppo Baku oder Bumm-Bumm Babatz Baku heißt.

Nach dem Spiel gegen West Ham steht er am Zaun bei den Jugend­li­chen, die nur ein paar Jahre jünger sind als er. Sie fragen nach seinen Schien­bein­scho­nern, nach einem Foto, nach einem Auto­gramm. Baku lächelt geschmei­chelt, tip­pelt von einem Fuß auf den anderen. Hinter ihm läuft West Hams Marko Arn­au­tovic vorbei und dreht ein Face­time-Video. Baku schaut kurz rüber, fast selbst Fan. So ganz kann er seine Geschichte noch nicht erklären. Er wisse gar nicht mehr, wie dieser omi­nöse Rast­platz damals hieß. Aber irgend­wann würde ich noch mal gerne dahin zurück­kehren, um alles Revue pas­sieren zu lassen.“

In der Debatte um Sys­teme, Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren, flache Hier­ar­chien oder Lauf­dia­gnostik ist Bakus Story eine Erin­ne­rung an die Basics. Am Ende sind es talen­tierte Fuß­baller, bloß Jungs, die los­laufen wollen. Die sich bes­ten­falls keine Platte machen“. Und falls irgendwer in ein paar Jahren den Start­punkt einer womög­lich großen Kar­riere besu­chen will: Es han­delte sich um die bes­tens gele­gene Auto­bahn­rast­stätte Bruchsal an der A5.