Seite 4: „Ich könnte heulen, dass wir den Jungen nicht gekriegt haben“

Selbst Schalkes Stamm­tor­wart Ralf Fähr­mann hält ihn für eines der größten Tor­wart­ta­lente, die Deutsch­land jemals hatte“. Doch an Fähr­mann, der S04-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur, kommt er nicht vorbei. Nübel ist ein Kum­peltyp, beim Gespräch in Öster­reich sagt er Sätze wie Ich mach mir da keine Platte“ oder dass er nicht so die Pakete“ (sprich: dicke Mus­keln) habe.

Der Ralle“ sei sein Freund und solle ihn mal wieder zum Grillen im neuen Garten ein­laden. Nübels Tor­hü­ter­bio­grafie sticht hervor, weil er in seiner Jugend in Pader­born nur höchs­tens zwei Mal pro Woche spe­zi­elles Tor­hü­ter­trai­ning erhielt. Ansonsten küm­merten sich die Keeper um sich selbst, übten Tor­schüsse und spielten im Feld gegen die jün­geren Keeper. Der Auto­di­dakt Nübel wurde so zu einem beid­fü­ßigen, mit­spie­lenden Tor­wart. Seine Stärken konnte er bisher nur in 46 Minuten Bun­des­liga unter Beweis stellen. Er erkennt die Stärke von Fähr­mann an, aber Nübel sagt auch: Wenn ich in der kom­menden Saison kein ein­ziges Spiel mache, muss ich mich sicher im nächsten Sommer umschauen.“

Ich könnte heulen, dass wir den Jungen nicht gekriegt haben“

Ähn­lich ergeht es Johannes Egge­stein, dem zwanzig Jahre alten Mit­tel­stürmer von Werder Bremen. Ihm wird ständig ein Älterer vor die Nase gesetzt. Egge­stein war Tor­schüt­zen­könig der B‑Ju­nioren-Bun­des­liga, der A‑Ju­nioren-Bun­des­liga, schoss sagen­hafte 80 Tore in 79 Spielen. Er galt zu dieser Zeit als Syn­onym für die deut­sche Zukunft – jetzt sta­gniert seine Kar­riere. Vor ihm ist Max Kruse gesetzt, nun sogar der 40-jäh­rige Claudio Pizarro. Nur sieben Spiele hat Egge­stein bisher als Profi absol­viert, in der ver­gan­genen Saison kam er auf mick­rige 93 Ein­satz­mi­nuten.

Eine so zähe War­te­zeit schien unwahr­schein­lich, als Egge­stein noch in den Junio­ren­mann­schaften für den TSV Havelse kickte. Bei einem renom­mierten Jugend­pokal in Nie­der­sachsen 2011 explo­dierte er, schoss 20 Tore für den Stütz­punkt Han­nover. Da haben wir gegen alle Kreis­aus­wahl­mann­schaften über­zeugt“, sagt Egge­stein. Er wurde so vom kleinen Sprung­brett in Havelse aus durch die Gala­xien der Scou­ting­ab­tei­lungen geschleu­dert. Nicht nur aus Deutsch­land riefen sämt­liche Ver­eine an, auch Man­chester United und der FC Liver­pool klin­gelten durch, zudem die U15-Natio­nalelf.

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Er aber ent­schied sich, in Havelse zu bleiben. Ich hatte doch alles da. Meine Freunde, meine Familie, Fuß­ball“, sagt er. Der Junge mit dem blonden Pony ist jemand, der nach­denkt, bevor er spricht. Ich glaube, dass es nicht schadet, wenn ein Fuß­baller lange zu einer ganz nor­malen Schule geht.“ Erst im Alter von 15 Jahren ent­schied er sich zum Wechsel und folgte seinem älteren Bruder Maxi­mi­lian nach Bremen. Als U15-Natio­nal­spieler schoss er gleich sieben Tore in vier Spielen. Ich könnte heulen, dass wir den Jungen nicht gekriegt haben“, zeterte Han­no­vers Scout Dieter Schatz­schneider.

Wir brau­chen Geduld“

Die Bild“-Zeitung berich­tete über das Juwel aus dem Stadt­teil Garbsen, als wäre soeben die Vor­herr­schaft im deut­schen Fuß­ball ent­schieden worden. Als Werder Bremen 2016 Egge­steins Ver­trag ver­län­gern wollte, musste sich der Verein erneut gegen Bewerber wie Man­chester United durch­setzen. Er blieb, weil er dem Klub etwas zurück­geben wollte, sagt er. Zwei Jahre später, im letzten Jahr seines Ver­trags, hat sich die Situa­tion ver­än­dert. Der 20-Jäh­rige sei ein klas­si­scher Leih­kan­didat für einen Zweit­li­gisten, meint der Kicker“. Ich möchte im nächsten Jahr mehr Ein­satz­zeit“, sagt er selbst. Egge­stein soll nun zum Außen­stürmer umge­schult werden.

In einer Zeit, in der Deutsch­land über die Man­gel­ware Mit­tel­stürmer klagt, finden sich im Land drei Talente außer Dienst. Jann-Fiete Arp (HSV), Janni Serra (BVB, mitt­ler­weile Hol­stein Kiel) und Egge­stein standen im Zen­trum der U‑Nationalmannschaften. Aber keiner von ihnen hat sich bisher im Pro­fi­fuß­ball durch­setzen können. Die Fälle von Jann-Fiete und Janni zeigen ja auch, dass es nicht den Königsweg gibt. Wir brau­chen eben Geduld“, sagt Egge­stein. Mit Serra steht er im Aus­tausch, zusammen haben sie beim TSV Havelse begonnen.

Um den Dritten im Bunde, Jann- Fiete Arp, ent­stand im Sommer ein wildes Gezerre am Trans­fer­markt. So- gar Bayern Mün­chen soll schon hand­feste Gespräche mit dem Talent geführt haben. Am Ende unter­schrieb der 18-Jäh­rige für ein wei­teres Jahr beim Ham­burger SV. Doch Arp ver­passte den Sai­son­start in der zweiten Liga, er war in die zweite Mann­schaft der Ham­burger beor­dert worden. Die HSV-Pres­se­stelle blockt gerade alle Anfragen für Arp ab. Der Verein will ihn aus der Öffent­lich­keit her­aus­halten, weil der Hype nicht spurlos an ihm vor­bei­ge­gangen sei. Fälle wie Egge­stein oder Arp zeigen, dass die Begeis­te­rung für ein ver­meint­li­ches Wun­der­kind in man­chen Fällen auch zu früh und zu groß sein kann.