Das Happy End blieb aus. Wie in einem dra­ma­tur­gisch nicht allzu ein­falls­losen Sport­film bleibt den Wes­tern Sydney Wan­de­rers vor­erst der abso­lute Tri­umph ver­wehrt. Der Verein war zuletzt die Geschichte des aus­tra­li­schen Sports. Film­reif steu­erte die Mann­schaft im ersten Jahr ihres Bestehens von Erfolg zu Erfolg, wurde zu einer gewal­tigen rot-schwarzen Bewe­gung. Doch im Grand Final um die aus­tra­li­sche Meis­ter­schaft wurde die Mann­schaft ohne viel Drama von den Cen­tral Coast Mari­ners besiegt, einer Mann­schaft, seit Jahren zusam­men­ge­wachsen und eta­bliert, die relativ unbe­merkt durch die Saison zog, sich als zweit­bestes Team für die Play­offs qua­li­fi­zierte und dort all seine Erfah­rung aus­spielte.

Am Tag danach kon­zen­triert sich trotzdem alles auf die Ver­lierer. Im Land von Rugby, Aussie Rules Foot­ball, Cri­cket und Golf haben zuletzt alle ein wenig ver­gessen, dass Fuß­ball hier nur ein Nischen­da­sein fristet. Die Wes­tern Sydney Wan­de­rers, vor einem Jahr gegründet, stießen vor allem in den Vor­orten im Westen Syd­neys sofort auf Gegen­liebe. Viele Beob­achter sagen, die Region habe schon länger auf eine A‑League-Mann­schaft gewartet. Schnell ent­wi­ckelten sich die Fans nach euro­päi­schem Vor­bild zur stim­mungs­vollsten aber auch gefürch­tetsten Kurve Down Under. Bei Heim­spielen wurden in den Halb­zeit­pausen ein­fach hun­dert statt wie in den anderen Städten ein paar Dut­zend lokaler Kinder auf den Platz geschickt, auch zur Freude ganzer Fami­lien, die einen wei­teren Antrieb hatten, ins Sta­dion in Par­ra­matta, 30 Kilo­meter west­lich von Sydney, zu kommen. Am Ende strömten selbst zu den Aus­wärts­spielen tau­sende rot und schwarz geklei­dete Anhänger, wo sich sonst eine wackere Bus­la­dung Fans in den Aus­wärts­kurven ein­findet.

Jerome Polenz sorgt als Pikachu für Furore

Mit­ten­drin gab es kleine gelbe Farb­tupfer. Der Deut­sche Jerome Polenz, talen­tierter Nach­wuchs­spieler bei Werder Bremen, der den Durch­bruch nicht schaffte und bei Ale­mannia Aachen und Union Berlin zuneh­mend sport­lich ins Abseits geriet, hat sich zu einem der Anführer der noch jungen Wan­de­rers-Bewe­gung gemacht. Zunächst lie­ferte er die Saison über seriöse Leis­tungen auf der Rechts­ver­tei­diger-Posi­tion ab, wurde zum Vor­sänger vor der Fan­kurve. Und dann, Anfang März, als selbst Pre­mier­mi­nis­terin Julia Gil­lard dem Phä­nomen Wan­de­rers einen Besuch abstat­tete, schuf Polenz eine Bewe­gung inner­halb der Bewe­gung. Auf dem Höhe­punkt des – letzt­lich streit­baren – Harlem Shakes ver­passte er sich auf dem Grup­pen­bild mit Pre­mier­mi­nis­terin selbst ein Pikachu-Kostüm und kom­men­tierte, er habe Gil­lard den Harlem Shake vor­ge­schlagen, doch sie habe dan­kend abge­lehnt.

Es dau­erte keine zwei Spiele und auf den Tri­bünen wurden im Wan­de­rers-Block meh­rere Pikachu-Kos­tüme gesichtet. Beim Halb­fi­nale im hei­mi­schen Par­ra­matta-Sta­dium, 30 Kilo­meter west­lich von Sydney, waren es schon einige Dut­zend. Polenz genießt das alles sehr. Als er im vorigen August nach Aus­tra­lien kam, erwar­tete ihn nicht viel. Es gab ja keine Refe­renzen, gar nichts, aber manchmal muss man im Leben halt ein Risiko wagen“, sagt er. Polenz, das gibt er zu, hatte auch nicht viel zu ver­lieren. Bei Union Berlin kam er mit Trainer Uwe Neu­haus nie wirk­lich klar, war zwi­schen­zeit­lich sus­pen­diert. Sein Ver­trag wurde schließ­lich auf­ge­löst. Polenz, 26 Jahre alt, wollte raus, weg. Auch dank Thomas Broich und der Doku Tom meets Zizou“ ent­schied er sich für Aus­tra­lien. Doch in Sydney ange­kommen, gab es erst mal nicht viel, was an Profi-Fuß­ball erin­nerte: Das war seltsam. Ein paar Monate zuvor gab es noch keinen ein­zigen Spieler, keine Umklei­de­räume, keinen Trai­nings­platz“, erzählt er von seinem Start.

Mit ihm waren eine ganze Hand­voll Spieler mit ähn­lich nied­rigen Erwar­tungen in Sydney gelandet. Aus­sor­tierte Vete­ranen, ver­eins­lose Wan­der­vögel, sta­gnie­rende Talente. Dazu der ver­let­zungs­an­fäl­lige Shinji Ono als Star­spieler, der als ein­ziger den Gehalts­rahmen über­steigen durfte. Die erste Woche im Trai­nings­lager muss sich ange­fühlt haben wie bei den India­nern von Cleve­land“ in einem Klas­siker des Underdog-Sport­films.

Doch das sehr soli­da­ri­sche Liga-Prinzip, aus dem US-Sport über­nommen, mit Gehalts­ober­grenzen und glei­chen finan­zi­ellen Vor­aus­set­zungen für alle Ver­eine, sollte einer der Haupt­gründe für das Wunder von Par­ra­matta sein. Der Kader war genauso breit und indi­vi­duell gut auf­ge­stellt, nur ein­ge­spielt war man nicht. Doch Trainer Tony Popovic wusste von Anfang an, wie er seine Spieler moti­vieren kann. Da der 39-jäh­rige ehe­ma­lige aus­tra­li­sche Abwehr­recke den Groß­teil seiner Spieler selbst noch nicht oft hat spielen sehen, wurde fleißig pro­biert und rotiert. Und plötz­lich fühlte sich jeder der vor­mals Geschei­terten mal wieder wichtig und die Dynamik
kam in Gang.

Fort­set­zung bereits geplant

Ono zwickte es nur ab und an, ansonsten genoss der tech­nisch ver­sierte Japaner das etwas mehr an Zeit, dass ihm der aus­tra­li­sche Fuß­ball am Ball gab. Neben dem Rou­ti­nier trumpften Spieler wie Aaron Mooy, bei den Bolton Wan­de­rers aus­ge­bildet und zuletzt bei St. Mirren in Schott­land aktiv, oder Mark Bridge, beim Stadt­ri­valen Sydney FC aus­sor­tiert, auf. Zum Ende der regu­lären Saison gewannen die Wan­de­rers elf von zwölf Spielen. Im Halb­fi­nale schlugen sie den Vor­jahres-Cham­pion Bris­bane Roar locker mit 2:0. Doch im Grand Final, das Spiel wurde im grö­ßeren Allianz-Sta­dium von Stadt­ri­vale Sydney FC gespielt, klappte bei den Wan­de­rers nicht viel. Sym­pto­ma­tisch ver­lief das Spiel für Jerome Polenz. Eigent­lich war seine Gene­sung nach einer Ober­schen­kel­ver­let­zung, die er sich kurz vor Ende der regu­lären Saison zuzog und die ihn im Halb­fi­nale zu einer frühen Aus­wechs­lung zwang, wie gemacht für eine Hel­den­ge­schichte. Doch Polenz über­nahm im Finale die Rolle des tra­gi­schen Helden, als er mitten in der stärksten Phase der Wan­de­rers unglück­lich einen Hand­elf­meter ver­ur­sachte, den der Top­tor­jäger der Liga, Daniel McBreen, sicher zum 2:0‑Endstand ver­wan­delte.

Die Ent­täu­schung am Sonntag war riesig. Doch nach ein paar Tagen werden alle Betei­ligten mit tiefem Stolz statt freu­de­trun­kener Euphorie auf das Erreichte zurück­schauen und rea­li­sieren, dass ihnen, wie bei fast jedem erfolg­rei­chen Film, immerhin eine Fort­set­zung bleibt. Fast alle Spieler werden für den zweiten Teil bleiben. Wie Jerome Polenz haben die meisten Spieler noch in der Saison ihre zunächst ein­jäh­rigen Ver­träge ver­län­gert. Und gerade die euro­päi­schen Legio­näre dürfen sich zudem auf eine Asien-Rund­reise freuen. Als Meister der regu­lären Saison sind die Wan­de­rers bereits für die asia­ti­sche Cham­pions-League qua­li­fi­ziert. Auch das klingt nach einem stan­des­ge­mäßen Set­ting für eine Fort­set­zung.