Es wird sicher­lich kein schönes Gefühl sein, von 80.000 Men­schen aufs Übelste beschimpft zu werden. Und es braucht eine ganze LKW-Ladung voller Selbst­be­herr­schung, um sich von diesem Gefühl nicht negativ beein­flussen zu lassen. Der Autor dieser Zeilen hat noch nie ein Bun­des­li­ga­spiel gepfiffen, er hat fol­ge­richtig auch noch nie einen Fehler gemacht, der das viel­leicht emo­tio­nalste Sta­dion Europas bei­nahe zum Über­ko­chen gebracht hätte. Aber er schwört hier Stein und Bein, dass er, wenn jede der Beschimp­fungen, die am Sams­tag­nach­mittag der Schieds­richter Wolf­gang Stark über sich ergehen lassen musste, ihm gegolten hätte, nach der Partie min­des­tens 80.000 Ohr­feigen ver­teilt hätte.

Wolf­gang Stark alleine hat das Spiel nicht für den BVB ver­loren

Des­halb ist der Autor dieser Zeilen auch der Autor dieser Zeilen und Wolf­gang Stark Bun­des­liga-Schieds­richter. Stark ist ein Meister der Selbst­be­herr­schung, des­halb macht er diesen Job. Aber er ist auch immer noch ein Mensch und des­halb fehlbar. Im Spiel Borussia Dort­mund gegen den VfL Wolfs­burg übersah Stark nach gut einer halben Stunde zunächst eine Abseits­stel­lung des Wolfs­bur­gers Vier­inha, dann wer­tete er die Ret­tungs­ak­tion des Dort­mun­ders Marcel Schmelzer gegen den Schuss von Bas Dost als Hand­spiel. Die Folge: Rote Karte für Schmelzer, Elf­meter für den VfL Wolfs­burg, der 1:1‑Ausgleich für die Gäste aus der Auto­stadt. Das Spiel, zuvor ganz klar vom Deut­schen Meister domi­niert, kippte, am Ende verlor der BVB mit 2:3 und hat nun 14 Punkte Rück­stand auf den FC Bayern.

Wolf­gang Stark alleine hat dieses Spiel nicht für den BVB ver­loren. Die Dort­munder ver­loren auch, weil der Bra­si­lianer Diego ein fan­tas­ti­sches Spiel machte, weil die Borussen gute Chancen nicht nutzten und weil Wolfs­burgs Bas Dost allen Unken­rufen zum Trotz offenbar doch ein ziem­lich anstän­diger Voll­stre­cker ist. Aber der Schieds­richter mit dem stets grim­migen Gesichts­aus­druck – angeb­lich lautet Starks Spitz­name unter den Bun­des­li­ga­profis Impe­rator“ – hatte mit seinen Ent­schei­dungen einen erheb­li­chen Anteil an der für Dort­mund so schmerz­haften Nie­der­lage. Natür­lich rich­tete sich Wut und das Ent­setzen der Dort­munder Zuschauer, Spieler, Trainer und Funk­tio­näre nicht gegen die ver­passten Chancen, die Bril­lanz Diegos oder den Nie­der­länder Bas Dost, son­dern gegen Wolf­gang Stark. So läuft das nun mal beim Fuß­ball.

Die Reak­tionen der 80.000 und der Dort­munder Mann­schaft waren zum Teil sehr heftig. Die Gesänge übel, das Zäh­ne­flet­schen von Jürgen Klopp gewohnt bedroh­lich und die Aus­sagen der BVB-Boss Michael Zorc und Hans-Joa­chim Watzke harsch. Die Dort­munder fühlten sich im Recht, schließ­lich war in den Fernseh-Zeit­lupen ein­deutig zu erkennen, dass Schmelzer den Ball mit der Innen­seite seines Ober­schen­kels abge­wehrt hatte und nicht mit der Hand.

Ein Wahr­neh­mungs­fehler, es tut mir leid“

Wolf­gang Stark blieb nach dem Schluss­pfiff gut eine Stunde in seiner Kabine und beriet sich mit DFL-Schieds­rich­ter­be­ob­achter Hellmut Krug und seinen Assis­tenten. Dann trat er vor die Kameras und sagte: Wir haben die Bilder nach dem Spiel ana­ly­siert mit dem Beob­achter. Für mich war das auf dem Spiel­feld klar: Hand­spiel auf der Tor­linie – und das führt eben zu einem Straf­stoß und einer Roten Karte. Anhand der Fern­seh­bilder hat man natür­lich gesehen, dass kein Hand­spiel vorlag – somit ein Wahr­neh­mungs­fehler. Ein klarer Fehler von mir. Das tut mir natür­lich leid.“

Jemand hat einen Fehler gemacht, gibt das zu und ent­schul­digt sich dafür. Ganz ein­fach, oder? Nicht so ganz. Schließ­lich ist Wolf­gang Stark kein Post­bote, der einen Brief an den fal­schen Adres­saten über­bracht hat. Stark ist Bun­des­liga-Schieds­richter, jene Spe­zies Mensch, die eigent­lich keine Fehler machen soll und darf und schon gar nicht anschlie­ßend öffent­lich um Ver­zei­hung bittet. Stark hatte zuvor den Hass eines ganzen Sta­dions gespürt und sich den­Vor­wurf gefallen lassen müssen, dass er offen­sicht­lich nicht fähig sei, seinen Job anständig aus­zu­führen. Er hatte nur eine Stunde Zeit, um sein Gefühls­chaos zu ordnen und sich eine Stra­tegie zu über­legen. Er wählte den ein­fachsten Weg, der aber gar nicht so ein­fach ist, wenn man bedenkt, dass ein aner­kannter Fuß­ball-Schieds­richter vor der Öffent­lich­keit die Buchse run­ter­lassen und sein Fehl­ver­halten ein­ge­stehen muss.

Respekt. Denn damit hat Wolf­gang Stark, ob man ihn nun mag oder nicht, zumin­dest bewiesen, dass er einen Aller­wer­testen in der Hose hat.