Jonas Gabler, am Samstag ent­rollten BVB-Anhänger ein Banner mit der Auf­schrift Lieber eine Gruppe in der Kritik, als Lut­schertum und Homo­fick“. Es heißt, die BVB-Ultra­gruppe Despe­rados“ sei dafür ver­ant­wort­lich. Gegen wen rich­tete sich das Banner? 
Jonas Gabler: Vieles spricht dafür, dass sich das Banner gegen die Bremer Ultra­gruppen Infa­mous Youth“ und Racaille Verte“ rich­tete, die sich gegen Ras­sismus, Homo­phobie und andere Formen der Dis­kri­mi­nie­rung sowie Rechts­ra­di­ka­lismus all­ge­mein enga­gieren und im Zuge dessen auch die Dort­munder Szene und ins­be­son­dere die Despe­rados“ schon kri­ti­siert haben. 

Was ist die Inten­tion dahinter?
Jonas Gabler: Der Sub­text des Pla­kats lautet: Wir stehen unseren Mann, wäh­rend ihr euch um poli­ti­sche Inhalte küm­mert.“ Es gab ja auch ein zweites Plakat, auf dem zu lesen war: Gut­mensch, Schwuchtel, Alerta-Akti­vist, wir haben euch im ›20 gegen 100‹ gezeigt, was Fuß­ball ist“ Gemäß dieser Denke, ist der Gut­mensch, die Schwuchtel oder der linke Akti­vist ver­weich­licht und hat nichts mit Fuß­ball zu tun. Viel­leicht dachten sie, durch ihre poli­tisch unkor­rekte Sprache würden sie die Bremer beson­ders pro­vo­zieren, tat­säch­lich haben sie mit ihrer Wort­wahl die Kritik der Bremer nur belegt. 

Gibt es bei den Despe­rados“ eine per­so­nelle Kon­ti­nuität zu der alten BVB-Hoo­li­gan­gruppe Borus­sen­front“? 
Jonas Gabler: Ich weiß nicht, ob es dort eine per­so­nelle Kon­ti­nuität gibt. Ich möchte eher von einer geis­tigen Kon­ti­nuität spre­chen. Mir wurde von ver­schie­denen Stellen bestä­tigt, dass sich im Umfeld der Despe­rados“ Leute bewegen, die bei den Auto­nomen Natio­na­listen“ mit­mi­schen. Wer damit nicht selbst­kri­tisch umgeht, kann als rechts­offen bezeichnet werden. Es heißt aber, die Despe­rados“ hätten diese Leute aus­ge­schlossen und ich glaube auch nicht, dass es Ziel der Gruppe als Ganzes ist, Leute für rechts­ra­di­kale Orga­ni­sa­tionen zu rekru­tieren. Es ist gut mög­lich, dass es sich um eine hete­ro­gene Gruppe han­delt, in der manche viel­leicht – und hof­fent­lich! – auch anders denken. Immerhin war das Spruch­band ja nicht von den Despe­rados“ signiert. Aber bei dieser Vor­ge­schichte und der jet­zigen Wort­wahl bei den Spruch­bän­dern müssen sie sich zwei­fellos die Frage gefallen lassen, warum sie solche Spruch­bänder in ihrem Bereich der Kurve tole­rieren und sich nicht davon distan­zieren. Ansonsten werden sie ihr rechts­of­fenes Image vor­erst nicht los­werden.

Auch wenn bei den Despe­rados“ und der Borus­sen­front keine per­so­nelle Kon­ti­nuität besteht, bekommt man in den ver­gan­gengen Wochen zuneh­mend das Gefühl, dass ehe­ma­lige Hoo­li­gan­gruppen wieder mehr Prä­senz im Sta­dion zeigen. Täuscht der Ein­druck? 
Jonas Gabler: Man sieht jeden­falls deut­lich, was pas­siert, wenn man von außen ver­sucht, Kur­ven­struk­turen zu zer­schlagen oder zu ver­än­dern. In Ham­burg wurde der Ultra­gruppe Pop­town“ kürz­lich ein Mate­ri­al­verbot auf­er­legt. Vor­letztes Wochen­ende hing an der Stelle, wo sie nor­ma­ler­weise Banner oder Fahnen auf­hängen, ein Plakat der alten Hoo­li­gan­gruppe Löwen“. So wurde in den ver­gan­genen Monaten übri­gens auch eine These meines Buches wider­legt: Die Hoo­li­gans sind aus den Sta­dien nicht ver­schwunden, sie sind nur nicht mehr so sichtbar. Letzt­end­lich muss man also begreifen, dass die Kurve einer stän­digen Bewe­gung unter­liegt, sie ist in einem dyna­mi­schen Fluss. Die Schwä­chung exis­tie­render Gruppen, die viel­leicht in Bezug auf Pyro­technik auf­fällig geworden sind, kann ein Vakuum schaffen, in das neue – oder alte – gewalt­be­rei­tere und mög­li­cher­weise auch rechte Gruppen hin­ein­stoßen.

Das Banner Lieber eine Gruppe in der Kritik…“ wurde nur für eine Minute hoch­ge­halten. Geht die Klub­füh­rung des BVB zu defensiv mit dem Fan­pro­blem um?
Jonas Gabler: Es ist ja nicht unüb­lich bei allen mög­li­chen Unter­nehmen, dass man unan­ge­nehme Wahr­heiten ungern nach außen kom­mu­ni­ziert. Das gilt auch für Fuß­ball-Unter­nehmen in Bezug auf Nazis oder homo­phobe Fans in den eigenen Reihen. Ich weiß aber letzt­end­lich nicht genau, wie intensiv dieses Thema intern dis­ku­tiert wird. Es ist zu hoffen, dass dies in jün­gerer Ver­gan­gen­heit zumin­dest auf Ebene der Fan­be­treuung sehr wohl der Fall war.

Ver­gan­gene Woche fanden Raz­zien bei der Kölner Ultra­gruppe Wilde Horde“ statt. FC-Geschäfts­führer Claus Horst­mann hofft nun auf einen Selbst­rei­ni­gungs­pro­zess. Ist die Hoff­nung berech­tigt? 
Jonas Gabler: Zunächst haben wir es in Köln natür­lich mit einem anderen Sach­ver­halt zu tun, All­ge­mein bin ich aber über­zeugt, dass Selbst­rei­ni­gungs­pro­zesse – also, dass die Mehr­heit der aktiven Fans sich Regeln setzen und durch­setzen – das effek­tivste Mittel bei der Ein­däm­mung der Gewalt und im Kampf gegen Dis­kri­mi­nie­rung sind. Wenn wir nach Dort­mund bli­cken, haben wir dort die größte Ultra­gruppe The Unity“. Eine Gruppe, die domi­nie­rend ist, sich aber eher moderat gibt. Daneben dann die Despe­rados“, die auch schon Kon­flikte mit The Unity“ aus­ge­tragen haben. 

Am Samstag soll es am Fuße der Süd­tri­büne auch zu einer Prü­gelei wegen des Ban­ners gekommen sein. 
Jonas Gabler: Ich weiß nicht, wer dafür ver­ant­wort­lich war und mit wel­chem Hin­ter­grund. Für manche gilt auch immer und überall das alte Motto: Wenn es um Fuß­ball und deinen Verein geht, sup­por­test du zusammen. Die Liebe zum Klub steht über allem. So ist es fast überall, wo Fuß­ball gespielt wird. Und man­cher­orts manö­vriert sich eine Ultra­gruppe, die sich offen anti-ras­sis­tisch und anti-dis­kri­mi­na­to­risch posi­tio­niert, schnell in die Iso­la­tion, da – leider – viele Sta­di­ongänger und Fuß­ball­fans dieses Enga­ge­ment im Fuß­ball­kon­text immer noch miss­ver­ständ­lich als poli­tisch – und links – ablehnen. Wie gesagt, eine Fan­szene ist ständig in Ver­än­de­rung. 

Was bedeutet das denn all­ge­mein für die Fan­szenen und spe­ziell in dem Fall des BVB? 
Jonas Gabler: Es müssen Kom­pro­misse gemacht werden. In vielen Fällen können die durchaus fruchtbar sein, wenn man sich in den Gruppen darauf ver­stän­digt, zumin­dest im Sta­di­onalltag gegen rechts­ra­di­kale Dis­kri­mi­nie­rungen vor­zu­gehen. In man­chen Fällen kommt aber auch ein fauler Kom­pro­miss dabei raus, wenn rechts­of­fene Gruppen oder ein­zelne Rechts­ex­tre­misten dadurch frei agieren können. Aber es bleibt eine stän­dige Grat­wan­de­rung, auf der sich domi­nie­rende Gruppen – wie in diesem Fall The Unity“ – befinden. In Dort­mund ist das auf­grund der starken Szene der Auto­nomen Natio­na­listen“ mög­li­cher­weise noch schwie­riger als an vielen anderen Stand­orten.