Die Kroaten haben noch ein biss­chen Hoff­nung, sagt ZDF-Kom­men­tator Bela Rethy in der 90. Minute. Es steht 1:0 für Spa­nien, im Par­al­lel­spiel der Gruppe C führt Ita­lien 2:0 gegen Irland. Bedeutet: Ita­lien und Spa­nien sind in diesem Moment weiter, Irland war schon vorher raus. Was aber wird aus Kroa­tien? Was muss geschehen, damit sich das Blatt für sie noch wendet? Und was genau ist ein biss­chen Hoff­nung?

Mit voller Kraft gehofft wird bei dieser EM schon längst nicht mehr, jeden­falls nicht auf Seiten des Fern­seh­zu­schauers. Zu ver­un­si­chert ist er von der Tabel­len­a­rith­metik der Uefa, als dass er noch wüsste, worauf genau er denn nun hoffen sollte. Ein Tor? Zwei? Gar keins? Gottes Hilfe? Hoff­nung sei, so heißt es, eine schöne Erin­ne­rung an die Zukunft. Das Pro­blem: Der Zuschauer ver­steht nicht mal mehr die Gegen­wart. Und sie wird ihm leider auch nicht erklärt.

20 Sekunden später, mitten hinein in einen ver­zwei­felten Angriff der Kroaten, sagt Bela Rethy plötz­lich: Der Käse ist gegessen. Warum nun das? Ist ein ZDF-Mathe­ma­tiker mit seinem Kar­teikärt­chen im Anschlag in die Spre­cher­ka­bine geplatzt? Halt inne, Bela! Wir haben noch mal nach­ge­rechnet! Selbst wenn: Rethy behält geflis­sent­lich für sich, welche neuen Infor­ma­tionen ihm nun vor­liegen. Bloß dass irgendein dubioser Käse gegessen worden sei, dringt nach außen.

Das Tur­nier-Regle­ment der Uefa umfasst 62 Seiten. Diese Text­menge schreckt die meisten Fern­seh­kom­men­ta­toren ab. Jeden­falls gibt es Anlass zu ver­muten, dass sie das Werk nicht gelesen haben, ja noch nicht einmal haben exzer­pieren lassen. Und wenn doch, haben sie es offenbar nicht ver­standen. Das hält sie nicht davon ab zu reden. Und zwar ins Blaue. In ihren Live­r­epor­tagen steigen ganze Nationen auf und fallen wieder, nicht weil Tore geschossen wurden, son­dern weil jemand in der Redak­tion noch mal kurz am Tabel­len­rechner gerüt­telt hat.

Hätten sie doch bloß einen Blick in die 62 Seiten geworfen! Sie hätten erkannt, dass das Ganze so schwierig dann doch nicht ist. Unter 8.07 heißt es: Wenn zwei oder mehr Mann­schaften nach Abschluss der Grup­pen­spiele die gleiche Anzahl Punkte auf­weisen, wird die Plat­zie­rung nach fol­genen Kri­te­rien in dieser Rei­hen­folge ermit­telt: a) grö­ßere Punkt­zahl aus den direkten Begeg­nungen, b) bes­sere Tor­dif­fe­renz aus den direkten Begeg­nungen (bei mehr als zwei punkt­glei­chen Mann­schaften), c) grö­ßere Anzahl erzielter Tore aus den direkten Begeg­nungen (bei mehr als zwei punkt­glei­chen Mann­schaften). Wäre Kroa­tien gegen Spa­nien der Aus­gleich noch gelungen, hätten die ersten drei Mann­schaften der Tabelle jeweils 1:1 gegen­ein­ander gespielt, also hätte Punkt d) gegriffen: Bes­sere Tor­dif­fe­renz aus allen Grup­pen­spielen. Die hätte bei Ita­lien in diesem Falle 4:2 gelautet, bei Kroa­tien 5:3, jeweils plus 2. Also Punkt e): Grö­ßere Anzahl erzielter Tore in allen Grup­pen­spielen. 5 schlägt 4, Kroa­tien wäre weiter gewesen, hätte Ita­lien nicht schnells­tens nach­ge­legt.

Das Drama, nach dem die Sender sich so sehnen – die Art, wie sie in ihren Ein­spiel­film­chen Fuß­baller zu Gla­dia­toren sti­li­sieren, sug­ge­riert es ja –, stand also schon vor der Tür. Doch Bela Rethy ließ es nicht nicht herein. Er hatte genug damit zu tun, seinen Käse zu essen.