Als Lever­ku­sens Roger Schmidt vor ein paar Monaten seinen Hof­fen­heimer Trai­ner­kol­legen Julian Nagels­mann mit einer lie­be­vollen Ein­schät­zung („Spinner!“) um etwas mehr Ruhe („Halt doch die Schnauze!“) bat, war die öffent­liche Auf­re­gung anschlie­ßend groß. Leider erregte sich das Volk nur über die zuge­geben etwas gewöhn­liche Wort­wahl Schmidts und nicht dar­über, dass da wieder einmal ein Trainer ziem­lich auf­dring­lich belauscht worden war.

Der Fall des Lever­ku­sener Coachs war näm­lich ein erneuter Beleg dafür, dass das grund­ge­setz­lich ver­an­kerte Recht auf freie Rede beim Fuß­ball längst außer Kraft gesetzt ist, sowohl auf als auch neben dem Platz. Kaum ein Spieler plau­dert noch lässig auf dem Spiel­feld, ohne sich dabei dis­kret die Hand vor den Mund zu halten, wobei man da aller­dings immer nicht so genau weiß: Angst vor Lip­pen­le­sern oder ein­fach nur sagen­haft schlechte Zähne? Und am Spiel­feld­rand kann kein Trainer mehr unge­stört her­um­kra­keelen oder den geg­ne­ri­schen Trainer mit ehr­ver­let­zenden Worten her­ab­wür­digen, ohne befürchten zu müssen, dass irgendein Sky-Wicht dis­kret das Richt­mi­krofon unter der Trai­ner­bank durch­schiebt. Bleibt also als letztes Reservat der freien Rede nur die Kabine, in der noch frei und unge­zwungen gespro­chen werden kann, ohne dass jeder Neben­satz anschlie­ßend bei Sky90 auf Kom­ma­fehler unter­sucht wird.

Als spi­ri­tu­elles Erlebnis der Extra­klasse über­höht

Und das ist auch gut so, schließ­lich ist die Kabi­nen­pre­digt eine der letzten großen Mythen des Fuß­balls. Bis heute hält sich hart­nä­ckig der Glaube der Anhänger, dass eine flam­mende Kabi­nen­an­sprache vor Spiel­be­ginn oder ein Wut­aus­bruch in der Halb­zeit­pause noch jede Mann­schaft in die rich­tige Spur bringen kann. Mag die Mann­schaft in der ersten Hälfte noch so lustlos und selbst­zu­frieden über den Platz geschli­chen sein, ein amt­li­cher fünf­zehn­mi­nü­tiger Anschiss in der Umkleide wird’s schon richten. Die Mann­schaft kam wie ver­wan­delt aus der Kabine“, eine Stan­dard­phrase des regio­nalen Sport­jour­na­lismus und jeden Spieltag aufs Neue die große Hoff­nung der Anhänger.

Natür­lich kickt die Combo in aller Regel genauso grausam weiter wie in der ersten Hälfte, was dem Mythos bis­lang aber keinen Abbruch getan hat. Gerade weil es keine Bilder aus den Mann­schafts­be­rei­chen gibt, wird die Zusam­men­kunft im Spie­lertrakt vom Publikum gerne als spi­ri­tu­elles Erlebnis der Extra­klasse über­höht, der Pau­sentee gerät zu einer Art sport­li­chem Rüt­li­schwur, in dem Männer geformt, hei­lige Eide gespro­chen und Krieger geschmiedet werden.

Wer ist Schuld? Jürgen Klins­mann!

Eine Illu­sion, die sich Anhänger gerne erhalten hätten, die jedoch inzwi­schen zahl­reiche Risse bekommen hat, seit näm­lich immer mehr Pro­fi­trainer Kameras in die Kabine gelassen haben. Und was die Objek­tive dort ein­fangen, war doch ziem­lich weit ent­fernt vom heroi­schen Män­ner­bund. Gegen die Holz­schnitt­rhe­torik vieler Pro­fi­trainer wirkt Jürgen Höller bei­nahe wie ein tie­fen­psy­cho­lo­gi­scher Fein­geist.

Und wer ist schuld? Jürgen Klins­mann! Der ließ sich näm­lich am 14. Juni 2006 von Sönke Wort­mann dabei filmen, wie er die Natio­nalelf mit einem ver­un­glückten Wehr­machts­be­richt für das zweite WM-Vor­run­den­spiel gegen Polen heiß machte. Wir hauen sie durch die Wand!“, kra­keelte Klins­mann mit leicht über­schnap­pender Stimme und zudem mit jenem schwä­bi­schen Akzent, der Zuhörer immer ver­muten ließ, hier ginge es um die Ein­hal­tung der Kehr­woche. Dass keiner aus der Mann­schaft los­prus­tete oder Team­chef Jürgen wenigs­tens schel­misch zuzwin­kerte, war eine bis heute leider zu wenig gewür­digte schau­spie­le­ri­sche Glanz­leis­tung, die auch bei der nächsten Oscar­ver­lei­hung sträf­lich igno­riert wurde.