Seite 2: „Nur wenn du Geld in der Tasche hast, schwirren sie um dich herum“

Sie waren U21-Euro­pa­meister und haben mit vielen spä­teren Welt­meis­tern zusam­men­ge­spielt. Zwei Ihrer besten Freunde, die Boateng-Brüder, sind über den Fuß­ball zu inter­na­tio­nalen Stars geworden. Sie dagegen starten jetzt den zweiten Ver­such in der zweiten Liga. Kommen Sie sich manchmal vor wie im fal­schen Film?
Markus Babbel hat vor ein paar Jahren zu mir gesagt: Hör auf mit dem stän­digen Hadern. Es nützt dir nichts.“ Diesen Rat habe ich mir zu Herzen genommen. Ich bin genau da, wo ich sein soll – und ich bin selbst dafür ver­ant­wort­lich, wie meine Kar­riere ver­laufen ist. Den Jungs, die ich von früher kenne, gönne ich ihre Erfolge. Als Jerome 2014 Welt­meister geworden ist, habe ich mich extrem für ihn gefreut. Er hatte zuvor ja sogar noch ver­sucht, ein gutes Wort für mich beim DFB ein­zu­legen.

Was hat er gesagt?
2012 habe ich Hertha nach 14 Jahren ver­lassen und bin zu Real Val­la­dolid gewech­selt. Dort spielte ich ein wirk­lich über­zeu­gendes Jahr, sam­melte Erfah­rung auf höchstem Niveau gegen Klubs wie Real Madrid. Danach haben Jerome Boateng und Mesut Özil mit Oliver Bier­hoff geredet und ver­sucht, ihn zu über­reden, mich wieder in die Natio­nal­mann­schaft zu holen. Aber wenn du bei Joa­chim Löw einmal in der fal­schen Schub­lade steckst, ist es schwer.

In der Schub­lade sind Sie nicht zufällig gelandet. Dieter Hoeneß behaup­tete mal, als junger Spieler hätten Sie nicht Nein“ sagen können. Wodurch Sie sich immer wieder Ärger ein­brockten. Unter anderem gerieten Sie wegen der Auto­spiegel-Affäre“ in die Schlag­zeilen.
Ich war jung, ich war in Berlin, ich habe plötz­lich viel Geld ver­dient. Ich dachte damals, wenn ich abends nicht raus­ginge, würde ich etwas ver­passen. Das Pro­blem war nur, dass die anderen noch zur Schule gingen, ich aber schon Fuß­ball­profi war. Hinzu kamen viele fal­sche Freunde, denen mein Wohl­ergehen in Wirk­lich­keit kom­plett egal war.

Wie gerät man an solche Leute?
Du lernst sie über Ecken kennen, freun­dest dich an. Aber du merkst gar nicht, dass sich die Freund­schaft auf das Nacht­leben beschränkt. Tags­über hast du dir nichts zu erzählen. Nur wenn du abends unter­wegs bist mit Geld in der Tasche, schwirren sie um dich herum.

Umso wich­tiger sind wahre Freunde. Haben Sie zu den alten Mit­spie­lern von Hertha noch Kon­takt?
Klar. Das wird sich auch nie ändern. Ob es Ashkan Dejagah ist, Jerome Boateng, Änis Ben-Hatira oder Sejad Sali­hovic. Zu Kevin-Prince ist der Kon­takt sogar noch etwas spe­zi­eller. Wir kennen uns seit 21 Jahren.

Erin­nern Sie sich an Ihre erste Begeg­nung?
Es war bei meinem ersten Hertha-Trai­ning. Wir trafen uns auf einem Kunst­ra­sen­platz im Wed­ding, und mir blieb zunächst die Spucke weg: Denn Kevin spielte tech­nisch in seiner eigenen Liga. Dafür war ich lange der Ein­zige, der hoch schießen konnte. Aus irgend­einem Grund haben es die anderen nicht auf die Reihe bekommen. (Lacht.) Viel­leicht habe ich mich des­halb auf Anhieb mit Kevin so gut ver­standen. Er konnte den Okocha-Trick in Gum­mi­stie­feln, ich konnte Bälle in den Winkel schießen.

Hat er Sie auch manchmal mit­ge­nommen in den berüch­tigten Panke-Käfig?
Klar, ich zockte dort meis­tens mit ihm und seinem großen Bruder George. Einmal habe ich als kleiner Scheißer einem 18-Jäh­rigen einen Bein­schuss ver­passt. Und wurde dann sofort auf der Stein­platte umge­hauen. Da meinte Kevin: Hör auf, Junge. Wenn wir die hier ver­ar­schen, kloppen die uns kaputt. Du spielst ab jetzt ganz normal. Ball annehmen. Ball weiter passen. George darf tricksen. Du nicht.“ Und so waren wir jeden Tag in der Stadt unter­wegs. Ent­weder bei ihm im Wed­ding oder bei mir in Kreuz­berg. Ständig Fuß­ball, der Rest war mir egal. In die Schule ging ich ohne Ruck­sack, nur mit Stift hin­ters Ohr geklemmt.

Umso besser lief es mit Hertha. Ihre Genera­tion galt als die gol­dene der Stadt.
Das Ziel von uns allen war nur eines: Irgend­wann in dieser gigan­ti­schen Schüssel zu spielen. Mit der Zeit wurde dieser Traum immer rea­lis­ti­scher. Ashkan spielte schon als 16-Jäh­riger in der deut­schen U21 mit der Zehn auf dem Rücken. Und Leute wie Tro­chowski und Gomez saßen auf der Bank.

Das all­ge­meine Gefühl bei Her­thas Profis war damals: Obacht, jetzt kommt die Jugend­gang.
Die hatten Schiss vor uns. Die wussten genau, wir würden ihre Plätze ein­nehmen.

Statt­dessen haute ein Talent nach dem anderen ab.
Weil wir Jungen zwar spielten, die Alten, die auf der Bank saßen, aber das Zig­fache ver­dienten. Des­wegen sind irgend­wann alle gegangen.

Haben Sie nicht ver­sucht, Ihre Freunde zum Bleiben zu über­reden?
Natür­lich habe ich das. Aber damals haben die Berater eine große Rolle gespielt. Was meinen Sie, was die uns erzählt haben? Du könn­test längst dort und dort spielen und so und so viel ver­dienen!“

Wo hätten Sie damals längst spielen können?
Bayern, Dort­mund, Schalke, Lever­kusen. Ich habe aber erst später davon erfahren, mein dama­liger Berater hat mir die Ange­bote lange vor­ent­halten. Er sah die Chance, dass ich in Berlin zum Idol werden könnte.