Gio­vanni Tra­pat­toni war außer sich. Wild ges­ti­ku­lie­rend lief der Trainer der iri­schen Natio­nalelf vor seiner Trai­ner­bank auf und ab. Sein Gesicht verzog er in alle mög­li­chen Rich­tungen, als wollte er hier, im Stade de France, bei dem alles ent­schei­denden Play-Off-Spiel für die WM 2010, Edvard Munchs Schrei nach­stellen.

Was, um alles in der Welt, erlauben Henry?

Thierry Henry, der fran­zö­si­sche Stürmer, den Fuß­ball­fans bis dahin für seine tollen Tore und seine Boden­stän­dig­keit schätzten, hatte gerade eben den Sports­geist mit Füßen getreten und mit seiner Hand erwürgt. Zweimal hatte er den Ball kurz vor der Tor­aus­linie zurück ins Spiel­feld gepritscht und schließ­lich in die Mitte gepasst, wo Wil­liam Gallas zum 1:1 ein­nickte. Das, ver­dammt noch mal, erlaubte Henry.

Dieses Hand­spiel und der Treffer bedeu­teten nicht nur das Ende des iri­schen WM-Traums, son­dern hatten auch einen Skandal zur Folge, dessen Aus­maße anfangs nicht abzu­sehen war. Es war eine Fehl­ent­schei­dung, die den Welt­fuß­ball für Jahre in Atem hielt – und die heute noch, vor dem erneuten Auf­ein­an­der­treffen im EM-Ach­tel­fi­nale, die Gemüter erhitzt.

Die Iren hatten bis zu diesem Spiel am 18. November 2009 eine groß­ar­tige WM-Qua­li­fi­ka­tion gespielt, sie waren in einer Gruppe mit Ita­lien und Bul­ga­rien ohne Nie­der­lage geblieben und belegten am Ende Platz zwei. Im ersten Play-Off-Spiel gegen Frank­reich, vor knapp 80.000 Zuschauern im Croke Park in Dublin, ver­loren sie unglück­lich mit 0:1.

Ich bin nicht der Schieds­richter“

Im Stade des France waren die Iren über­legen, Robbie Keane traf nach einer halben Stunde zum 1:0. Danach schei­terte Liam Law­rence am leeren Tor und Keane frei­ste­hend aus 16 Metern. Es ging in die Ver­län­ge­rung. Es ging um alles.

Und dann kam Henry.

Der Stürmer machte nach dem Spiel kein großes Gewese. Er gab direkt nach dem Schluss­pfiff zu: Natür­lich war es ein Hand­spiel, aber ich bin nicht der Schieds­richter.“ Auf die Frage, ob er sich freuen könne, sagte er: Klar, doch. Wir sind bei der WM.“

Die WM wird von Leuten beein­flusst…“

Die Stimmen auf iri­scher Seite waren erwar­tungs­gemäß lauter. Das ist die größte Ent­täu­schung meiner Kar­riere“, pol­terte Gio­vanni Tra­pat­toni. Ich gehe in Schulen und refe­riere über Fair Play, sage den Kin­dern, wie wichtig dieses Prinzip ist.“ Ver­tei­diger Richard Dunne ver­suchte sich der­weil Ver­schwö­rungs­theo­rien: Die WM wird von Leuten beein­flusst, die ent­scheiden, wer dabei ist – und wer nicht.“

Und am fol­genden Tag kam es zum Duell zwi­schen Frank­reichs Sport­zei­tung L’Equipe und der Irish Sun. Wäh­rend es bei den Fran­zosen La Main de Dieu“ (Hand Gottes) hieß, schrieben die Iren von The Hand of Frog“ (Hand des Fro­sches).

Wobei: Auch in Frank­reich schien die Mehr­heit der Fans eher der Frosch- als der Gott-Ver­sion zuzu­stimmen. In einer Umfrage von Le Monde sagten 89 Pro­zent der Leser, Frank­reich habe die WM-Qua­li­fi­ka­tion nicht ver­dient.