Als Arsenal-Fan hält man gerne den Mythos des kleinen gal­li­schen Dorfes am Leben, das sich als letzter Ver­blie­bener gegen das über­mäch­tige römi­sche Reich auf­bäumt. Natür­lich ist mir klar, dass die Spieler der Gun­ners“ nicht aus reiner Zunei­gung zum Verein dort spielen. Auch das Sta­dion trägt als Hom­mage an eine der größten Flug­ge­sell­schaften der Welt ein Emi­rates“ im Namen. Eine Dau­er­karte für die Heim­spiele kostet astro­no­mi­sche Summen. Auch der FC Arsenal ist längst mit voller Wucht im kom­mer­zia­li­sierten Fuß­ball ange­kommen. Und den­noch: Ganz und gar wurde die eigene Seele noch nicht ver­kauft. Weder an einen rus­si­schen Öl-Baron, noch an einen Scheich, der so viel mit Fuß­ball zu tun hat, wie Nick Hornby mit den Tot­tenham Hot­spur. Wir machen keine 214 Mil­lionen Pfund Schulden in einem Jahr, wir geben keine 45 Mil­lionen für einen ein­zigen Spieler aus. Wir kämpfen den guten Kampf, was den nega­tiven Neben­ef­fekt hat, dass wir nie etwas gewinnen.

Das Zap­peln vor dem Laptop

Dieses Jahr war es beson­ders schlimm. Nach dem Weg­gang des stärksten Spie­lers, Cesc Fabregas, fand sich der Verein in den unbe­quemsten Tabel­len­re­gionen wieder. Tief­punkt war das 2:8 (in Worten: zwei zu acht) bei Man­chester United. Ich war es ja gewohnt, im Old Traf­ford“ einen auf die Mütze zu bekommen, aber so ver­prü­gelt zu werden, tat beson­ders weh. Nach der Partie gab es Mit­leid statt Spott von Sir Alex Fer­guson für Arséne Wenger, der mit seinen senilen Aus­sagen und ermü­denden Durch­hal­te­pa­rolen immer mehr an einen ver­wirrten Mira­culix erin­nerte. Im wei­teren Ver­laufe der Saison wurde es aller­dings besser. Mit den rich­tigen Ergeb­nissen kam auch das schöne Spiel zurück. Bald hatte sich die Mann­schaft ins Mit­tel­feld der Tabelle gespielt, der vor­sich­tige Blick ging wieder nach oben.

Der 10. Spieltag sollte eine echte Rei­fe­prü­fung für ein wieder erstarktes Arsenal werden. Man reist zum FC Chelsea an die Stam­ford Bridge, in die Höhle des Löwen. Bald ent­wi­ckelt sich das typi­sche Spiel: Wir spielen anspre­chend, wun­der­schön und ver­geben vor dem Tor fast alles. Nach 45 Minuten führen die Blues“ reich­lich glück­lich und auch dank es eines schwer­fäl­ligen Per Mer­te­sa­cker mit 2:1. Für mich ist es ist ein typi­scher Sams­tag­mittag, irgendwo zwi­schen Schlaf­mangel und einem leichten Kater ver­folge ich das Spiel zusammen mit meinem Mit­be­wohner in einem ver­pi­xelten Stream vor dem Laptop. Zur Halb­zeit schleicht sich mein Mit­be­wohner runter zum Dis­counter unseres Ver­trauens, um sich spo­ra­disch ums Mita­gessen zu küm­mern. Als er zurück kommt, führen wir mit 3:2. Wal­cott macht so etwas wie das Spiel seines Lebens. Ich zappel ungläubig vor dem Bild­schirm. Sollte es uns dieses Mal tat­säch­lich gelingen einen Großen zu schlagen? In einem engen Spiel?


Die Hacken von Robin van Persie

Natür­lich nicht. Chel­seas Top-Neu­zu­gang Juan Mata trifft in der 80. Minute durch einen abge­fälschten Fern­schuss zum 3:3. Noch zehn Minuten. Es ist ange­richtet: Bei einem nor­malen Spiel­ver­lauf kippt die Partie jetzt und Chelsea gewinnt mit min­des­tens einem Tor Unter­schied. Doch dann geschieht das Unfass­bare: Die Blues“ sind gerade dabei, einen neuen Sturm­lauf vor­zu­be­reiten, Bra­nislav Iva­novic spielt einen harm­losen Rück­pass auf den letzten Mann, John Terry, als dieser scheinbar plötz­lich das Gleich­ge­wicht ver­liert, stol­pert und die Gras­narbe küsst. Arse­nals Stürmer Robin van Persie schaltet blitz­schnell, klaut Terry den Ball, umkurvt Petr Cech und trifft zum vor­ent­schei­denden 3:4.

Der Anblick des bedröp­pelten Terry ist unbe­zahlbar, gerade weil die Zeit­lupe offen­bart, dass der Kapitän des FC Chelsea nur so tut, als sei er aus­ge­rutscht. Terry merkt, dass er das Lauf­duell gegen van Persie unmög­lich gewinnen kann und mault sich, in der Hoff­nung, dass ihm die Aktion weniger pein­lich zu stehen bekommen würde. Nor­ma­ler­weise täte er mir jetzt leid, wenn es sich nur nicht um John Terry han­deln würde. Von diesem Nacken­schlag erholt sich Chelsea nicht mehr, van Persie gelingt sogar noch das 3:5. Sein drittes Tor an diesem glor­rei­chen Samstag im Oktober.

Nick Hornby hat immer Recht

Wenige Wochen später ver­lieren wir mit 0:1 bei Man­chester City, dem Klas­sen­primus der Pre­mier League. Unver­dient und unglück­lich, wie eigent­lich immer. Von nun an sind es wieder zwölf Punkte, an die Meis­ter­schaft ist auch in diesem Jahr wieder nicht zu denken. Es ist der Wahn­sinn, wie tref­fend die Worte von Nick Hornby auch 14 Jahre nach dem Erscheinen der Erst­auf­lage von Fever Pitch“ sind: Des­halb begann ich mich wieder wohl zu fühlen, als die Saison sich in nichts auf­löste, High­bury einmal mehr zur Heimat unzu­frie­dener Spieler und unglück­li­cher Fans wurde und die Zukunft derart trostlos aus­zu­sehen begann, dass es unmög­lich war, sich daran zu erin­nern, warum man ursprüng­lich gedacht hatte, sie würde strah­lend sein.“ Und den­noch: Das Bild in meinem geis­tigen Augen, in dem John Terry aus­rutscht und nur noch die Hacken von van Persie sieht, ist ein ver­dammt akzep­ta­bles Trost­pflaster.