Als Jamie Mar­riott und Mit­chell Jones in Wol­go­grad ankamen, wurden sie emp­fangen, als hätten sie die Tour de France gewonnen. 24 Tage waren sie auf ihren Fahr­rä­dern unter­wegs gewesen, 4000 Kilo­meter, zehn Platten, Jamie verlor 15 Pfund. Ihre Reise hatten sie auf Twitter doku­men­tiert, und im Laufe der Wochen mel­deten sich immer mehr Medien. Alle wollten mit den Eng­län­dern, die ein biss­chen ver­rückt und ganz schön mutig waren.

Nun also standen sie in Wol­go­grad vor dem Sta­dion und wollten eigent­lich nur ein paar Bier trinken, viel­leicht einen Wodka, und dann ab ins Bett fallen. Aber es gab zu viele Jour­na­listen, sogar CNN lud die beiden zu einer Inter­viewrunde ein. Und die wich­tigste Frage lau­tete natür­lich: Warum, um alles in der Welt, fährt jemand mit dem Fahrrad 4000 Kilo­meter zur WM? Warum habt ihr nicht den Zug, das Flug­zeug oder den Bus genommen? 

Zu jedem Spiel fuhr mit seinem Vater 320 Kilo­meter nach Norden

Eine Woche nach dem Trubel sitzt Jamie Mar­riott, 28, in einem Café in Nischni Now­gorod. Sein Kumpel Mit­chell Jones ist mitt­ler­weile wieder nach Hause geflogen. Ein biss­chen müde sieht Jamie noch aus, ande­rer­seits wirkt er auch, als wollte er gleich wieder auf die Straße, den Ruck­sack hat er dabei und seinen Fahr­rad­helm. Nur das Rennrad ist nicht mehr da, er hat es seinem rus­si­schen Gast­geber in Wol­go­grad geschenkt, der die beiden umsonst bei sich wohnen ließ.

Jamie liebte immer schon das Unter­wegs­sein. Er stammt aus dem süd­eng­li­schen Dorf Ems­worth in der Nähe von Ports­mouth, aber sein Verein war Not­tingham Forest. Zu jedem Spiel fuhr mit seinem Vater 320 Kilo­meter nach Norden – und wieder zurück. Ein anderes Mal machte er Urlaub in der Mon­golei, aber er flog natür­lich nicht, das wäre zu ein­fach gewesen, er fuhr mit Auto nach Ulan-Bator, quer durch Russ­land. Des­wegen kannte er das Land schon ein wenig. Als seine Freundin nach Eng­lands erfolg­rei­chen WM-Qua­li­fi­ka­tion sagte, dass er doch mit dem Fahrrad nach Russ­land reisen könnte, ant­wor­tete er: Eine gute Idee.“ Als hätte sie vor­ge­schlagen, am Wochen­ende eine Rad­tour zu einem Badesee zu machen. 

WM-Rad­touren eine deut­sche Spe­zia­lität?

Jamie ist nicht der erste Fan, der mit dem Rad zu einer WM gefahren ist. Auch früher schon sind Fuß­ball­fans so gereist. Einige Zeit schien es sogar, als seien die WM-Rad­touren eine deut­sche Spe­zia­lität. Alle vier Jahre konnte man von Wage­mu­tigen aus Mann­heim, Jena oder Lübeck lesen. Der berühm­teste aus dieser Riege, und viel­leicht auch der Pio­nier, war Hans Bäumer, der von 1954 bis 1970 zu fünf WM-Tur­nieren mit dem Rad reiste. Er führte sogar ein Fahr­ten­buch mit, das er sich von Tank­warten oder Beamten abstem­peln ließ. Anfangs hatte seine Moti­va­tion einen simplen Grund: Bäumer hatte kein Geld für das Zug­ti­cket in die Schweiz.