In Lei­cester wird fast jede Frage mit Fuß­ball beant­wortet. So mus­tert der ältere Herr mit dem Hund an der Leine erst einmal sein Gegen­über, als man ihn nach dem Weg zum Sta­dion fragt. Er ent­gegnet: Hast du Schuhe dabei?“ Schuhe? Ja, Fuß­ball­schuhe. Schlechter als die Jungs auf dem Rasen kannst du es auch nicht machen.“

Seit Jah­res­be­ginn ist der Gal­gen­humor zurück­ge­kehrt in die Stadt des amtie­renden Pre­mier-League-Meis­ters. Vier Spiele hat Lei­cester in Folge ver­loren, seit fünf Spielen ist die Mann­schaft ohne eigenen Treffer. Swansea City auf dem ersten Abstiegs­platz ist punkt­gleich mit Lei­cester – und wartet als kom­mender Gegner am Sonntag. Lei­ces­ters Mann­schaft, die im ver­gan­genen Jahr für ein veri­ta­bles und welt­weit beach­tetes Fuß­ball­mär­chen sorgte, sie spielt der­zeit um nichts anderes als den Ver­bleib in der ersten Liga. Es war pein­lich“, erklärte Tor­wart Kasper Schmei­chel nach der jüngsten Pleite gegen Man­chester United und sprach einen Satz, der zunächst wie eine Bana­lität klang, aber gleich­zeitig die aktu­elle Misere poin­tiert erklärte: Die ver­gan­gene Saison ist vorbei.“

So richtig aus­blenden können sie in Lei­cester jedoch die guten, gar nicht mal alten Zeiten eben nicht. Am Sta­dion prangt auf einem über­di­men­sio­nalen Plakat das Wort Cham­pions“, auf den Fluren hängen überall die gerahmten und frisch polierten Bilder der Meis­ter­saison. Selbst der Pres­se­raum ist voll mit über­großen Zei­tungs­seiten vom Tag der großen Party im Haus von Stürmer Jamie Vardy.

Den Ernst der Lage reprä­sen­tieren höchs­tens die zusammen gezo­genen Augen­brauen des Klub­spre­chers. Kurz vor der Pres­se­kon­fe­renz am Dienstag schreitet er mit einem Stapel DinA4-Zet­teln durch den Raum. Er ver­teilt sie an die Anwe­senden mit der Miene eines Mathe­leh­rers nach ent­setz­lich aus­ge­fal­lenen Klas­sen­ar­beiten. Dabei sollen die Sätze auf dem Papier ein Signal des Zusam­men­halts aus­strahlen: In Anbe­tracht der aktu­ellen Spe­ku­la­tionen will Lei­cester City Foot­ball Club absolut klar seine unum­stöß­li­chen Unter­stüt­zung für Trainer Claudio Ranieri aus­drü­cken.“ Der gesamte Verein stehe wei­terhin geschlossen hinter dem Coach und seinen Spie­lern, heißt es in der Erklä­rung weiter. Am Mitt­woch ver­deut­licht selbst der Besitzer des Klubs in Inter­views und Umar­mungen seine Treue zu Ranieri.

Ranieri holt die Ver­gan­gen­heit wieder ein

Es ist selten, dass ein Verein sich so öffent­lich­keits­wirksam vor seinen Trainer wirft. Man könnte auch sagen: Ernster könnte die Lage nicht sein. Die eng­li­schen Jour­na­listen im Raum inter­pre­tieren die Worte auf dem Papier dann ganz unsen­ti­mental als ver­meint­li­chen kiss of death“. Der Meis­ter­trainer Ranieri ist erst vor einigen Wochen als Welt­trainer“ aus­ge­zeichnet worden. Es ist nicht über­trieben zu sagen, dass sich der Ita­liener mit dem Titel 2016 in der Stadt unsterb­lich gemacht hat. Die Gegen­wart in der Pre­mier League kommt aber unbarm­herzig und frei von Nost­algie daher: Bei den Buch­ma­chern ist Ranieri nun­mehr der Top­kan­didat auf den nächsten Trai­nerr­aus­wurf.

Es ist ein alter Spitz­name, der Ranieri in dieser Saison wieder ein­holt. Auf der Insel nannten sie ihn den Tin­kerman“ – einen, der die Auf­stel­lung zu schnell wech­selt. Er galt als per­fek­tio­nis­ti­scher Tüftler, der solange am Mann­schafts­ge­bilde bas­telt, bis es wieder in sich zusammen bricht. Ranieri tauschte in dieser Saison tat­säch­lich sehr häufig die Start­for­ma­tion und das System. Medi­en­be­richten zufolge teilte er seiner Mann­schaft eine Umstel­lung auf die 3 – 4‑3-For­ma­tion erst ein­ein­halb Stunden vor dem Anpfiff mit. Der Stürmer Shinji Oka­zaki soll sich beklagt haben, dass die Mann­schaft mit den Wech­seln heillos über­for­dert sei, hieß es in einer Radio­sen­dung der BBC.