Jeden Samstag geht Declan Greaves mal eben Ziga­retten holen. Heim kommt er erst am nächsten Morgen. Dabei ist der Tabak­laden doch gleich nebenan. Und Nicht­rau­cher ist er auch. Das mit den Ziga­retten kann nicht die ganze Geschichte sein.

Tina Greaves weiß es längst: Ihr Declan hat eine andere. Seit 23 Jahren das gleiche Spiel: Vor Tages­an­bruch ver­lässt er das gemein­same Haus im Dub­liner Süden und fährt zu seiner Geliebten, die in Eng­land wohnt, jen­seits der Iri­schen See, in der ver­ruchten Hafen­stadt. Und Tina lässt es zu, sie schmiert ihm sogar noch die Stullen für unter­wegs. An der Tür gibt sie ihm ein Küss­chen auf die Paus­backe. Pass auf dich auf, mein Schatz!“ Declan rückt sein Kas­sen­ge­stell gerade. Mach ich doch immer.“

Wegen seiner Geliebten weint er manchmal, wegen seiner Frau nie

Er wird schon wie­der­kommen, denkt sie. Aus seinem alten Ruck­sack, der nur noch einen Träger hat, wird er die Stange Marl­boro-Ziga­retten ziehen, die sie so gern raucht. Wie ver­spro­chen. Denn Declan ist eine treue Seele. Ihr treu und den Kin­dern. Aber eben auch seiner Geliebten. Es wäre aus­sichtslos, gegen sie anzu­kämpfen. Sie ist größer als Tina, größer als alles andere in Declans Leben. Auch wenn er selbst nie­mals zugeben würde, dass er sie mehr liebt als seine Frau, so liebt er sie doch ganz offenbar hin­ge­bungs­voller, opfer­be­reiter, hei­ßeren Her­zens. Wegen ihr weint er manchmal, wegen Tina nie.

You’ll never walk alone: 3000 Iren nehmen, wie Declan Greaves, alle zwei Wochen den langen Weg nach Anfield auf sich, bei Aus­wärts­spielen sind es nur unwe­sent­lich weniger. Sie kommen aus Dublin, aus Cork, Lime­rick, Dro­g­heda und Dun Loag­haire, aus Rath­farnham und Droi­chead Nua. Wer es sich leisten kann, nimmt das teure Flug­zeug, doch das sind, in Zeiten des wirt­schaft­li­chen Nie­der­gangs, die aller­we­nigsten. Der Groß­teil besteigt im Mor­gen­grauen die Fähre und begibt sich auf die alte See­route zwi­schen Irland und Groß­bri­tan­nien, die seit jeher die Route der Hoff­nung ist.

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Heute ist es die Hoff­nung auf drei Punkte, vor 150 Jahren war es die Hoff­nung, irgendwie zu über­leben. Nach der ver­hee­renden Kar­tof­fel­fäule der 1840er Jahre flohen zwei Mil­lionen Iren auf den famine ships, den Hun­ger­schiffen, vor dem Elend ihrer Heimat und suchten ihr Heil in Übersee. Gut 250.000 von ihnen ließen sich in Liver­pool nieder, einer Stadt, die damals selbst nur 220.000 Ein­wohner hatte. Sie ver­än­derten sie für immer: Noch heute hat die Hälfte aller Liver­pud­lians iri­sche Wur­zeln, der Scouser-Dia­lekt ähnelt dem iri­schen, hier wie da heißt es That is me club“ statt my club“. Und seit Jahr und Tag singen die Fans im Liver­pooler Kop The Fields of Anfield Road“, eine Abwand­lung der iri­schen Bal­lade The Fields of Athenry“. Das Ori­ginal han­delt von einem Mann namens Michael, der in der Hun­gersnot Nah­rungs­mittel für seine Familie stiehlt und dafür mit der Ver­ban­nung nach Aus­tra­lien bestraft wird.

Viele Iren wären gern Liver­pud­lians“

Allein in einer Nacht des Februars 1847 befanden sich, das zeigen alte Log­bü­cher, 20.000 Iren auf den dunklen Was­sern zwi­schen Dublin und Liver­pool, zusam­men­ge­pfercht auf allem, was schwamm – eine Armada der Hun­ger­schiffe. Nicht dass Declan Greaves, sein Pau­sen­brot im Ruck­sack und voller Vor­freude auf ein Fuß­ball­spiel, bei jeder Über­fahrt dieser ver­zwei­felten Seelen gedenken würde. Aber er emp­findet eine Ver­bin­dung zu Liver­pool, die weit über bloße Sym­pa­thie hin­aus­geht. Diese Stadt ist wie ein zweites Herz, das schlägt“, sagt er. Viele Liver­pud­lians sind Iren, und viele Iren wären gern Liver­pud­lians.“