Seite 4: Wie sich die „Goldene Elf“ auflöste

All das machte die Nie­der­lage im WM-Finale 1954 gegen Deutsch­land noch unbe­greif­li­cher. Im Schlamm von Bern, der das Kom­bi­na­ti­ons­spiel der Ungarn störte, unterlag Ungarn mit 3:2 und ein ganzes Land ver­fiel in tiefe Trauer und Wut. Die Arro­ganz der Ungarn und Horst Eckel, der Hidegkuti mann­deckte, zer­störten den Traum einer gol­denen Elf und mar­kierten den Anfang vom Ende.

Puskas wurde aus­ge­buht, der Trainer-Sohn ver­prü­gelt

Die Folgen waren kata­stro­phal. Aus Angst vor Gewalt wurde der Mann­schaftsbus bei der Rück­kehr aus der Schweiz kurz vor Buda­pest umge­lei­tetm Ferenc Puskás nach seiner Rück­kehr bei Liga­spielen aus­ge­buht, der Sohn von Trainer Sebes ver­prü­gelt. Schlimmer noch als der Volks­zorn, war die kalte und men­schen­un­wür­dige Reak­tion des Regimes. Gyula Gro­sics erin­nerte sich einst: Wenige Kilo­meter vor Buda­pest mussten wir gegen Mittag plötz­lich aus­steigen, wurden in ein Trai­nings­lager gebracht und durften es den ganzen Tag nicht ver­lassen. Abends kamen die höchsten Poli­tiker. Mátyás Rakosi, der Gene­ral­se­kretär der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, auch der Innen­mi­nister und der Mili­tär­mi­nister sowie Leute der unga­ri­schen Stasi. Rakosi hielt eine Rede, auch der zweite Platz sei ein schönes Ergebnis, und dann sagte er noch: ›Nie­mand von euch soll Angst haben, bestraft zu werden für dieses Spiel!‹ Ich habe den Klang seiner Stimme noch im Ohr. Als dieser Satz fiel, wusste ich, dass er genau das Gegen­teil bedeutet. Ich wusste, dass etwas Schlimmes pas­sieren würde. Ich war oft mit der Staats­si­cher­heit AVH anein­an­der­ge­raten, jetzt hatte ich das Gefühl, in Gefahr zu sein. Ich wusste, sie hatten es auf mich abge­sehen. Ich behielt Recht.“ Vier Monate nach der WM wurde Gro­sics ver­haftet und des Lan­des­ver­rats bezich­tigt. Sein Vater verlor seine Arbeit und er selbst wurde zum Pro­vinz­verein Tatab­anya straf­ver­setzt. Nach 13 Monaten wurde er frei gespro­chen, 1957 wurde er noch einmal ver­hört. Auch Lóránt und Bozsik wurden kurz­zeitig ver­haftet.

Einen Vor­ge­schmack hatte es bereits 1954 direkt nach dem Finale gegeben, als Men­schen­massen auf die Straße gegangen waren und ihre Wut gegen Regime und Spieler glei­cher­maßen rich­teten. 1956 kam es ohne das Schutz­schild Aranycsapat end­gültig zum Auf­stand gegen den Sta­li­nismus. Nach der blu­tigen Nie­der­schla­gung mit über 3000 Toten durch sowje­ti­sche Armee­kräfte, flohen Puskás und wei­tere Spieler nach einem Län­der­spiel aus Ungarn. Puskás heu­erte bei Real Madrid an und wurde zum Welt­star, Czibor und Kocsis bei Bar­ce­lona. Die Idole waren weg, die Stim­mung im Land nach dem miss­glückten Auf­stand am Boden. Als 1957 auch noch Trainer Sebes ent­lassen wurde, war eine Ära end­gültig zu Ende und ein Land durch das Trauma von Bern seines großen Traumes beraubt. Ein Trauma, von dessen Wucht sich Ungarn noch heute nicht erholt hat.

Tod im Wank­dorf­sta­dion

Mit der gol­denen Elf starb auch der Gedanke eines freien, strah­lenden Ungarns. Eines Landes, die erst sport­lich eine Welt­macht sein würde und später auch in der Wirt­schaft. Einer demo­kra­ti­schen Nation, die erst stolz auf seine sport­li­chen Helden sein würde und später auch auf die poli­ti­schen. Helmut Rahns Tor zum 3:2 been­dete eine sport­liche Dekade ähn­lich rabiat wie die Schüsse der Sowjets die Pro­teste des Volkes. Obwohl es nach 1954 eine wei­tere Sie­ges­serie gab, starb im Wank­dorf­sta­dion von Bern eine Elf, die immer stolz gewesen war, Ungarn zu ver­treten und dem Volk Freude zu bereiten.

Am 13. Juni 2014 ver­starb Gyula Gro­sics, der Mann, der einst das Tor der Gol­denen Elf“ so beein­dru­ckend gehütet hatte. Einen Monat vor dem WM-Finale zwi­schen Deutsch­land und Argen­ti­nien. Ungarn war bereits in der Qua­li­fi­ka­tion geschei­tert und war unter anderem mit 1:8 gegen Hol­land unter­ge­gangen. Am 11. Januar 2015 mel­deten die Zei­tungen den Tod des Letzten aus der groß­ar­tigen unga­ri­schen Mann­schaft, die einst den Welt­fuß­ball domi­niert hatte: Jenő Buzánszky. Die Gol­dene Elf“ ist seitdem end­gültig Geschichte. Eine wun­der­bare Geschichte. Aller­dings ohne Happy End.