Seite 3: Wie Ungarn die Taktik revolutionierte

Der letzte Faktor der magya­ri­schen Domi­nanz war ohne Zweifel die über­legen Taktik. Nor­bert Höf­ling hätte es heute schwer. Als bul­liger und breit gebauter Mit­tel­stürmer, der sich Schar­mützel mit seinem Mann­de­cker lie­ferte und dessen Revier aus­schließ­lich der Straf­raum war, wäre der Rumäne heut­zu­tage Teil der Debatte um die aus­ster­bende Gat­tung der echten Neuner“. Das war im Jahr 1948 anders. Höf­ling hatte für MTK Buda­pest in 24 Spielen 23 Tore erzielt, im W‑M-System war er für die an vor­derster Front wie geschaffen. Dann ging alles ganz schnell, Lazio Rom klopfte an und weg war der Tor­jäger der Ungarn. Márton Bukovi, Trainer von Buda­pest war immer ein Visionär gewesen. Der 1903 gebo­rene Trainer hatte selbst elf Län­der­spiele für Ungarn absol­viert und war ein Mann mit einem prä­zisen Blick für das Spiel. Als sich kein Ersatz für Höf­ling fand, bas­telte Bukovi sich eine neue Taktik. Er zog den Mit­tel­stürmer zurück, um ihm mehr Raum zu geben und umging so die Schwach­stelle seines Kaders: Das Fehlen eines großen Zen­trums­tür­mers. Nandor Hidegkuti, der diese Rolle später per­fek­tio­nieren sollte und gegen Eng­land 1953 sein Meis­ter­stück ablie­ferte, beschrieb das so: Der Mit­tel­stürmer hatte es mit einem Mann­de­cker im Nacken immer schwerer. Des­halb kam die Idee auf , die Nummer Neun weiter hinten spielen zu lassen, wo sie mehr Raum hatte.“

Ein gänz­lich neues Spiel­system

Der Frei­geist hinter zwei Stür­mern – die Außen­spieler rückten ein – über­for­derte das System der meisten geg­ne­ri­schen Abwehr­ver­bunde, die strikt auf Mann-Ori­en­tie­rung ange­wiesen waren. Durch das Zurück­fallen des Neu­ners, schob ein Läufer nach hinten und einer reihte sich an der Seite Palotás ein. So ent­stand offensiv situativ ein 4−2−4: Ein System, das in puncto Varia­bi­lität und Angriffs­stärke auf der Treppe zum neuen Jahr­zehnt der Fünf­ziger sei­nes­glei­chen suchte. Natio­nal­trainer Gusztáv Sebes adap­tierte Bukovis System und ließ auch die Natio­nalelf im M‑M-System antreten, Palotas als zurück­fal­lender Neuner und Hidegkuti auf Rechts­außen.

Beim Gewinn der Gold­me­daille 1952 bei den Olym­pi­schen Spielen hießen die Säulen des unga­ri­schen Spiels Puskás, Kocsis, Palotás und Bozsik. Im Sep­tember 1952 wurde Hidegkuti auf dieser zurück­hän­genden Posi­tion beim Stand von 0:2 gegen die Schweiz ein­ge­wech­selt und Ungarn siegte noch 4:2. Fertig war das letzte Puz­zle­teil, das zur Ver­ede­lung zum Pre­mium-Team mit Allein­stel­lungs­wert noch fehlte. Er füllte diese Rolle per­fekt aus, posi­tio­nierte sich im vor­deren Mit­tel­feld, schlug her­vor­ra­gende Pässe, brachte die geg­ne­ri­sche Ver­tei­di­gung durch­ein­ander und lief fan­tas­ti­sche Soli, um dann selbst abzu­schließen“, beschrieb Puskás seinen Adju­tanten.

Das legen­däre 5:3 gegen die unbe­siegten Eng­länder

Diese tak­ti­sche Revo­lu­tion sorgte kurz darauf für einen wei­teren Don­ner­schlag im Welt­fuß­ball. Die im hei­mi­schen Wem­bley-Sta­dion noch nie besiegten Eng­länder wurden am 25. November 1953 mit 6:3 demon­tiert. Harry Johnston, Eng­lands bedau­erns­werter Vor­stopper, fand sich in völ­liger Hilf­lo­sig­keit wieder. Folgte er Hidegkuti, ließ er in seinem Rücken ein Loch ent­stehen, das die offi­ziell als Halb­stürmer gelis­teten Puskás und Kocsis gna­denlos aus­nutzten. Ließ er seinen Gegen­spieler ziehen, konnte Hidegkuti die Fäden ziehen und mit Läufen in die Spitze eine Über­zahl und somit dop­pelte Über­for­de­rung ent­stehen lassen.

Hidegkuti traf dreimal und zeigte, warum er die Königs­per­so­nalie in Sebes‘ System war. Es war eine Win-Win-Situa­tion, wie es sie selten in der Fuß­ball­ge­schichte gegeben hat und geben wird. Eine Mann­schaft mit tech­nisch über­ra­genden Ein­zel­spie­lern und fünf der besten Akteure der Dekade spielt das fort­schritt­lichste System – eine sagen­hafte Kon­stel­la­tion.