Seite 2: Es fehlt an Füchsen

So sind heut­zu­tage bei den DFB-Sich­tungs­tur­nieren in der U16 und U18 nicht nur die 21 Mann­schaften der Lan­des­ver­bände ver­treten, son­dern es gibt zudem ein Per­spek­tiv­team. Es soll talen­tierten spät­ge­bo­renen Spie­lern eine Platt­form geben. Seit zwei Jahren gibt es zudem Per­spek­tiv­kader bei den Nach­wuchs­na­tio­nal­mann­schaften. Auch hier werden Spieler zu zwei beson­deren Lehr­gängen pro Saison ein­ge­laden, die ent­weder kör­per­lich noch nicht so weit ent­wi­ckelt oder eben in der zweiten Jah­res­hälfte geboren sind. Bei zwei von ihnen scheint die Maß­nahme nach­haltig gewirkt zu haben. Der Ende November 1997 gebo­rene Marco Richter gehört seit letzter Saison zum erwei­terten Stamm des FC Augs­burg. Das gilt auch für den von Schalke an Greu­ther Fürth aus­ge­lie­henen Stürmer Fabian Reese, der eben­falls Ende November geboren wurde.

Einer­seits wollen wir die Spieler durch solche Maß­nahmen för­dern, aber auch die Klubs und die Öffent­lich­keit für das Thema sen­si­bi­li­sieren“, sagt Schön­weitz. Er weiß jedoch, dass diese Akti­vi­täten an der Spitze das Pro­blem an der Basis allein nicht lösen können. Denn gerade in den Ver­einen tun sich die Pro­bleme auf. Alle sind gefangen im System, weil sie auch per­formen müssen“, sagt Schön­weitz. Die Per­for­mance wird jedoch oft genug in Toren und Siegen gemessen, statt in der Ent­wick­lung der Spieler. Wel­cher ambi­tio­nierte U17-Trainer mag unter diesen Bedin­gungen das Risiko ein­gehen, aus der Bun­des­liga abzu­steigen, weil er fuß­bal­le­risch talen­tierten, aber kör­per­lich unter­le­genen Jungs üppige Spiel­zeit gibt, damit sie sich besser ent­wi­ckeln?

Wann kommt die Bio-Ban­ding-Offen­sive?

So wird beim DFB über grund­sätz­liche neue Ansätze nach­ge­dacht. Einer könnte sein, durch das soge­nannte Bio-Ban­ding das wirk­liche Alter“ der Spieler zu ermit­teln. Der eng­li­sche Fuß­ball­ver­band führt schon seit vier Jahren Tur­niere durch, bei denen die Mann­schaften nach dem bio­lo­gi­schen und nicht dem kalen­da­ri­schen Alter ein­ge­teilt werden. Der ame­ri­ka­ni­sche Fuß­ball­ver­band hat letztes Jahr sogar eine große Bio-Ban­ding-Offen­sive ange­kün­digt. Das klingt aller­dings toller als es ist, denn das wirk­liche Alter“ basiert auf sta­tis­ti­schen Hoch­rech­nungen, die bis­lang noch ziem­lich ungenau sind.

Der bel­gi­sche Fuß­ball­ver­band hin­gegen ver­sucht, dem Pro­blem mit einer wech­selnden Alters­grenze zu begegnen. Der rol­lie­rende Stichtag“ ändert sich von Jahr zu Jahr, so dass jeder Spieler im Laufe der Jugend­zeit mal zu den Jün­geren, Älteren oder Mit­tel­alten gehört. Noch gibt es keine For­schungen dazu, ob das zu den gewünschten Ergeb­nissen führt. Schnell scheint sich der Effekt aber nicht aus­zu­wirken, denn in der aktu­ellen U16-Natio­nal­mann­schaft Bel­giens ist nur ein Spieler ver­treten, der in den letzten sechs Monaten geboren ist.

Der DFB wälzt noch einige andere Ideen, die aller­dings gewal­tige Folgen hätten. Denn wie könnte man eine Quote durch­setzen, jün­geren Spie­lern eines Jahr­gangs Ein­satz­zeiten zu garan­tieren? Und würde das ältere Spieler nicht benach­tei­ligen, die gerade besser sind? Sollte man die Spiele drit­teln, um in einem der Drittel die jün­geren Spieler antreten zu lassen? Und sollten in den unteren Jahr­gängen die Tabellen ganz abge­schafft werden, um den Leis­tungs­druck zu ver­rin­gern?

Wenn ich nicht mit der großen Axt zuschlagen kann, muss ich smart sein“

Vieles wird gerade dis­ku­tiert und geprüft. Aber es ist auch nicht so, dass alle Talente ver­hin­dert werden, Qua­lität setzt sich am Ende durch“, meint Schön­weitz. Tat­säch­lich schwächt sich der Rela­tive Alters­ef­fekt mit zuneh­mendem Alter ab. In der Bun­des­liga unter­scheidet sich die Zahl der Spieler aus den ersten drei Quar­talen jeweils nicht mehr so stark. Die im vierten Quartal Gebo­renen hin­gegen machen aber wei­terhin nur gut zwölf Pro­zent aus. Im Kader der Natio­nal­mann­schaft für die letzten beiden Län­der­spiele 2018 waren elf von 23 Spie­lern im ersten Quartal geboren und nur einer im letzten: Mats Hum­mels.

Dessen Vater Her­mann, der inzwi­schen Nach­wuchs­spieler berät, findet, dass für Spät­ge­bo­rene und Spät­ent­wickler der ursprüng­liche Nach­teil zum Vor­teil werden kann: Wenn ich nicht mit der großen Axt zuschlagen kann, muss ich smart sein.“ Wer in der Jugend kör­per­lich unter­legen ist, der sei halt gezwungen, Schläue und spie­le­ri­sches Geschick auf dem Platz zu ent­wi­ckeln. Sein Para­de­bei­spiel dafür ist der im November gebo­rene Philipp Lahm, den Hum­mels in der U15 eben­falls trai­nierte. Wir konnten mit ihm nicht jedes Spiel gewinnen, aber das mussten wir auch nicht“, sagt er. Doch wenn er heute noch Trainer wäre, meint Hum­mels, müsst er einen so schmäch­tigen Spieler wie Lahm ver­mut­lich aus­sor­tieren und durch einen zuge­kauften Spieler ersetzen. Kein Wunder also, dass es im deut­schen Fuß­ball neben all den Mopeds und Büf­feln an den Füchsen fehlt.