Es lässt sich treff­lich dar­über streiten, wann das Wunder von Kap­fen­berg seinen Anfang nahm. War es im Sommer 2007, als die Pleiten der Kon­kur­renz dem kleinen Verein aus der Stei­er­mark ein zweites Leben schenkten? Ein paar Monate zuvor, als zum zweiten Mal inner­halb weniger Monate der Trainer gewech­selt wurde? Oder doch schon 1997, als Erwin Fuchs auf der Bild­fläche erschien? Doch der Reihe nach.



Knapp 22.000 Ein­wohner zählt die kleine Indus­trie­stadt Kap­fen­berg. Der ört­liche Klub wurde 1919 gegründet und erlebte seine beste Zeit Anfang der 50er, als ihm der Auf­stieg in die Staats­liga A gelang. Aus dieser Zeit stammt auch der legen­däre Satz des öster­rei­chi­schen Kaba­ret­tisten Helmut Qual­tinger: »Kap­fe­ring gegen Sim­me­ring – des is Bru­ta­lität.« Nach dem Abstieg 1967 düm­pelte der Verein meist auf Lan­des­li­ga­ebene herum. Bis 30 Jahre danach Erwin Fuchs das Kom­mando über­nahm. Wer den Unter­nehmer kannte, der vom ein­fa­chen Lehr­ling zum Besitzer eines Fir­men­im­pe­riums auf­stieg, wusste, dass er sich nicht mit halben Sachen begnügen würde. Über Jahre but­terte der Prä­si­dent eine Menge Geld in den Verein. »Ich habe mir halt ein teures Hobby aus­ge­sucht«, sagte er dazu lapidar. Und 2002 war die SV Kap­fen­berg zurück in der 2. Liga.

Vier Jahre später trennte sich der Vor­stand vom lang­jäh­rigen Trainer Hans-Peter Schaller. Sein Nach­folger Drazen Sva­lina über­nahm eine nahezu kom­plett neue Mann­schaft, der­weil der bis­he­rige Spieler Her­bert Wieger in die Rolle des Mana­gers schlüpfen sollte. Auf­grund zahl­rei­cher Ver­let­zungen an der Grenze zum Sport­in­va­liden sollte der Publi­kums­lieb­ling nur­mehr in Not­fällen als Stürmer auf­laufen. Doch die Sache mit Sva­lina funk­tio­nierte nicht, und nach nur einem Punkt aus sieben Spielen wurde der glück­lose Coach ent­lassen. Als neuer Trainer wurde ein alter Bekannter im öster­rei­chi­schen Fuß­ball vor­ge­stellt, ein Irr­wisch an der Sei­ten­linie: Werner Gre­go­ritsch, 50.

»Wenn dein komi­scher Helm beim nächsten Trai­ning nicht weg ist, brauchst du dich nicht mehr bli­cken zu lassen«

Der krem­pelte die Ärmel hoch und legte gleich richtig los: »Meine Devise ist Geben und Nehmen, dazu hun­dert­pro­zen­tiger Ein­satz.« Nicht nur die Ein­stel­lung der Kicker, auch deren Fri­suren passten ihm nicht. »Wenn dein komi­scher Helm beim nächsten Trai­ning nicht weg ist, brauchst du dich nicht mehr bli­cken zu lassen«, beschied er etwa den Iro­kesen-Träger Oso­inik. Dass Gre­go­ritsch, der von vielen »Gre­gerl« genannt wird, mit seiner harten Linie Erfolg haben kann, bewies er einst in Mat­ters­burg, als er den Dorf­verein in die Bun­des­liga führte. Doch in Kap­fen­berg ließ der Erfolg zunächst auf sich warten. Zwar hatten alle Fuß­baller bald brave Haar­schnitte, doch konnte auch Gre­go­ritsch der Truppe kein Leben ein­hau­chen. Seine ener­gi­sche Art schien die Spieler noch mehr zu ver­un­si­chern. Am Sai­son­ende war die SV Kap­fen­berg Vor­letzter und musste eigent­lich runter in die Regio­nal­liga. In dieser Situa­tion setzte der Trainer ein Zei­chen und ver­län­gerte seinen Ver­trag um drei Jahre, unab­hängig von der Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit. Obwohl es leise Hoff­nung gab, dass einige Klubs keine Bun­des­li­ga­li­zenz erhalten könnten, wurde eifrig an einem Kader für die Regio­nal­liga gebas­telt.

Im stei­ri­schen Ört­chen Guß­werk in der Nähe des Wall­fahrts­orts Maria­zell berei­teten sich die Kap­fen­berger auf die neue Spiel­zeit vor, als plötz­lich Zeug­wart Altan Bol­vari auf den Platz gestürmt kam, mit dem Handy fuch­telte und schrie: »Keine Lizenz für den Grazer AK und Admira!« Sofort pil­gerten Gre­go­ritsch und Co. nach Maria­zell und zün­deten ein Kerzel an. Die sport­lich abge­stie­gene SV durfte erneut in der »Red Zac 1. Liga« antreten, die eigent­lich die zweite ist. Doch mit wel­cher Mann­schaft? Bis auf die Slo­waken Kamil Susko und Peter Kra­kovsky hatte keiner der Neu­zu­gänge je als Profi gespielt. Stürmer Bernd Bern­steiner kam von einem Verein, der in die Lan­des­liga abge­stiegen war, Daniel Reiter war von den Kap­fen­ber­gern jah­re­lang ver­liehen worden. Der Rest des Teams hatte das Klas­sen­ziel im Vor­jahr sang- und klanglos ver­fehlt.

»Dann müssen wir halt noch mehr trai­nieren«, gab sich Gre­go­ritsch kämp­fe­risch. Als sich frei­lich kurz vor Beginn der Meis­ter­schaft auch noch Stamm­tor­wart Susko ver­letzte, waren sich die Trai­ningskie­bitze einig: »Kein Goalie, keine Füh­rungs­spieler, kein Tor­jäger. Die steigen sicher ab.« Doch schon das erste Spiel sollte zur Blau­pause für die gesamte Saison werden. Gegen den FC Lus­tenau lag Kap­fen­berg schnell mit 0:1 hinten, zeigte Angst­ha­sen­fuß­ball und konnte nur mit Mühe einen höheren Rück­stand ver­hin­dern. Da platzte Werner Gre­go­ritsch der Kragen. Nach einer halben Stunde wurde Manager Wieger, mitt­ler­weile 36, in die Partie geworfen, und nach einem Don­ner­wetter zur Pause agierte das Team wie aus­ge­wech­selt. Liendl glich aus, Taboga schoss kurz vor Schluss sogar das 2:1.

18 Tore in der letzten Vier­tel­stunde, sieben Treffer in der Nach­spiel­zeit

Auf diese Art ging es weiter: Vor der Halb­zeit hielt die SV meist mit viel Dusel das Spiel offen, in der Kabine gab »Gre­gerl« ordent­lich Zunder, danach sorgte Edel­joker Wieger für Druck und Tore. Gestählt durch die bein­harte Kon­di­ti­ons­schuf­terei, wurden die Gegner regel­recht über­rannt. Die Kap­fen­berger erzielten 18 Treffer in der letzten Vier­tel­stunde, bei sieben Toren waren die 90 Minuten bereits vorbei.

Als der Verein mit sechs Punkten Vor­sprung Herbst­meister wurde, hatten sich die Ziele geän­dert. »Von da an konnten wir nicht mehr leugnen, auf­steigen zu wollen«, blickt Her­bert Wieger zurück, den sein Trainer als »lebende Mumie« bezeichnet. Nach der Win­ter­pause funk­tio­nierte alles nach dem glei­chen Rezept: So richtig los gingen die Spiele erst nach einer knappen Stunde, wenn Wieger aufs Feld kam. Der 36-jäh­rige Betriebs­wirt schoss neun Tore, gab wei­tere neun Vor­lagen und riss die Kol­legen in schwie­rigen Phasen mit. Die Stärke der Mann­schaft war ansonsten das Kol­lektiv, eine ver­sprengte Truppe aus Jugend­li­chen, Spie­lern, die nir­gends mehr unter­kamen, maroden Rou­ti­niers und ewigen Talenten.

Wie Michael Liendl. Mit 18 vom GAK gekommen, blieb er meist unter seinen Mög­lich­keiten. War faul und galt als Möch­te­gern-Spiel­ma­cher, einer, der sich nicht über­winden konnte. 2006 wollte er unbe­dingt weg, doch nie­mand mochte eine Ablö­se­summe für ihn bezahlen. So hielt er sich im Ama­teur­team fit – bis Gre­go­ritsch kam. »Im Winter haben wir gewettet«, erzählt der 22-Jäh­rige, »wenn ich weniger als 80 Pro­zent der Ein­heiten bestreite, muss ich dem Trainer ein Gala-Menü spen­dieren. Da ich gewonnen habe, schuldet mir der Coach noch immer das Essen.« Der wei­tere Lohn für den Linksfuß: 18 Treffer und die Ehrung als »Spieler der Saison« in der Liga, außerdem natür­lich der Auf­stieg und die Rück­kehr der SV Kap­fen­berg in die Eli­te­klasse. Nach 41 Jahren.

Ein eigener Fan schrie: »Ihr könnt ja gar nichts!«

»Der Trainer hat sicher den größten Anteil am Erfolg«, glaubt Her­bert Wieger. »Gre­gerl« agiert als Manager nach bri­ti­schem Vor­bild, Wieger ist für die Orga­ni­sa­tion zuständig. Wäh­rend des Spiels läuft Gre­go­ritsch ges­ten­reich und laut­stark in der Coa­ching-Zone auf und ab. »Die Mann­schaft lebt zu 90 Pro­zent von meiner Emo­tion«, sagt er. Ab und zu bekommen dies auch andere zu spüren. In seiner Linzer Zeit klet­terte er einmal über den Zaun und knöpfte sich einen Zuschauer vor, als er mit Mat­ters­burg in Kap­fen­berg gas­tierte, würgte er einen geg­ne­ri­schen Spieler in den Sta­di­on­ka­ta­komben. Heuer wurde er beim Match gegen Grat­korn auf die Tri­büne ver­bannt. Auf dem Weg dorthin hörte er von einem eigenen Fan: »Ihr könnt ja gar nichts!« Gre­go­ritsch mar­schierte zu ihm hin und brüllte ihn nieder. Danach wurde er im Sta­dion gefeiert. Sein Kom­mentar: »Ich halt‘ es nicht aus, wenn einer nur stän­kert.«

Im Rahmen der Meis­ter­feier bekamen der gesamte Vor­stand und der Trai­ner­stab eine Glatze ver­passt – für den Trainer war es nicht die erste. 1997 erhielt er eine scho­ckie­rende Dia­gnose: Hoden­krebs. Seine ein­zige Chance war eine sofor­tige Ope­ra­tion, unzäh­lige Che­mo­the­ra­pien folgten. »Gre­gerl, der Kämpfer« – das passt zur Arbei­ter­stadt Kap­fen­berg wie die Faust aufs Auge. Nun will der Mann, der seit kurzem auch Kap­fen­berger Ehren­ritter (»Werner, Meister des runden Leders«) ist, die SV zu einer festen Größe im öster­rei­chi­schen Fuß­ball machen. Sprach der Coach in der ersten Euphorie davon, dass »alle Spieler, die jetzt dabei waren, sich das Aben­teuer Bun­des­liga ver­dienen«, werden viele in der Rea­lität keine Chance haben. »Wie im Vor­jahr haben wir das geringste Budget, und viele sehen uns als Fix­ab­steiger«, weiß Prä­si­dent Erwin Fuchs. »Das moti­viert den Werner noch mehr.