Der schmale Grat zwi­schen Liebe und Hass ist im Fuß­ball stets noch ein wenig dünner. Ges­tern galt Jogi Löws schwer bere­chen­bare Per­so­nal­po­litik noch als das akri­bisch erar­bei­tete Werk eines Erneue­rers. Eines Künst­lers, der sich Schön­heit und Ele­ganz ver­schrieben hat, und damit die deut­sche Fuß­ball­na­tion aus der Tris­tesse der Jahr­tau­send­wende ins gelobte Land führen will. Heute wirken die Plan­spiele des Bun­des­trai­ners wie eine Mischung aus Willkür, Rou­lette und den Men­schen­ver­su­chen im Labo­ra­to­rium eines ver­rückten Pro­fes­sors. Und einige sind im Ange­sicht des ver­lo­renen Halb­fi­nals noch derart weg­ge­treten, gleich wieder den Kopf des Coachs zu for­dern. Dabei hatten die Deut­schen 2006 doch bewiesen, was sie für faire, ver­nunft­ge­steu­erte Ver­lierer sein können. Sogar ein dritter Platz bei der WM im eigenen Land wurde wie ein Titel­ge­winn gefeiert. Und allent­halben gönnte man Ita­lien, diesem Sehn­suchts­land der Deut­schen, dass es den Cup mit nach Hause nahm.

2012 ist dieser Gedulds­faden längst auf­ge­drö­selt, die Deut­schen haben mitt­ler­weile wieder ver­gessen wie es ist, den Platz als Ver­lierer zu ver­lassen. Die Ver­ant­wort­li­chen beim DFB sind daran nicht ganz schuldlos, schließ­lich beteu­erten sie wie­der­holt, dass man nun wieder in der Lage sei, jeden zu schlagen und Spa­nien bei dieser Euro fällig“ sei. Hat leider nicht geklappt, so ist nun mal der Fuß­ball. Aber müssen wir des­wegen alles in Frage stellen? Die deut­sche Elf ist sou­verän durch eine kniff­lige Vor­runde mar­schiert. Sie hat den spä­teren Halb­fi­na­listen Por­tugal viel­leicht nicht glanz­voll, aber doch abge­klärt geschlagen. Die Nie­der­lande wurden gede­mü­tigt. Die starken Dänen nicht zuletzt wegen des zuver­läs­sigen Boateng-Ver­tre­ters, Lars Bender, aus dem Tur­nier bug­siert.

Schon diese Umstel­lung bewies, dass der Kader eine Viel­zahl von Vari­anten zulässt. Von hüb­schen Über­ra­schungen und tak­ti­schen Drei­band­spiel­chen. Sowas gab es in dieser Viel­falt in Deutsch­land wohl noch nie. Dass sich Löw nicht wie frü­here Bun­des­trainer skla­visch an die Para­gra­phen eins und zwei im Gesetz­buch des deut­schen Klein­gärt­ners halten musste: 1. Das wird hier immer so gemacht.“ 2. Geht nicht, das haben wir noch nie so gemacht.“

Wider die Bun­des­trai­ner­pa­ra­gra­phen

Also stellte er im Vier­tel­fi­nale ein­drucks­voll unter Beweis, wie viele Alter­na­tiven auf der deut­schen Bank schlum­mern. Ein gewin­nendes Team auf drei Posi­tionen zu ver­än­dern, war auch eine Demons­tra­tion von Macht und Stärke. Das Selbst­be­wusst­sein schien uner­schüt­ter­lich. Andre Schürrle sorgte anstelle des melan­cho­li­schen Thomas Müller für mächtig Dampf. Marco Reus, dem viele nicht zutrauen, dass er länger als eine Spiel­zeit tanzen würde, schoss den gerade 27-jäh­rigen Lukas Podolski kurz nach dessen 100. Län­der­spiel sogar auf halben Weg Rich­tung natio­nal­mann­schaft­liche Früh­rente.

Miro Klose stellte wieder mal unter Beweis, dass mit ihm als Stürmer auch im Grei­sen­alter noch zu rechnen ist. Löws Umstel­lungen waren modern, unkon­ven­tio­nell und mutig, denn: Sie waren von Erfolg gekrönt. Auch wenn das Spiel gegen Grie­chen­land ein Pflicht­termin war, der Auf­tritt ließ die Herzen der Men­schen höher schlagen. Vier Tore legten sich wie Mor­gentau über eine zarte Pflanze aus Flüch­tig­keits­feh­lern.

Bestärkt vom Erfolg seiner Ent­schei­dungen, blieb Löw und sein Trai­ner­team bei seiner Über­ra­schungs­taktik. Alles, was er tat, war nach­voll­ziehbar. Nur wenige deut­sche Spieler ver­fügen nach­weis­lich über die Ner­ven­stärke von Lukas Podolski, er hat die Erfah­rung in einem Halb­fi­nale zu bestehen und er war vor dem Ita­lien-Spiel hungrig, seine bis dato über­schau­bare Leis­tung bei dieser EM zu kor­ri­gieren. Auch Mario Gomez stand wie ein Galopper in der Box und scharrte mit den Hufen. Ein gutes Omen, schließ­lich hatte er mit drei Vor­run­den­toren bewiesen, dass seine Physis auch gegen solide auf­ge­stellte Defen­siv­ver­bände eine Durch­schlags­kraft ent­wi­ckelt.

Die Beru­fung von Toni Kroos war ohnehin über­fällig. Er strotzte vor Selbst­ver­trauen, galt intern einigen längst als bes­sere Alter­na­tive zu Schwein­s­teiger und schien der Auf­gabe im Duell mit Ita­liens Baro­meter, Andrea Pirlo, vollauf gewachsen zu sein. Aber grau ist alle Theorie. Jedes hoch­klassig besetzte EM-Tur­nier hat seine eigene Dynamik.

Nicht alles ist akri­bisch vor­ausseh- und planbar. Mit Mats Hum­mels patzte beim 1:0 für Ita­lien aus­ge­rechnet ein Spieler, der bis dato erhaben über jeg­liche Form von Kritik gewesen war. Die hoch­ge­lobte Abwehr sorgte mit zwei Unacht­sam­keiten dafür, dass Deutsch­land mehr als eine Stunde einem Rück­stand hin­ter­her­laufen musste, der gegen ita­lie­ni­sche Teams, die das Ver­hin­dern von Toren gewis­ser­maßen in ihrer DNA tragen, tra­di­tio­nell schwer auf­zu­holen ist. Und den feinen Unter­schied machte an diesem Tag einer, der in kein Schema passt, den selbst sein eigener Coach nicht unter Kon­trolle kriegt und wie kein Zweiter im gegen­wär­tigen Welt­fuß­ball zwi­schen Genie und Wahn­sinn oszil­liert: Mario Balo­telli. Auch ein schmaler Grat.

Nächster Anlauf: Bra­si­lien 2014

Des­halb: Wir sollten alle kurz mal tief durch­atmen, den Blut­druck senken und ein­sehen: Nicht Jogi Löw ist schuld, dass Deutsch­land nach Hause fährt, son­dern eine ita­lie­ni­sche Mann­schaft, die so gna­denlos clever gespielt hat, dass es eine gute DFB-Elf an einem lauen Don­ners­tag­abend keine pas­senden Lösungen für sie parat hatte. Die Rolle des stil­vollen Ver­lie­rers kennen wir ja schon, es sollte uns also nicht schwer fallen, sie noch mal zu spielen. Und sollte es doch nicht gelingen: Ein­fach mal an Eng­land denken…