Seite 2: „Lassen Sie uns ein Auto mieten! Es sind nur 1200 Kilometer“

Peter Erbse“ Erd­mann, Alt-Ori­ginal
Wenn mein Lied kommt, habe ich Pipi in den Augen“

Mein erstes Spiel auf der Süd­tri­büne war am 10. August 1974, ein 3:1 gegen Han­nover 96. Das war auch das erste Punkt­spiel im West­fa­len­sta­dion. Damals war ich so etwas wie ein Stim­mungs­ma­cher auf der Tri­büne. Ich habe die Lieder ange­stimmt. Der BVB-Walzer“ ist von mir, den habe ich 1977 sogar auf Platte auf­ge­nommen. Zehn Jahre später bin ich weg aus Dort­mund. Ich hatte Ärger mit Nazis, die haben mir meine Kneipe aus­ein­an­der­ge­nommen. Ich hatte ein­fach keine Lust mehr auf den ganzen Mist und natür­lich auch Angst. Also bin ich weg, an den Nie­der­rhein, und war 25 Jahre nicht im Sta­dion, bis 2012 ein Jour­na­list vor meiner Tür stand. Er schrieb ein Buch über BVB-Fans und sagte: Bist du Erbse? Ich habe dich überall gesucht. Komm zurück nach Dort­mund.“

Jetzt bin ich wieder bei jedem Spiel dabei und treffe ständig Freunde von damals. Kalle zum Bei­spiel, den Paten­onkel von Kevin Groß­kreutz. Der heißt eigent­lich Jörg, aber alle sagen Kalle zu ihm. Einen anderen alten Kumpel, Strubbel-Otto, habe ich nach 30 Jahren auf dem Flug­hafen in Madrid wie­der­ge­troffen, nach dem Spiel gegen Real. Total irre. Wenn ich sitze und die Fans auf der Süd meinen BVB-Walzer singen, stehen wir alle auf wie in der Kirche. Dann habe ich Pipi in den Augen.

Suvi Lap­pa­lainen, Fin­ni­sche BVB-Anhän­gerin aus Schweden
Durch den schlimmsten Schnee­sturm“

Es ist sehr schwierig, Karten für die Süd­tri­büne zu bekommen, aber im Dezember 2013 hatte ich Glück. Über die nor­male Ticket-Hot­line – ein Wunder! Mein Flieger von Stock­holm nach Düs­sel­dorf ging frei­tags um 17.10 Uhr, das Spiel war am Samstag. Auf dem Weg zum Flug­hafen fing es an zu schneien, aber ich machte mir noch keine Sorgen. Ich wurde erst unruhig, als wir im Flug­zeug saßen und es nicht star­tete. Drei Stunden später gab der Kapitän bekannt, dass der Flug wegen schlechten Wet­ters abge­sagt war. Hinter mir saß ein Geschäfts­mann, der unbe­dingt nach Düs­sel­dorf musste.

Ich drehte mich zu ihm um und sagte: Lassen Sie uns ein Auto mieten! Es sind nur etwa 1200 Kilo­meter.“ Wir fuhren durch den schlimmsten Schnee­sturm, den Schweden seit Jahren gesehen hatte. Dann durch den schlimmsten Schnee­sturm, den Däne­mark seit Jahren gesehen hatte. In Deutsch­land wurde es besser, da gab es nur Dau­er­regen. Wir kamen am Samstag um 11 Uhr in Düs­sel­dorf an. Ich nahm den nächsten Zug nach Dort­mund und war zum Anpfiff auf der Süd. Es war das lang­wei­ligste Spiel, das ich je gesehen habe. Wir ver­loren 0:1 gegen Lever­kusen. Ich würde es immer wieder tun.

Daniela Schmidt, Vor­sit­zende des Fan­klubs Blind Date“
Die Süd schreit uns an, und wir spüren das Spiel“

Unser Fan­klub mit blinden und seh­be­hin­derten Fans sitzt ganz unten auf der Ost­tri­büne, direkt neben der Süd. Wir sitzen dort auf 20 Plätzen, an denen man über Funk­an­lage einen Spiel­kom­mentar ver­folgen kann, den zwei Leute auf der Pres­se­tri­büne ehren­amt­lich und nur für uns spre­chen.

Für uns ist es aber ganz wichtig, die Stim­mung so intensiv mit­zu­be­kommen. Man könnte fast sagen, die Fans auf der Süd­tri­büne schreien uns an. Manchmal kon­zen­triere ich mich sogar mehr auf die Reak­tionen von der Süd als auf den Kom­mentar, denn dadurch kann man das Spiel fühlen und spüren.

Chris­tian Wück, Feind­bild
Ich habe mich sogar auf die Spiele gefreut“

Im April 1992 habe ich mit dem 1. FC Nürn­berg zu Hause gegen Dort­mund gespielt. Ich war damals 18 Jahre alt, und ich durfte zum ersten Mal von Anfang an ran. Nach zehn Minuten habe ich einen Elf­meter her­aus­ge­holt und nach einer halben Stunde auch noch das zweite Tor geschossen. Dort­mund hat schließ­lich nicht nur das Spiel mit 1:2, son­dern auch die Tabel­len­füh­rung ver­loren, und wegen des Elf­me­ters war ich von da an eine Reiz­figur für die Dort­munder Fans. Vor allem die Süd­tri­büne hatte es auf mich abge­sehen. Beim nächsten Spiel in Dort­mund war es ein komi­sches Gefühl, dass ich bei jeder Ball­be­rüh­rung gna­denlos aus­ge­pfiffen wurde.

Es ist zwar unmög­lich, solche Pfiffe und Buh­rufe aus­zu­blenden, aber man gewöhnt sich daran. Ich hatte nie Bammel vor einer Reise nach Dort­mund, mir war auch egal, ob ich auf die Süd­tri­büne zuspielen musste oder sie im Rücken hatte. Es klingt zwar wie eine Floskel, aber ich habe mich sogar auf die Spiele gefreut, weil die Tri­büne so ein impo­santer Anblick ist. Ich habe übri­gens sowohl vor als auch nach ihrem Ausbau in Dort­mund gespielt. Das war natür­lich schon Wahn­sinn, als die Süd, von der die Leute dich aus­pfeifen, auf einmal dop­pelt so groß ist.

Karl Rehan, Jah­res­kar­ten­be­sitzer mit rät­sel­haftem Nach­barn
Warum geht der immer zur Pause?“

Ich habe seit 22 Jahren eine Dau­er­karte für die Süd. Meinen Sohn habe ich zum ersten Mal mit­ge­nommen, als er vier Jahre alt war. Damit er was sehen konnte, saß er vor mir auf dem Wel­len­bre­cher, mit einem Kissen unterm Hin­tern. Ich kenne alle Leute bei uns in der Ecke, aber die meisten nur mit dem Vor­namen oder einem Spitz­namen. Wie zum Bei­spiel den Sauer­länder. Wir nennen ihn so, weil wir nicht viel mehr wissen, als dass er aus dem Sauer­land kommt.

Angeb­lich mit einem Mofa, weil man dann besser parken kann. Er steht seit etwa 20 Jahren bei uns in der Nähe, min­des­tens so alt ist auch die BVB-Mütze, die er immer trägt. Vor etwa sieben Jahren fing er damit an, in der Pause zu gehen. Keiner weiß, warum er das macht. Wir haben ihn hun­dert Mal gefragt, aber er verrät es nicht. Letz­tens war er mal nach der Halb­zeit­pause immer noch da. Wir waren schon ganz über­rascht und haben im Scherz gesagt: Na, hast du heute den ganzen Preis bezahlt und nicht nur den halben?“ Aber nach 60 Minuten ist er dann doch wieder abge­hauen.

Graham Scott, Edin­burgh Borussen
Wenn ich meinen Kilt trage, ver­lieren wir“

Bei uns auf der Insel gibt es im Sta­dion keine Atmo­sphäre mehr, und beim Fuß­ball geht es über­haupt nicht mehr um die Fans. Letz­tens war ich mit meiner vier­jäh­rigen Tochter bei einem Spiel in New­castle, und sie hat gesagt: In Dort­mund ist es aber viel lauter.“ Natür­lich war ich mit ihr auch schon im West­fa­len­sta­dion. Der harte Kern von uns Edin­burgh Borussen besteht aus acht, neun Leuten. Min­des­tens einmal im Jahr fahren wir alle zusammen, und bei der Hälfte aller Heim­spiele steht jemand von uns auf der Süd.

Die Anreise aus Edin­burgh dauert etwa sechs Stunden, wenn man das Warten auf den Flug­häfen mit­rechnet. Es ist bil­liger und schöner, nach Dort­mund zu fliegen, als daheim Fuß­ball zu schauen. Auf der Süd fallen wir wegen unserer Kilts auf. Obwohl ich meinen inzwi­schen zu Hause lasse. Wir ver­lieren näm­lich immer, wenn ich ihn trage.

Günter Schlipper, Jubel-Schalker
Mir flogen die Bier­be­cher ent­gegen“

Noch heute kommen dau­ernd Schal­ke­Fans auf mich zu und sagen: „„Schlippi, weißt du noch, als …“ Ich nicke dann schon. Ja, ich weiß, das Tor vor der Süd­tri­büne.“ Geschossen habe ich es im August 1992, am zweiten Spieltag. Das erste Spiel hatten wir gegen Wat­ten­scheid ver­loren und standen schon etwas unter Druck. Nach etwa einer halben Stunde macht Jens Leh­mann einen weiten Abschlag. Rad­milo Miha­jl­ovic ver­län­gert mit dem Kopf, ich kriege den Ball an der Mit­tel­linie, starte ein Dribb­ling und schieße so aus zwölf Metern ins Tor. Was dann pas­sierte, war etwas kurios.

Ich lief ein­fach weiter auf die Tri­büne zu, um zu jubeln. Mir war in dem Moment nicht richtig bewusst, dass es sich um die Süd­tri­büne han­delte. Das habe ich dann aber schnell gemerkt, denn mir kam alles mög­liche ent­ge­gen­ge­flogen, vor allem Bier­be­cher. Wir haben es dann vor­ge­zogen, etwas weiter weg zu jubeln, an der Straf­raum­grenze. Aber in Dort­mund zu treffen und dann noch vor der Süd­tri­büne – unver­gess­lich. Wir haben übri­gens 2:0 gewonnen.