Sie haben in den 90er-Jahren den Satz geprägt: Wer For­tuna kennt, braucht das Leben nicht zu fürchten.“ Die Fans tragen den Spruch bis heute auf T‑Shirts. Ist er über­haupt noch gültig ange­sichts der aktu­ellen Erfolgs­welle?

Dieter Nuhr: Nun, immerhin ist es ja noch Zweite Liga. Aber es stimmt. Momentan macht es sehr viel Spaß, der For­tuna zuzu­gu­cken. Aller­dings haben diese Phasen bei For­tuna lang­fristig immer nur dazu gedient, die Fall­höhe zu erhöhen. Hoffen wir, dass es diesmal anders kommt. Was macht eigent­lich Aleks Ristic…?

Was ist pas­siert, dass aus dem her­un­ter­ge­kom­menen Tra­di­ti­ons­verein plötz­lich ein veri­ta­bler Kan­didat für den Erst­li­ga­auf­stieg wurde?

Dieter Nuhr: Aleks Ristic hatte auf dem Balkan ein­fach nicht mehr genü­gend wei­tere Freunde, denen er durch irgend­welche glib­be­rigen Ver­träge den letzten Rest Kohle, der in For­tuna steckte, zuschus­tern konnte. Ins­ge­samt haben nach dem Nie­der­gang ziem­lich viele halb­sei­dene Gestalten das Inter­esse ver­loren. Das war für For­tuna eine große Chance. Sie wurde genutzt. Sie haben ihn rein­ge­macht. Wun­derbar!

Wie und wann sind Sie selbst in die Fänge der For­tuna geraten? Das legen­däre 7:1 Ende der sieb­ziger Jahre gegen den FC Bayern – woran erin­nern Sie sich?

Dieter Nuhr: Beim 7:1 war ich im Sta­dion. Noch spek­ta­ku­lärer war das 6:5, bei dem es zur Halb­zeit 2:4 gestanden hat. Da stand doch Sepp Maier bei den Bayern zwi­schen den Pfosten und ließ Zimbos Flat­ter­ball aus gefühlten 110 Metern durch, eine Aktion, für die man Neuer in der Bay­ern­f­an­kurve heute köpfen würde.

…Zimbo nannten die For­tuna-Fans sei­ner­zeit lie­be­voll ihren Scharf­schützen Gerd Zim­mer­mann…

Dieter Nuhr: Damals war Super­wetter, wir waren nebenan im Schwimm­sta­dion und haben Mäd­chen rein­ge­worfen. Pünkt­lich zum Spiel­be­ginn drängten die ganzen Puber­tie­renden durch den Zaun auf die Steh­plätze. Die ganze Kurve war halb­nackt. Leider inter­es­sierten sich die Mäd­chen damals noch nicht für Fuß­ball. Heute hätte das Ganze viel­leicht in einer Schaum­party geendet. Es war aber auch so wun­derbar!

Haben Sie geweint, als die For­tuna 1979 in Basel gegen Bar­ce­lona verlor?

Dieter Nuhr: Da war ich im Som­mer­ur­laub. Ich muss gestehen, dass ich das Ergebnis aus der Zei­tung erfahren habe. Und wir hatten damit gerechnet. Einen Euro­pa­po­kal­ge­winn hätte ich mir auch nicht wirk­lich vor­stellen können. Dass es so knapp vorbei war und For­tuna sogar das bes­sere Team, hätte mich am Fern­seher wahr­schein­lich ver­zwei­feln lassen. Und ein Besuch im Sta­dion stand ja damals noch gar nicht zur Debatte. Fern­reisen waren damals noch teurer als die Stra­ßen­bahn nach Sto­ckum. Das hat sich ja auch teil­weise geän­dert.

Mal eine kleine Klub­ge­schichte im Zeit­raffer: Was ist zwi­schen Ende der 70er-Jahre und heute pas­siert?

Dieter Nuhr: Das Tra­gi­sche ist, dass sich der Alte­rungs­pro­zess der Spieler nicht auf­halten ließ und die Gen­technik noch nicht so weit war, dass man Spieler wie Seel, Zewe, Herzog, Geye und viele andere hätte klonen können. Spä­tes­tens als die Allofs-Brüder weg waren, zog die Gra­vi­ta­tion den Verein Rich­tung ganz weit unten. Wenn For­tuna eine Aktie wäre, ließe sich das Ganze so zusam­men­fassen: Ins­ge­samt ging’s rauf und runter, aber der lang­fris­tige Trend ließ seriösen Ana­lysten schon in den Acht­zi­gern nur eine Emp­feh­lung: Ver­kaufen!

Sind Sie auch zur For­tuna gegangen, als sie zwi­schen 2002 und 2004 in der 4. Liga spielte?

Dieter Nuhr: Dritte Liga habe ich teil­weise gesehen, aber in der vierten hatte man das Gefühl, den Ster­benden nicht stören zu wollen. Ich dachte, die sind im Koma, die merken das gar nicht, wenn einer vor­bei­kommt. Dass der Verein dieses Nah­tod­erlebnis über­stehen konnte, war ja nicht zu erwarten. Ich war kurz davor, mich anderen Sport­arten an den Hals zu werfen. Ich weiß, im Nach­hinein wirkt das cha­rak­terlos, aber auch meine Lei­dens­fä­hig­keit hat Grenzen. Ich komme aber auch so nicht so oft ins Sta­dion, weil ich ja wie die Fuß­baller einen Tour­nee­beruf habe, da ist das Wochen­ende Haupt­ar­beits­zeit.

Wie ist es gelungen, die ewigen Selbst­dar­steller an der Spitze zu ver­drängen? Oder kommen die nächstes Jahr wieder, wenn die Schulden abbe­zahlt sind und die Bühne wieder größer ist?

Dieter Nuhr: Der Hype steigt an, das ist in Düs­sel­dorf immer gefähr­lich. Sofort kommen die ver­sam­melten Gebraucht­wa­gen­händler der Umge­bung und wollen Prä­si­dent werden. Ich habe aber das Gefühl, dass der Verein aus den Feh­lern gelernt hat und sich nicht noch einmal der Halb­welt unter­wirft. Mit Wolf Werner, Nor­bert Meier und den anderen ist Serio­sität ein­ge­kehrt. Das haben die Kol­legen in Köln viel­leicht noch vor sich. Da ist der Trainer prima, aber ich habe das Gefühl, das Team ver­steht nicht immer ganz genau, was er gerade möchte.

Was macht Manager Wolf Werner besser als Thomas Bert­hold?

Dieter Nuhr: Ich finde es gemein, Wolf Werner mit Thomas Bert­hold zu ver­glei­chen! Das ist wie Äpfel mit Birnen oder besser: Pfir­siche mit Tro­cken­pflaumen. Das eine macht Freude, das andere för­dert die Ver­dauung. Im Moment funk­tio­niert alles prächtig: Der Hype wird ange­nommen, aber es dreht keiner durch. Früher hätte man an dieser Stelle den Bun­des­liga-Tor­schüt­zen­könig gekauft, der dann bei For­tuna zwei Sai­son­tore schießt. Da ist man heute boden­stän­diger. Apropos: Was macht eigent­lich Jörn Andersen?

Ihre Erklä­rung für die unglaub­liche Heim­stärke der letzten Jahre?

Dieter Nuhr: Der Rasen! Der Rasen ist ein­fach groß­artig! Und viel­leicht auch die Sta­di­on­wurst! Am Ende ist es dann aber doch der klas­si­sche Pla­ce­bo­ef­fekt: Wer glaubt, dass er zu Hause unschlagbar ist, gewinnt am Ende auch. Irgend­wann wird aller­dings vor­aus­sicht­lich auch mal wieder ver­loren werden. Dann sollte man auch nicht gleich am Räd­chen drehen. Es ist schon so viel erreicht worden, da kann man auch mal einen Rück­schlag weg­pa­cken.

Gleich­zeitig haben sich die Zuschau­er­zahlen überaus positiv ent­wi­ckelt. Eine Folge des all­ge­meinen Fuß­ball-Hypes – oder irgendwie doch mehr?

Dieter Nuhr: Düs­sel­dorf war ja schon immer eine große Sport­stadt und außerdem auch eine der größten Metro­polen des Landes, na gut, sagen wir: größten Städte des Landes. Oder Dörfer. Da ist ein großes Poten­zial. Düs­sel­dorf ist ein­fach lebens­be­ja­hend und man ist event­ori­en­tiert. Wir gehen ja sogar zum Euro­vi­sion-Song-Con­test, obwohl dort nach­weis­lich auch ganz schön schräg gesungen wurde – von unserer Lena abge­sehen, die unver­dient ver­loren hat, die Gegner waren halt kon­ter­stark. Und ich glaube, auch der letzte Düs­sel­dorfer hat jetzt – also nach dem Cup-End­spiel von 79 – gelernt, dass man nicht um die Meis­ter­schaft spielen muss, um Spaß im Sta­dion zu haben. 

Was ist in Düs­sel­dorf anders als in anderen Städten?

Dieter Nuhr: In den meisten Sta­dien feiert sich das Publikum haupt­säch­lich selbst. Wir haben dazu auch noch ein sym­pa­thi­sches Team. Was willst du mehr? Und in der Tat, den Tod über­lebt zu haben schweißt zusammen. Diese Stadt war jahr­zehn­te­lang gemeinsam in Gei­sel­haft eines vor sich hin­wursch­telnden Chao­ten­ver­eins. Nun stellt sich heraus: Es war nur eine 30-jäh­rige Ver­wir­rung auf­grund von unbe­kannten Viren. Wir sind frei und geheilt! Das schweißt zusammen! 

Sie haben einmal gesagt: For­tuna-Fan zu sein, ist gelebte Lebens­hilfe. Wer mit diesem Verein auf­wächst, weiß dass Schmerzen, viel­leicht nicht ver­gehen, aber, dass sie erträg­lich werden. Irgend­wann. Inso­fern kann ich nur Eltern emp­fehlen nach Düs­sel­dorf zu ziehen, um ihre Kinder mit der For­tuna auf­wachsen zu lassen, weil solche Kinder ein­fach nach­weis­lich resis­tenter durchs Leben gehen.“ Muss der Zuzug jetzt gestoppt werden?

Dieter Nuhr: Abwarten. Die Saison ist lang – und die nächste kommt bestimmt. Im Moment ist die For­tuna aller­dings als Lebens­hilfe für Loser wirk­lich nicht zu gebrau­chen. Viel­leicht reagieren des­halb alle so hys­te­risch auf die Ban­ken­krise. Die Leute sind halt nichts gewöhnt. Der lang­jäh­rige For­tuna-Fan ist nerv­lich gestählt und kauft in der Krise grie­chi­sche Staats­an­leihen. Die sind auch irgend­wann wieder Erste Liga. Das kann aller­dings noch länger dauern als bei For­tuna.