Oktober 2007. Die Mai­länder Tifosi ver­stummten, sie wurden mundtot gemacht von den restrik­tiven Ver­ord­nungen der Ver­eine. Es war kein schlei­chender Pro­zess, es geschah ganz plötz­lich: Nach dem Tod des Poli­zisten Filippo Raciti im Februar acht Monate zuvor fürch­teten die Inter- und Milan-Oberen harte Sank­tionen der UEFA. Die Angst vor »Geis­ter­spielen« ging um. So mon­tierten die Ver­eins­oberen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 40 Ein­lass­kon­trollen mit Dreh­kreuzen, man ver­hängte will­kür­lich Sta­di­on­ver­bote, erklärte Aus­wei­schecks zum Usus und erlaubte Flaggen oder Banner nur noch unter Vor­be­halt. Zugleich ach­teten Secu­rity-Guards penibel darauf, dass nie­mand aus der Kurve Schmäh­ge­sänge anstimmte. Das Fünf-Sterne-Sta­dion schmiegte sich an, es unter­nahm die letzten Ver­suche, um die Liebe der UEFA zurück zu erobern.



Ver­hin­dern konnten die Regle­ments den Tod des Lazio-Fans Gabriele Sandri im November 2007 nicht. Doch die tumult­ar­tigen Szenen danach dienten den Law-And-Order-Fana­ti­kern als Steil­pass, um noch dras­ti­scher gegen das ver­meint­liche Übel vor­zu­gehen: Mai­länder Ultras, sofern sie über­haupt noch ins Sta­dion gelassen werden, unter­stehen heute minu­tiöser Beob­ach­tung – mehr als 100 Kameras sind im Giu­seppe Meazza Sta­dion instal­liert. Über das Rauch­verbot, das bereits seit drei Jahren im Sta­dion herrscht und bei Nicht­ein­hal­tung mit Geld­strafen von bis zu 250 Euro sank­tio­niert wird, echauf­fiert sich indes nie­mand mehr. Im Strudel der Sicher­heits­hys­terie bleibt dafür ein­fach keine Zeit.

Die Riva­lität hatte stets ihre Grenzen

Die Emo­tionen kochen. Das war schon immer so in Ita­lien, und stets auch in San Siro. Als Giani Rivera etwa 1979 in seinem letzten Spiel für den AC Milan auf­lief, musste er die Fans beschwich­tigen, weil diese eine Bau­stelle in der Fan­kurve besetzt hielten. Vor zwei Jahren kam es im Stadt­derby im Vier­tel­fi­nale der Cham­pions League zum Spiel­ab­bruch: Aus der Inter-Kurve flogen Fla­schen und Feu­er­werks­körper. Eine bren­nende Rakete traf Milans Tor­wart Dida an der Schulter. Beim Stand von 1:0 für Milan been­dete Schieds­richter Markus Merk das Spiel vor­zeitig. Doch so bit­ter­böse manch ein Derby della Madon­nina auch endet, die Riva­lität hatte stets ihre Grenzen, die Fans koexis­tierten – mehr oder weniger fried­lich – in Mai­land.

Dieser beson­dere Ant­ago­nismus zeichnet auch die Geschichte des Sta­dions nach und beginnt schon im Kleinen: Im Jargon der treuen Milan-Seelen heißt das Sta­dion immer noch San Siro, denn Giu­seppe Meazza, der zwar für beide Mai­länder Clubs spielte, erlebte seine besten Jahre im Dress der Inter­na­zio­nalen. Von 1927 bis 1940 stand der Stürmer bei Inter Mai­land unter Ver­trag, und 1947, nach Zwi­schen­sta­tionen beim AC Milan, in Turin und Ata­lanta, been­dete er seine Kar­riere bei den Neraz­zuri. Dass Meazza 1979 posthum die Ehre des Namens­pa­trons zuteil wurde, freute daher zwar die »Inte­risti«, die »Mila­nisti« hin­gegen fühlten sich über­gangen. Schließ­lich war es ihr dama­liger Prä­si­dent Piero Pirelli, der 1925 den Anstoß zur Erbauung des Sta­dions gab. Die Stadt unter­stützte das Vor­haben, man wollte das damals 36.000 Zuschauer fas­sende Stadio Cal­cistico di San Siro zu einer Sport­stätte machen, die den ita­lie­ni­schen Fuß­ball för­dern und sich zugleich sich vom eng­li­schen Stil los­sagen sollte.

Erst 1949 – das Sta­dion hatte den 2. Welt­krieg und Mus­so­linis wahn­wit­zigen Umbau zu einer 150.000-Mann-Arena über­lebt – ent­schieden sich auch die Inter­na­zio­nalen, nach San Siro umzu­sie­deln. Das Fas­sungs­ver­mögen wurde fünf Jahre später auf 85.000 Plätze redu­ziert, ein zweiter Ring und Zugangs­rampen, die das gesamte Sta­dion umhüllen, ließen schon damals das heu­tige Aus­sehen erahnen. Doch erst die Umbauten im Jahr 1989 brachten das Giu­seppe Meazza Sta­dion zu Tage, wie man es heute kennt: Mar­kant ist die Glas­dach­kon­struk­tion, die von einem dritten Rang getragen, zudem von vier Stie­gen­türmen an den Ecken gestützt wird. Zur WM 1990 strahlte das Meazza-Sta­dion – mit offenen Mün­dern standen die deut­schen Schlach­ten­bummler in den steilen Kurven. Und als die deut­sche Natio­nal­mann­schaft mit den Inter-Legio­nären Mat­thäus, Brehme und Klins­mann gegen Jugo­sla­wien und Hol­land bril­lierte, kannten auch die Tifosi kein Halten mehr: Die Spiele der deut­schen Natio­nal­mann­schaft im Giu­seppe Meazza wurden alle­samt zu »Heim­spielen«. Die ben­ga­li­schen Feuer brannten und ein tosender Lärm durchzog die Straßen von San Siro – auf dem Weg nach Rom.

Und heute steht das Sta­dion immer noch dort, im Westen von Mai­land. Es fasst nun­mehr, nach wei­teren klei­neren Moder­ni­sie­rungen, 82.955 Zuschauer, und es wirkt von außen immer noch erhaben und bom­bas­tisch. Es ist ein Sta­dion, das sich archi­tek­to­nisch von jedem anderen Sta­dion der Welt unter­scheidet, ein Sta­dion, auf das sich alle Fuß­ball­fans einigen können. Doch es scheint, als wurde dem einst so pul­sie­renden Fuß­ball­tempel spä­tes­tens im Oktober 2007 das Herz her­aus­ge­rissen. Es pocht seitdem zwar noch, aber es ist kaum noch zu hören.