Israel koket­tiert seit langem mit dem Image einer libe­ralen und welt­of­fenen Gesell­schaft. Mehr als 100.000 Besu­cher beim Gay Pride in Tel Aviv im ver­gan­genen Juni belegen auf den ersten Blick diese Selbst­ein­schät­zung. Seit Juni 2012 gibt es den ersten und bis­lang ein­zigen schwule Fuß­ball­club im Nahen Osten. Rain­ball Tel Aviv ver­eint Juden und Mos­lems, Schwule und Heteros. Im Oktober kom­menden Jahres sollen Teams aus ganz Europa zu einem Fuß­ball­tur­nier nach Tel Aviv reisen und so ein Stück weit zu Frie­dens­bot­schaf­tern werden. Ein Orts­be­such.

Auf dem Stadt­ein­gangs­schild ist in ele­ganten, weißen Let­tern auf blauem Unter­grund Tel Aviv-Jaffa“ zu lesen. Ursprüng­lich war Tel Aviv, was so viel bedeutet wie Früh­lings­hügel, ein Vorort der in der Antike ent­stan­denen Hafen­stadt Jaffa. 1950 wurden die Städte ver­ei­nigt, heute leben mehr als 400.000 Men­schen in der zweit­größten Stadt Israels. Der Dizen­goff-Platz im Zen­trum der Stadt wirkt trotz der unüber­seh­baren Militär-Prä­senz lebendig und lebens­froh, in tren­digen Bars wird Chiraz und Ries­ling von den umlie­genden Wein­bergen ange­boten. Nur weniger als 100 Kilo­meter ent­fernt liegt der Gaza­streifen, wo im Juli als Reak­tion auf Aggres­sionen der Paläs­ti­nenser die israe­li­sche Mili­tär­ope­ra­tion Pro­tec­tive Edge“ begann. Wieder einmal fallen Bomben. Auf beiden Seiten. Doch diese Rea­lität scheint weit ent­fernt von Tel Aviv. Dabei ist es gerade mal fünf Jahre her, als bei einem blu­tigen Angriff auf ein Jugend­zen­trum für Schwule und Lesben in der Hafen­stadt zwei Men­schen ums Leben gekommen sind.

Tel Aviv – eine gefähr­liche Stadt

Ohnehin haben die Men­schen in Tel Aviv in den ver­gan­genen Jahr­zehnten viel erleiden müssen. Auch der Ruf als Party-Hoch­burg hat in den ver­gan­genen 15 Jahren Kratzer abbe­kommen. Seit sich 2001 ein Selbst­mord­at­ten­täter vor einer Dis­ko­thek in die Luft sprengte und 21 Jugend­liche in den Tod riss, sind viele wei­tere Anschläge gefolgt.

Auf dem Roth­schild-Bou­le­vard beginnt die Spu­ren­suche. Die Inde­pen­dence Hall ist heute ein Museum. Von hier aus rief David Ben Gurion am 14. Mai 1948 den Staat Israel aus. Aaron zeigt auf den Gedenk­stein, der vor dem Museum steht. Ein Bibel­zitat aus dem Buch Jeremia ist zu lesen: Ich baue dich wieder auf, du sollst neu gebaut werden, Jung­frau Israel. Du sollst dich wieder schmü­cken mit deinen Pauken, sollst aus­ziehen im Reigen der Fröh­li­chen.“

Im Oktober 2015 ist das erste Tur­nier geplant

Eitan Baron ist ein opti­mis­ti­scher Mensch, der stets ein Lächeln auf den Lippen trägt. Der 29-Jäh­rige ist Stürmer bei Rain­ball Tel Aviv, der bis­lang ein­zigen schwulen Fuß­ball­mann­schaft im Nahen Osten. Im Rahmen der Water­games, bei denen sich unter anderem Schwimmer, Ruderer und Beach-Vol­ley­baller treffen, soll im Oktober 2015 erst­mals auch ein Fuß­ball­tur­nier orga­ni­siert werden. Eitan und seine Mit­streiter haben dafür bereits kräftig die Wer­be­trommel gerührt, bei Tur­nieren in Ant­werpen und Kopen­hagen Teams aus ganz Europa offi­ziell ein­ge­laden. Auch wenn der Nahe Osten ganz sicher nicht zu den sta­bilsten Regionen der Welt zählt, so ist Israel doch ein sicheres und fröh­li­ches Land.“ Doch was, wenn sich der Kon­flikt zwi­schen Israelis und Paläs­ti­nen­sern weiter ver­schärft? Ich kann nicht vor­her­sagen, was in einem Jahr sein wird.“ Und über­haupt: Wer kann denn irgend­etwas garan­tieren, was irgendwo in dieser Welt pas­siert?“