Seite 3: Schotten, Briten – oder beides?

Neben den legendär alko­hol­ge­schwän­gerten Feiern und der Kame­rad­schaft sind es vor allem die Reisen in Länder, in die man sonst nicht kommen würde. Früher waren diese Fahrten zudem hel­den­haft aus­ge­hal­tene Stra­pazen, wie 1993 der erste Trip nach Est­land per Bus, der hin und zurück eine Woche dau­erte. Heute geht es eher mit dem Flug­zeug los, trotzdem kommen genug ver­rückte Anek­doten aus selt­samen Orten zusammen. In der mol­da­wi­schen Haupt­stadt Chi­sinau etwa hatte Jim Brown eine Woh­nung für fünf Leute gemietet. Als er den Ver­mieter fragte, ob er irgendwo noch Platz für wei­tere fünf Leute hätte, ging der zum Nach­bar­haus, klopfte an, ver­teilte ein paar Dollar und sagte dann: Hier ist Ihr Apart­ment“.

In Jugo­sla­wien, wo kurz vor dem Zusam­men­bruch des Landes die Infla­tion durch die Decke ging, gaben sie dem Bar­mann einer Kneipe 100 Pfund mit der Bitte, Bescheid zu sagen, wenn das weg­ge­trunken wäre. Der aber gab ihnen nur den Schlüssel zum Laden und ging. Wir haben trotzdem alles auf­ge­schrieben, was wir getrunken haben. Als er vier Stunden später zurückkam, schaute er darauf und sagte: So, jetzt bringe ich euch was zu essen“, sagt Brown. Mor­gens um Fünf, als es dann doch mal an der Zeit war, schlafen zu gehen, bestellte der Bar­mann die Taxis.

Vor die Tür standen kurz darauf vier Poli­zeiwagen und über­nahmen für zwei Pfund die Fuhre zum Hotel. Den Spit­zen­platz bizarrer Erleb­nisse nimmt aber das WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel 1997 in Est­land ein. Damals ent­schied der Schieds­richter, das Flut­licht sei zu schlecht für ein Abend­spiel und ver­legte die Partie auf den Nach­mittag vor. Die schot­ti­schen Fans waren pünkt­lich da, ihre Mann­schaft und der Schieds­richter eben­falls, nur das est­ni­sche Team kreuzte nicht auf. Also ließ der Schieds­richter anstoßen und pfiff gleich wieder ab. Die Fans jubelten, Schott­land wurde ein 3:0‑Sieg zuge­spro­chen, doch die FIFA revi­dierte die Ent­schei­dung. Zum Wiederholungs­spiel mussten sie nach Monaco, wo keine Tore fielen und die Mann­schaft aus­nahms­weise aus­ge­buht wurde.

Doch bei all diesen Schnurren und trotz der Begeis­te­rung, die den viel­leicht besten Fans der Welt überall begegnet, hat die Tartan Army ein Pro­blem: schlei­chende Über­al­te­rung. So langsam bleibt der Nach­wuchs aus und dafür gibt es eine simple Erklä­rung. Sagen wir doch, wie es ist: Die Mann­schaft ist scheiße, und wir brau­chen mal wieder eine Teil­nahme an einer Welt- oder Euro­pa­meis­ter­schaft.“ Bei aller Selbst­ironie und aller Underdog-Men­ta­lität: Im Iron Horse Pub sitzen Leute am Tisch, die über 40 sind und Schott­land noch nicht bei einem großen Tur­nier erlebt haben.

Wichtig ist das Erlebnis

Ich reise mit der Mann­schaft wegen des Erleb­nisses, das Ergebnis ist der Bonus“, sagt Clark Gil­lies. Doch ins­ge­heim hoffen sie schon darauf, dass der Bonus dem­nächst etwas üppiger aus­fällt als zuletzt. Zart opti­mis­tisch gehen sie in die Qua­li­fi­ka­tion zur Euro­pa­meis­ter­schaft 2016, und das liegt nicht nur daran, dass erst­mals 24 und nicht nur 16 Mann­schaften an der End­runde teil­nehmen werden. Natio­nal­trainer Gordon Stra­chan hat das Team im Laufe des letzten Jahres deut­lich sta­bi­li­siert, zuletzt hat es sechs Spiele lang nicht ver­loren. Es gibt auch einige talen­tierte junge Spieler. Das ist die beste Chance, die wir seit langer Zeit haben“, sagt Dougie Wotherspoon.

Viel­leicht wird die Qua­li­fi­ka­tion für die End­runde in Frank­reich schon bald von einem ganz beson­deren Geist getragen. Denn am 18. Sep­tember, elf Tage nach dem Län­der­spiel in Dort­mund, werden die fünf Mil­lionen Schotten in einem Refe­rendum über die Unab­hän­gig­keit von Groß­bri­tan­nien abstimmen. Alle am Tisch werden mit Ja“ stimmen, in der Tartan Army, so schätzen sie, werden das rund drei Viertel tun.

Die schot­ti­sche Natio­nal­mann­schaft hat uns immer schon eine der wenigen Gele­gen­heiten gegeben, wo wir sagen konnten: Hier sind wir, wir sind ein Land.“, sagt John Daley, der extra im hell­blauen Polo­shirt gekommen ist, auf dem YES“ steht. Und viel­leicht wird er sich bei der Euro in Frank­reich nicht nur mit einer Visi­ten­karte als Fuß­soldat der Tartan Army aus­weisen, son­dern mit einem neuen Pass als Schotte.