Seite 2: Die Tartan-Army als Vorbild

Dabei werden auch mal halbe Innen­städte lahm­ge­legt, aber nega­tive Reak­tionen sind trotzdem selten. Seit Jahr­zehnten hat sich die Tartan Army einen guten Ruf ersungen und ertrunken. Schon bei der Euro 1992 in Schweden und der WM 1998 wurden die Schotten als beste Fans aus­ge­zeichnet, mitten im Zeit­alter der Fuß­ball­ge­walt. In Dort­mund werden sie zum 50. Mal in Folge bei einem Aus­wärts­spiel mit einem Gast­ge­schenk auf­warten, der Tartan Army Sunshine Appeal“ sam­melt seit über zehn Jahren Geld, um Kinder am Spielort zu unter­stützen.

Der ein­zige noto­ri­sche Unfug, den die schot­ti­schen Fans machen: Irgendwer rennt immer in den nächsten Super­markt, um Wasch­mittel zu kaufen und unter lautem Bei­fall in öffent­liche Brunnen zu kippen. Letztes Jahr wurde so der Tra­falgar Square in London unter Schaum gesetzt. Mit Dort­munds Brunnen haben sie noch eine Rech­nung offen, weil beim Län­der­spiel 2003 hef­tiger Dau­er­regen den Schaum sofort weg­s­pülte. Ach­tung Dort­mund: Wir pro­bieren es wieder!“, sagt Jim Brown.

Bemer­kens­wert an der welt­weiten Begeis­te­rung für die Tartan Army, ist, dass sie fast aus­nahmslos ist. Die Schotten sind wegen ihrer demons­tra­tiven Freund­lich­keit all­seits beliebt. Wegen ihrer Trink­fes­tig­keit, ihres selbst­iro­ni­schen Humors und der pas­sio­nierten Gesänge im Sta­dion werden sie von Fuß­ball­fans auch als Vor­bild akzep­tiert. Abge­sehen von einigen nicht ganz unpro­ble­ma­ti­schen Reisen zum eng­li­schen Nach­barn, wurde die Tartan Army in den letzten drei Jahr­zehnten daher nur einmal feind­selig emp­fangen: 2006 in Kiew warfen ukrai­ni­sche Fuß­ball­fans mit Fla­schen und Steinen.

Wir wollen wie die Tartan Army sein“

Meis­tens treffen sie hin­gegen auf unge­hemmten Enthu­si­asmus. Beson­ders in Kroa­tien hat es viele Fans gegeben, die gesagt haben: Wir wollen wie die Tartan Army werden“, sagt Clark

Gil­lies, der damals mit in Zagreb war. Selbst die berüch­tigten ser­bi­schen Fuß­ball­fans gewannen die Schotten für sich. Als im März letzten Jahres das WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel in Novi Sad aus­zu­fallen drohte, weil nachts 30 Zen­ti­meter Neu­schnee gefallen waren, halfen vor allem Männer in Kilts, den Platz recht­zeitig frei­zu­schau­feln. Danach waren sie Stars in Ser­bien. Die Men­schen haben die Stra­ßen­seite gewech­selt, um sich mit uns foto­gra­fieren zu lassen“, sagt Jim Brown. Anstatt, wie von Sicher­heits­be­hörden befürchtet, gingen die ser­bi­schen Fans nicht auf die Schotten los, son­dern beglei­teten sie zum Sta­dion. Sie haben gesagt: So wie ihr sollten sich Fuß­ball­fans benehmen, und nicht wie wir.“

Die Begeis­te­rung für die Tartan Army hat ihr schon vor dem Fall der Mauer über­ra­schenden Zulauf beschert. Bereits in den acht­ziger Jahren tauchten bei Spielen im Ost­block Fans aus der DDR auf, um Schott­land zu unter­stützen. Inzwi­schen gibt es Schott­land Fans in Kroa­tien und Frank­reich, Skan­di­na­vien oder Ita­lien. Auch in Deutsch­land ist die Tartan Army ver­treten: in Mün­chen, Frank­furt, Berlin, Lüden­scheid und Ros­tock. Den aus Ros­tock kennen sie und amü­sieren sich dar­über, dass der Deut­sche nun nicht so recht weiß, ob er für Deutsch­land oder Schott­land sein soll. Wirk­lich ver­wun­der­lich findet diesen selt­samen Zulauf aus aller Herren Länder hier nie­mand. Es scheint etwas Ein­zig­ar­tiges an der Tartan Army zu sein, das wir selbst nicht erklären können. Viel­leicht liegt es an unserer Freund­lich­keit. Oder die Leute wollen ein­fach mal die Sau raus­lassen“, sagt Clark Gil­lies.

Trinken, vor­nehm­lich in rauen Mengen, ist bei der Tartan Army gern gesehen. Unter­wegs über Ver­eins­fuß­ball zu spre­chen ist jedoch uner­wünscht, das ist die unge­schrie­bene Regel. Aber was gäbe es da auch zu erzählen? Die meisten Mit­glieder der Tartan Army sind eher Fans klei­nerer Ver­eine, wie auch hier im Iron Horse Pub: Par­tick Thistle, Cly­de­bank oder East Stir­ling. Aber auch die grö­ßeren Klubs in Schott­land sind inter­na­tional nicht richtig kon­kur­renz­fähig.

Mit eng­li­schem Fuß­ball zwangs­er­nährt

Klar, Celtic hat es in den letzten Jahren immer wieder mal in die Cham­pions League geschafft und einmal sogar den FC Bar­ce­lona geschlagen. Die Ran­gers hin­gegen sind nach ihrer Pleite immer noch auf dem Weg zurück in die Scot­tish Pre­mier League, gerade haben sie den Auf­stieg in die Liga dar­unter geschafft. Aber Brian Roy hat gerade zusehen müssen, wie sein FC Mother­well in der zweiten Qua­lirunde zur Europa League gegen einen Vor­ort­verein aus Islands Haupt­stadt Reykjavik aus­ge­schieden ist.

Wir werden mit eng­li­schem Fuß­ball zwangs­er­nährt“, sagt John Daley. Es sei leichter, ein Spiel der zweit­klas­sigen eng­li­schen Cham­pionship im Fern­sehen zu sehen als eines der höchsten Spiel­klasse in Schott­land. Die Krise der Klubs schlägt sich lange schon bei der Natio­nal­mann­schaft nieder, denn zum letzten Mal war sie 1998 bei einem großen inter­na­tio­nalen Tur­nier dabei.

Über Vogts als Natio­nal­trainer lachen sie

Jeder hier kann sich auch an jene Tage erin­nern, an denen der Ent­schluss eigent­lich fest­stand, dass es reicht mit dem schot­ti­schen Team. Ein Stöhnen geht durch den Raum, jeder hat da sein beson­deres Frus­t­er­lebnis. Die stän­digen Nie­der­lagen in Wales, der tor­lose Grot­ten­kick in Weiß­russ­land, ein 0:4 in Nor­wegen. Das 1:5 in Jacksonville/​Florida gegen die USA, auf das sich die schot­ti­schen Spieler haupt­säch­lich auf dem Golf­platz vor­be­rei­teten. Oder ein Freund­schafts­spiel gegen Japan in Yoko­hama, bei dem selbst ein­ge­fleischte Fans zwei Drittel der Spieler nicht kannten. Als ein Mit­ar­beiter des schot­ti­schen Fuß­ball­ver­bandes einen nach­no­mi­nierten Spieler am Flug­hafen abholte, musste er ein Foto mit­nehmen, um ihn zu er­kennen. Naja, und die ganze Ära Berti Vogts als Natio­nal­trainer löst sowieso nur Gelächter aus.

Man kommt an einen Punkt, wo man trotzdem ein­fach weiter zu den Spielen fährt“, sagt Dougie Wotherspoon, den seine Schott­land-Begeis­te­rung schon zwei Ehen gekostet hat. Selbst bei Reisen in Länder wie Litauen ist die Tartan Army immer noch 3000 Mann stark. Früher hat man gesagt, dass man sich zur Armee melden muss, wenn man die Welt sehen will. Heute schließt man sich der Tartan Army an“, sagt Jim Brown.