Von hier aus werden sie nach Dort­mund auf­bre­chen, von der West Nile Street im Herzen von Glasgow. Am Freitag, dem 5. Sep­tember werden sie im Iron Horse Pub noch ein paar Biere trinken, und viel­leicht wird Dougie Wotherspoon doch seinen Dudel­sack mit­bringen. Obwohl ihm das 5000 Euro teure Stück eigent­lich zu wert­voll ist, um es mit auf Aus­wärts­fahrt zu nehmen. Auch Natalie Sharp, 24, wird dabei sein, die so kleine wie reso­lute Phar­ma­zie­as­sis­tentin, und Gareth Finn, 33, der für einen Abge­ord­neten der Scot­tish National Party arbeitet. Alles im Auge haben wird Jim Brown, 57, der früher mal in Köln bei einer Kabel­firma gear­beitet hat, mon­tags hin­flog und don­ners­tags zurück zur Familie nach Glasgow. Er hat den Trip orga­ni­siert. John Daly, 57, der Metall­le­gie­rungen ent­wi­ckelt hat, wird seine Visi­ten­karten in der Tasche haben. Darauf steht: Tartan Army Foot­sol­dier“. 

Der Bus, der sie nach Dort­mund bringt, wird voll mit unbe­waff­neten Fuß­sol­daten der freund­lichsten Armee der Welt sein. Die Tartan Army ist keine maro­die­rende Sol­da­teska, son­dern seit Jahr­zehnten schon eine Avant­garde von Fuß­ball­pas­sion ohne Neben­wir­kungen. Sie rühmt sich nicht, Städte ein­zu­nehmen, son­dern deren Kneipen leer­zu­trinken. Sie will nicht kämpfen, son­dern singen und auf den Tischen tanzen. Des­halb werden sich ihre Truppen am Vor­abend des Spiels in Dort­mund auch wieder zur großen Party vor Ort treffen, wie bei jedem Aus­wärts­spiel.

Wir sind nicht wie die!“

Doch jetzt sitzen acht Fuß­sol­daten und eine Fuß­sol­datin im Klub­raum des Iron Horse an einem langen Tisch, um davon zu erzählen, was es eigent­lich bedeutet, zur bekann­testen und belieb­testen Fan-Gruppe der Welt zu gehören. Und wie sie dazu wurde. Denn die Älteren am Tisch können sich noch an die Zeiten erin­nern, in denen sich schot­ti­schen Fans kaum von denen aus anderen Län­dern unter­schieden. Erst im Zeit­alter des Hoo­li­ga­nismus begann sich das zu ändern. Um uns von unseren Cou­sins in Eng­land abzu­setzen, wurden wir immer besser, je schlimmer sie wurden“, sagt John Daly, der 1965 zum ersten Mal ein Spiel des schot­ti­schen Teams sah. Hinter dieser Ent­wick­lung gab es keine erklärte Stra­tegie, es wurden auch von nie­mandem Regeln auf­ge­stellt oder große Worte geschwungen. Es ging darum, klar zu machen: Wir sind nicht wie die!“

Im Laufe der acht­ziger Jahre begannen schot­ti­sche Fuß­ball­fans sich auch optisch vom Rivalen aus Eng­land abzu­setzen. Früher hatten sie bes­ten­falls mal eine Mütze oder einen Schal mit dem Schot­ten­muster, dem Tartan, getragen. Doch nun kamen sie im Kilt zu den Spielen. Das hat für uns viele Türen geöffnet, denn man kann inzwi­schen fast überall auf der Welt in eine Kneipe gehen, und die Leute denken sofort: Das müssen Schotten sein!“, sagt Jim Brown, als er mit einer Runde Bier zurück­kommt.

Zur glo­balen Ver­brei­tung trug auch der Block­buster Bra­ve­heart“ mit Mel Gibson in der Haupt­rolle des frei­heits­kämp­fenden Wil­liam Wal­lace bei. Danach wussten auch Leute in Tokio oder Hong­kong, dass es keine Form sexu­eller Ver­wir­rung war, wenn diese haa­rigen Männer ihre Kilts trugen.

Die beste des­or­ga­ni­sierte Orga­ni­sa­tion

Alle hier über dem Schank­raum des Iron Horse Pub gehören zu WESTA, der West of Scot­land Tartan Army, was aber einen Grad von Orga­ni­sa­tion nahe­legt, den es nicht gibt. Der Zusam­men­schluss diverser lokaler Gruppen ist so lose wie die berühmten Mär­sche der Tartan Army zum Sta­dion spontan. Wir sind die am besten des­or­ga­ni­sierte Orga­ni­sa­tion, die es gibt“, sagt Jim Brown. Beson­ders legendär war der Marsch 2007 in Paris, als 20 000 Schotten vom Eif­fel­turm zum Prin­zen­park-Sta­dion liefen. Richtig abge­spro­chen sind die Mär­sche nie, irgendwie ergeben sie sich ein­fach.