Seite 2: Das Drama seines Lebens

Seine Aus­nah­me­stel­lung wurde jedoch nicht allein durch Tricks und Tore begründet. Für Rodri­gues etwa war Gar­rincha der Pro­totyp des Bra­si­lia­ners: Er hatte dieses ent­waff­nende Gemüt eines Kindes, der mit einer Schrot­flinte Zaun­kö­nige abschießt und in seiner gren­zen­losen Herz­lich­keit im Dorf sogar die Hunde grüßt. Wir alle sind Opfer unseres Ver­standes. Gar­rincha dagegen hat nie nach­denken müssen. Gar­rincha denkt nicht. Bei ihm läuft alles über den Instinkt.“ 

Gar­rincha wurde ver­ehrt, obwohl seine Schwie­rig­keiten mit dem Leben jen­seits des Fuß­ball­platzes offen­sicht­lich waren. Früh schon begann er zu trinken, wohl auch, um die Schmerzen in seinen ver­krüp­pelten Beinen zu ertragen. Er war in meh­rere Auto­un­fälle ver­wi­ckelt, kam mit dem Geld nicht aus. Wenig erstaun­lich also, dass Por­träts Gar­rincha stets als genialen Fuß­baller, aber beschei­denen Geist gemalt haben. Erst die auch auf Deutsch erschie­nene Bio­grafie hat geholfen, das Bild des im Pri­vat­leben eher dümm­li­chen Gar­rincha zu revi­dieren. Bio­graf Castro zeichnet Gar­rincha als einen dem Alkohol ver­fal­lenen, aber gleich­wohl emp­find­samen Men­schen, der sich nur auf dem Land in der Natur wirk­lich wohl­fühlte. Er beschreibt, mit wel­chen gesell­schaft­li­chen Vor­ur­teilen Gar­rincha zu kämpfen hatte, als er sich 1966 von seiner Frau und sechs Kin­dern trennte, um mit der skan­dal­um­wit­terten Sän­gerin Elza Soares zusam­men­zu­leben, einer schönen Mulattin aus bit­ter­armen Ver­hält­nissen. Das ent­sprach im tief katho­li­schen Land nicht dem guten Ton. Das bür­ger­liche Bra­si­lien rümpfte kol­lektiv die Nase.

Das Volk auf den Straßen hin­gegen ließ nicht von seinem Idol. Und stürzte prompt in eine tiefe Depres­sion, als Gar­rincha 1966 Abschied von der Natio­nal­mann­schaft nahm. Wir hatten das Lachen ver­lernt. In dieser Zeit lebten wir ver­waist und ver­lassen. Ohne seinen dyna­mi­schen, akro­ba­ti­schen, dio­ny­si­schen Fuß­ball waren wir 80 Mil­lionen Waisen“, beschrieb es Rodri­gues. Aber Gar­rincha schaffte noch einmal ein Come­back, spielte bis 1972 bei Atlé­tico Junior, Fla­mengo und Olaria. Und als er in einer Kurve des Mara­canã-Sta­dions ein ein­sames Olé anstimmte, einsam und voll­kommen wie ein Schwa­nen­ge­sang, da klatschte sogar die Infla­tion Bei­fall. Und wir Bra­si­lianer fühlten uns fast all­mächtig“.

Er hin­ter­ließ min­des­tens 14 Kinder

1973 been­dete er mit einem Abschieds­spiel im Mara­canã seine Kar­riere. Und geriet bald in Ver­ges­sen­heit. Die schmale Rente reichte hinten und vorne nicht. Als er am 20. Januar 1983 als erst 49-Jäh­riger an einer Alko­hol­ver­gif­tung, ohne einen Pfennig in der Tasche, starb, hin­ter­ließ Gar­rincha min­des­tens 14 Kinder und ein Publikum, das sich nun wieder an ihn erin­nerte. Den Weg zum Grab säumten tau­sende Anhänger.

Es war gewiss kein Zufall, dass Gar­rinchas Tod zeit­lich mit dem Ende jenes
futebol arte zusam­men­fällt, des klas­si­schen bra­si­lia­ni­schen Kunst­fuß­balls, der den Fuß­ball in spie­le­ri­scher Voll­kom­men­heit insze­nierte. Ein Jahr zuvor, bei der WM 1982 in Spa­nien, war die traum­haft auf­spie­lende Natio­nal­mann­schaft Bra­si­liens um Zico, Sócrates und Falcão an den cle­veren Ita­lie­nern bereits im Ach­tel­fi­nale geschei­tert – in Schön­heit gestorben“, sagt man dazu in Bra­si­lien. Neue Zeiten kün­digten sich an.

Hier ruht in Frieden einer, der das Volk glück­lich gemacht hat“ steht auf dem Grab­stein, von Manoel Fran­cisco dos Santos, genannt Gar­rincha, gestorben in Rio de Janeiro.

Dieser Text erschien erst­mals 2011, zu Gar­rinchas 25. Todestag.