Hansi Müller, zwi­schen 1975 und 1990 haben Sie für den VfB Stutt­gart, Inter Mai­land, Calcio Como, FC Swa­rovski Tirol und die deut­sche Natio­nal­mann­schaft über 400 Spiele gemacht. Gibt es Spiele, die Ihnen beson­ders in Erin­ne­rung geblieben sind? 

Da fallen mir drei Par­tien ein: Zunächst das Spiel VfB Stutt­gart gegen Bayern Mün­chen aus der Saison 1977/78, dann das Mai­länder Derby von 1983 und das Uefa-Cup-Spiel mit Tirol gegen Spartak Moskau im Dezember 1986.



Was war an dem Bun­des­li­ga­spiel VfB Stutt­gart gegen Bayern Mün­chen so spe­ziell?

Wir waren gerade erst mit dem VfB in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen, zuvor spielten wir zwei Jahre lang gegen Ver­eine wie den KSV Bau­natal oder BSV Schwen­ningen, ich erin­nere mich an grau­same Nie­der­lagen – etwa gegen den SSV Reut­lingen. Nun trafen wir gleich am 1. Spieltag auf den großen FC Bayern, der 1976 den Welt­pokal gewonnen hatte. Es war der ver­meint­liche Kampf David gegen Goliath – zumin­dest auf dem Papier.

Sie waren wenige Tage vor dem Spiel 20 Jahre alt geworden – und wurden zum Match­winner.

Es wirkte fast sur­real. Als ich ins Sta­dion ein­lief, sah ich die 72.000 eupho­ri­sierten Zuschauer auf den Rängen, wenige Meter von mir ent­fernt standen Gerd Müller, Uli Hoeneß, Kat­sche Schwar­zen­beck oder Sepp Maier, Spieler, die ich bei der WM 1974 noch im Fern­sehen bewun­dert hatte.

Wie groß war die Auf­re­gung?

Ich glaube, ich bin damals, mit meinen 20 Jahren, sehr unbe­küm­mert ins Spiel gegangen. Als junger Kerl kickst du ein­fach drauf los, da denkst du nicht viel nach. Das hilft deinem Spiel enorm, denn gerade Spon­ta­neität ist eine sehr wich­tige Kom­po­nente im Fuß­ball. Daher war die Auf­re­gung schnell ver­flogen.

Sie schossen sogar zwei Elf­meter – und ver­wan­delten beide.

Besser kann ein Start auf der Bühne Bun­des­liga kaum sein. Ich hatte bereits einige Straf­stöße in der 2. Liga geschossen, wenn­gleich eigent­lich Her­mann Ohli­cher für die Elf­meter vor­ge­sehen war. Doch plötz­lich fand ich mich am Elf­me­ter­punkt wieder – viel­leicht war Ohli­cher in diesem Spiel sogar ganz dankbar. Ohli­cher hoffte auf meine ange­spro­chene Unbe­küm­mert­heit: Nicht nach­denken, ein­fach schießen.

Sie haben nicht dar­über nach­ge­dacht, dass Sepp Meier im Tor steht?

Natür­lich regis­trierte ich es, doch eigent­lich dachte ich nur: „ Mensch, das ist dein erstes Bun­des­li­ga­spiel, jetzt hau das Ding ein­fach rein!“

Der VfB lag bis kurz vor Schluss mit 3:2 in Füh­rung. In der 89. Minute machte Gerd Müller das Tor zum 3:3. Ein ent­täu­schender Aus­gang für Sie?

Im ersten Moment, zumal ich kurz zuvor einen wun­der­schönen Pass von links bekam und auf einmal alleine vor Maier stand. Ich wollte den Ball mit der Hüfte mit­nehmen, doch er sprang über meinen Ober­schenkel. Es wäre das 4:2 gewesen und ver­mut­lich hätten wir das Spiel dann nach Hause geschau­kelt. In der 89. Minute ließ Helmut Roleder dann einen Schuss von Karl-Heinz Rum­me­nigge abprallen – und Gerd Müller war wieder Mal zur Stelle. Nach dem Schluss­pfiff habe ich mich zunächst wahn­sinnig über meine ver­ge­bene Chance geär­gert, doch am Abend wurde mir bewusst: besser hätte die Rück­kehr in der Bun­des­liga für den VfB Stutt­gart kaum laufen können.

Für Sie war es zudem der Start­schuss in eine große Saison. Sie schossen 14 Tore – als Mit­tel­feld­spieler.

Das ist für einen Mit­tel­feld­spieler natür­lich viel. Und glück­li­cher­weise sind die Schüsse, die in den dritten oder vierten Stock gingen, nicht gezählt worden (lacht). Ich habe natür­lich auch von der Mann­schaft pro­fi­tiert, hinter mir spielten Erwin Hade­wicz und Roland Hat­ten­berger, die gut abge­schirmt haben. Vorne hatten wir mit Ottmar Hitz­feld, Dieter Hoeneß und Walter Kelsch drei Stürmer, die die geg­ne­ri­schen Abwehr­reihen per­ma­nent beschäf­tigten. So hatte ich als Mit­tel­feld­spieler hinter den Spitzen enorme Frei­räume.

Der VfB Stutt­gart belegte am Ende der Saison Platz 4. In Anbe­tracht der Tat­sache, dass der dama­lige VfB-Trainer Jürgen Sun­dermann fast der kom­pletten Auf­stiegs-Mann­schaft das Ver­trauen schenkte: Wie bewerten Sie diese Plat­zie­rung?

Eine her­vor­ra­gende Plat­zie­rung, zwei­fels­ohne. Und sicher­lich war es mutig, ohne große Inves­ti­tionen in die 1. Bun­des­liga zurück­zu­kehren. Heut­zu­tage werden ja Mann­schaften mit­unter kom­plett aus­ge­tauscht, wenn sie auf­steigen. Unser Vor­teil war tat­säch­lich, dass wir eine ein­ge­spielte und ein­ge­schwo­rene Mann­schaft waren. Zudem waren wir ein Team, das herz­er­fri­schenden Hurra-Fuß­ball spielte. Zu Hause ist das auf­ge­gangen, aus­wärts haben wir aller­dings oft­mals zwei Tore gemacht, zugleich aber drei bekommen.

» Seite 2: Ich dachte noch: ›Die fressen dich auf!‹“ – Hansi Müller über Inter-Heim­spiele und das Mai­länder Derby von 1983
Spre­chen wir über das Mai­länder Derby. Nach 186 Spielen für den VfB Stutt­gart wech­selten Sie im Sommer 1982 zu Inter Mai­land. Das erste Derby della Madon­nina“ spielten Sie aber erst im November 1983.

Das lag daran, dass der AC Mai­land in der Saison 1982/83 in der Serie B spielte. Die hatten eine Durst­strecke Anfang der 80er Jahre. Daher waren sie keine eben­bür­tiger Gegner wie in den Jahren davor oder Mitte und Ende 80er Jahre wieder.

Gingen Sie auf­grund dessen über­heb­lich in dieses Spiel?

Über­haupt nicht. Natür­lich wussten wir, dass wir einen Vor­teil daraus ziehen konnten, doch die Scha­den­freude hat nicht über­wogen, denn jeder wusste: Der AC Milan gehört eigent­lich dau­er­haft unter die ersten vier Plätze der Serie A. Ein großer Verein gehört nicht in diesen Fahr­stuhl, der zwi­schen Serie A und Serie B hin- und her­fährt.

Inwie­fern war die Stim­mung bei diesem ersten Derby ähn­lich wie beim Spiel des VfB Stutt­gart gegen Bayern Mün­chen 1977?

Das kann man über­haupt nicht ver­glei­chen. Das Mai­länder Derby löst seit jeher in der ganzen Stadt eine Euphorie aus, die ich nir­gendwo anders so intensiv erlebt habe. Schon Wochen vorher sind die Fern­seh­ka­näle und Zei­tungen mit Vor­be­richten über­flutet und die Fans bekennen sich auf den Straßen offen zu ihrem Verein, hängen Fahnen an die Bal­kone oder Fenster.

Und nach dem Derby rollen die Fans des Ver­lie­rers diese schnell wieder ein?

So unge­fähr. Jeden­falls hätte ich nach dem 82er-Hin­spiel-Derby, das Inter mit 2:0 gewann, kein Mila­nisti sein wollen. Die Fans mussten wochen­lang – in Büros oder auf der Straße – den Spott der Inte­risti ertragen.

Wie ist die Atmo­sphäre wäh­rend der Inter-Heim­spiele?

Ich erklärte das mal an einem Bei­spiel: In der Saison 1982/83 spielten wir im ersten Heim­spiel gegen Sam­pdoria Genua. Wir lagen schnell 0:1 hinten, bekamen kurze Zeit später aber einen Frei­stoß, den ich an der Mauer vorbei in die Maschen zir­kelte. Das Sta­dion ist explo­diert, 85.000 Zuschauer! Das kannte ich in dem Aus­maße nicht. Plötz­lich rea­li­sierte ich, dass ich nur wenige Meter von den Tifosi der ersten Reihe ent­fernt bin. Ich dachte noch: Die fressen dich auf!“

Sind Sie in die Curva Nord zu den Inte­resti, den Inter-Fans, gerannt?

Nein, ich bin zur Sei­ten­linie gelaufen. Damals saß Walter Zenga auf der Bank, Ivano Bordon stand im Tor. Walter war mein Zim­mer­kol­lege, mein Kumpel. Ich bin volle Kanne auf ihn, er hat mich hoch­ge­hoben, in zwei­ein­halb Meter Höhe. Und dann hat er sich pirou­et­ten­artig mit mir gedreht. Ein wun­der­schönes Bild. Wir ver­loren den­noch 1:2.

Wie war die Stim­mung nach sol­chen Spielen in der Kabine?

Sehr ruhig. Inter-Manager Ales­sandro Maz­zola kam rein, seinen kurzen Zigar­ren­stumpen im Mund­winkel und strafte die Spieler nur mit bösen Bli­cken.

In dem ange­spro­chenen Derby von 1983 schossen Sie auch ein Tor.

Das war noch mal eine Stei­ge­rung. Da waren nicht nur 70.000 Zuschauer im San Siro, son­dern knapp 100.000. Und noch 20.000 vor dem Sta­dion, damit sie die Atmo­sphäre mit­be­kommen. Wenn du in einem sol­chen Spiel triffst, machst du dich unsterb­lich. Der Pass kam von Aldo Serena, ich nahm den Ball dann mit in den Straf­raum, bin am Franco Baresi vorbei und hab das Ding mit meinem schwa­chen rechten Fuß ins Eck geschossen. Wenn ich heute nach Ita­lien komme oder in Deutsch­land einen Milan-Fan treffe, werde ich immer noch drauf ange­spro­chen (lacht).

Schlug Ihnen zugleich der Hass der Mila­nisti ent­gegen?

Nein. Ich glaube auch, dass es immer an einem selbst liegt, wie dir die geg­ne­ri­schen Fans begegnen. Wenn man sich in der neuen Umge­bung inte­griert, die Sprache lernt, wenn man zeigt, dass man das Land liebt, auf die Leute zugeht und mit ihnen spricht, dann wird man auch von den Geg­nern akzep­tiert. Wenn man aller­dings den Leuten von oben herab begegnet, wird man seine Sym­pa­thien schnell ver­spielen – und dann kann einem mit­unter auch Hass ent­ge­gen­schlagen.

Sie hatten zu der Zeit auch oft mit Ver­let­zungen zu kämpfen. Wie wichtig war dieses Tor gegen den AC Mai­land?

Sehr wichtig. Ich hatte in drei Jahren in Ita­lien vier schwere Ver­let­zungen, ich fiel oft­mals meh­rere Wochen aus. Dieses Tor war immens wichtig, um bei den Fans ein Stück von dem Bonus, den ich anfangs genoss, zurück zu gewinnen.

Das Tor war wie eine zweite Ankunft?

Auf jeden Fall. Ich merkte danach, dass mich die Leute nun nicht mehr so schnell ver­gessen würden.

Waren Sie nach Ihrer Zeit bei Inter Mai­land ent­täuscht, dass Sie keine Titel gewonnen haben?

Anfangs. Es ist ja so: Als Spieler gehst du nach Ita­lien, zu Inter Mai­land, Titel und Schalen zu gewinnen. Inso­fern war ich einige Zeit etwas ent­täuscht, weil daraus nichts wurde. Doch schon bald merkte ich, dass der Mensch letzt­end­lich viel wich­tiger ist. Was nützen dir Titel, wenn du mensch­lich ent­täuscht hast? Denn auch wenn ich in Ita­lien nichts gewonnen habe, werde ich heute immer noch sehr herz­lich emp­fangen. Die Leute freuen sich, dass ich immer noch Mai­länder Dia­lekt spreche. Und dann erin­nern sie sich auch an die guten Spiele, die ich für Inter gemacht habe.

» Seite 3: Ich hätte jeden Men­schen umarmen können!“ – Hansi Müller über Swa­rovski Tirol gegen Spartak Moskau

Nach einem Jahr bei Calcio Como wech­selten Sie 1985 zum FC Tirol. Sie qua­li­fi­zierten sich für den Uefa-Cup und spielten im Dezember 1986 gegen Spartak Moskau. Warum ist Ihnen dieses Spiel heute noch so prä­sent? 

Es war kurz vor Weih­nachten, bit­ter­kalt, der Boden war knall­hart gefroren, wir liefen mit der Mann­schaft auf, die seit Monaten in der glei­chen For­ma­tion spielte, dann waren 18.000 Zuschauer im Tivoli, dar­unter auch Franz Becken­bauer und Ernst Happel, und jeder hatte eine Wun­der­kerze in der Hand. Bei diesem Spiel wurde mir erst­mals klar, dass große und prä­gende Spiele nicht unbe­dingt ein WM-Finale oder ein Spiel im Mara­cana sein müssen.

Es war das Ach­tel­fi­nal­rück­spiel des Uefa-Cups…

Das war in den Minuten neben­säch­lich. Die Atmo­sphäre zählte, ich hatte eine ähn­liche Gän­se­haut wie in San Siro. Wenn die emo­tio­nale Bin­dung, die Gefühle für den Moment – sei er noch so klein – da sind, dann ist die Zuschau­er­zahl wirk­lich egal. Viel­leicht erlebt man das im klei­neren Rahmen sogar noch inten­siver. Und in diesem Moment hätte ich jeden Men­schen umarmen können.

Warum saßen Happel und Becken­bauer auf der Tri­büne?

Happel hatte ein Angebot von Inns­bruck und wollte sich die Mann­schaft anschauen, ein halbes Jahr später ist er tat­säch­lich Trainer geworden. Franz Becken­bauer saß daneben – er kannte Happel ja noch vom HSV und wohnte damals in Kitz­bühel. Es gibt übri­gens ein Bild, auf dem auch Becken­bauer und Happel gemeinsam eine Wun­der­kerze hoch­halten.

Becken­bauer war aber auch wegen Ihnen im Sta­dion.

Das stimmt. Becken­bauer sagte mir, dass er mich, wenn Not am Mann ist, wieder zur Natio­nal­mann­schaf holen würde. Er hatte also regis­triert, dass ich ganz gut drauf war. Doch ich wollte nicht mehr Standby-Natio­nal­spieler sein, zumal ich meine Chance eher gering ein­schätzte, Becken­bauer hatte mit Pierre Litt­barski, Thomas Häßler, Felix Magath und Andreas Möller ein Über­an­gebot an guten Mit­tel­feld­spie­lern.

Was ant­wor­teten Sie ihm?

Ich sagte ihm, dass es mich ehre, doch meine Prio­ri­täten lägen mitt­ler­weile anders. Ich war mit den drei Wett­be­werben, in denen wir mit dem FC Swa­rovski Tirol ver­treten waren, gut aus­ge­lastet, und fühlte mich nicht son­der­lich wohl bei dem Gedanken, in Zukunft mit der Hand am Koffer zu warten. Franz hat das auch akzep­tiert. Und ganz ehr­lich: Ich weiß auch nicht, ob er mich wirk­lich zurück­ge­holt hätte. Franz wusste ja auch: Wenn ein Bun­des­trainer einen Spieler aus der so genannten Ope­ret­ten­liga holt, und es dann nicht läuft, stößt er zwangs­läufig auf viel Unver­ständnis.

Mit wel­chen Erwar­tungen kamen Sie eigent­lich nach Öster­reich?

Ich hatte eine Durst­strecke mit zahl­rei­chen Ver­let­zungen hinter mir und die Anfragen von richtig großen Ver­einen blieben aus. Die Manager fragten sich natür­lich: Kommt der Müller über­haupt noch mal auf die Beine?“ Ange­bote gab es von Klubs wie Udi­nese Calcio oder Ata­lanta Ber­gamo. Doch dann lud mich Roland Hat­ten­berger zu seinem Abschieds­spiel nach Inns­bruck ein. Bei dem Spiel machte ich eine ganz gute Figur und so fragte mich Gernot Langes-Swa­rovski, der Geld­geber und Gründer des Ver­eins FC Tirol, ob ich nicht Lust hätte nach Tirol zu kommen. Der Klub suche eine echte 10“.

Sie hatten Lust.

Große Lust. Vor allem weil Swa­rovski mir ver­sprach, dass ich nach einem Jahr als Spieler in seinem Unter­nehmen als Mar­ke­ting-Manager ein­steigen könnte. Ich hatte mir damals ein großes Netz­werk auf­ge­baut, konnte einige Spra­chen flie­ßend und ich hatte einen Namen, einen gewissen Bekannt­heits­grad. Das passte ihm wohl ganz gut.

Sie sahen den Wechsel von der Serie A in die öster­rei­chi­sche Bun­des­liga nicht als Abstieg?

Zunächst ging es mir darum, über­haupt mal wieder auf die Beine zu kommen. Die Leute in Tirol dachten damals ver­mut­lich: Der kommt hierhin, nimmt ein paar Alpen­dollar mit und das war’s dann.“ Doch schon nach einigen Spielen war mein Ehr­geiz wieder da, ich wollte es den Leuten noch mal beweisen, ich wollte dort was auf­bauen. Und ich wusste, dass das mit der Unter­stüt­zung von Swa­rovski auch klappen konnte.

Was moti­vierte Sie so sehr?

Die Euphorie in der Mann­schaft. Wir spielten guten Fuß­ball, der Zuschau­er­schnitt ver­drei­fachte sich und wir qua­li­fi­zierten uns für den Euro­pa­pokal. Zudem fand ich schnell viele Freunde, meine Familie fühlte sich sehr wohl in Inns­bruck. Die Fans kamen mit­unter aus den Berg­dör­fern hin­unter ins Tal und sagten zu ihren Nach­barn: Wir gehen den Müller schauen.“ Das schmei­chelt natür­lich unge­mein. Zudem war der Ver­trag gut. Aber ganz ehr­lich: Wenn mir kurz vor meinem Wechsel nach Tirol jemand gesagt hätte, dass ich fünf Jahre in der Alpen­liga spielen würde und dort auch meine Kar­riere beende, hätte ich ihn ver­mut­lich aus­ge­lacht. Letzt­lich waren es fünf wun­der­bare Jahre.

Zurück zum besagten Uefa-Cup-Ach­tel­fi­nale: Wie sahen Sie vor dem besagten Ach­tel­fi­nale gegen Spartak Moskau die Chancen auf ein Wei­ter­kommen?

Wie in den Spielen zuvor und danach waren wir krasser Außen­seiter. Man muss auch sagen, dass wir in diesen Spielen eine Menge Glück hatten: Gegen Sofia gewannen wir das Hin­spiel zwar 3:0, im Rück­spiel zit­terten wir ein 0:2 über die Zeit. In der zweiten Runde gegen Stan­dard Lüt­tich kamen wir nur auf­grund der mehr geschos­senen Aus­wärts­tore weiter. Im Vier­tel­fi­nale trafen wir auf den AC Turin, der Spieler wie Junior oder Dos­sena in seinen Reihen hatte. Und es grenzte an eine Sen­sa­tion, dass wir auch das Spiel gewannen.

Was zeich­nete die Mann­schaft in den Spielen gegen Moskau und Turin aus?


Wir hatten einen Lauf, und wir hatten den großen Willen. Viel­leicht wurden wir von den Spartak-Spie­lern nicht für voll genommen. Ich kannte das ja selbst von früher: Da ver­folgten wir etwa einmal mit der gesamten Inter-Mann­schaft die Aus­lo­sung zum Euro­pa­pokal und freuten uns wahn­sinnig, weil wir gegen Aus­tria Wien spielten. Was pas­sierte? Wir schieden aus. Viel­leicht ging es den Turi­nern und Mos­kauern ähn­lich: Die sahen den Namen FC Tirol und dachten an Berg­steiger und Ski­fahrer, aber nicht daran, dass dort auch guter Fuß­ball gespielt wurde. Fuß­ball in Öster­reich ver­band man bis dahin nur mit den Mann­schaften aus Wien. Dieses Spiel gegen Spartak Moskau war inso­fern auch so etwas wie eine Wach­ab­lö­sung – es machte uns in Europa bekannt.

Spielten Sie gegen Spartak Moskau immer noch hinter den Spitzen? Oder wählte man in den Euro­pa­po­kal­spielen eine defen­si­vere Aus­rich­tung?


Kei­nes­wegs. Ich war wei­terhin der Mann direkt hinter den zwei Spitzen. Zudem ver­ant­wort­lich für sämt­liche Stan­dards. Ich sollte den töd­li­chen Pass spielen und Schüsse aus der zweiten und dritten Reihe abfeuern. Doch in dem Ach­tel­fi­nale – und auch in zahl­rei­chen anderen Spielen mit Inns­bruck – wurde eine andere Beson­der­heit sichtbar: Ich spielte in den Reihen des FC Swa­rovski Tirol stets gegen diese Typen, die mir 90 Minuten hin­ter­her­liefen. War ich beim VfB oder gerade bei Inter ein Spieler von vielen, so war ich beim FC Tirol tat­säch­lich der zen­trale Spieler. Ich hatte stets Son­der­be­wa­cher, manchmal sogar zwei.

Im Halb­fi­nale war Schluss. Der FC Tirol verlor gegen den spä­teren Sieger IFK Göte­borg.

Den­noch war das Halb­fi­nale eine Initi­al­zün­dung. Der Erfolg ani­mierte den Klub, das heißt vor allem Swa­rovski, weiter zu inves­tieren. Er holte die inter­na­tional erfah­rene Spieler Pezzey und Lin­den­berger, Ernst Happel wurde Trainer. Wir wurden dar­aufhin zweimal Meister und holten einmal gar das Double. Es waren die erfolg­reichsten Jahre des Ver­eins.