In der Deut­schen Bot­schaft in Bel­grad herrscht Anfang November 1983 geschäf­tiges Treiben. Soeben haben zwei junge Männer in Trai­nings­be­klei­dung mit dem Emblem des Ost-Ber­liner BFC Dynamo auf der Brust exter­ri­to­riales Bun­des­ge­biet in der jugo­sla­wi­schen Haupt­stadt betreten. Ein Bot­schafts­mit­ar­beiter schaltet am schnellsten und begrüßt sie tro­cken: Oh ihr seid Fuß­baller, ihr wollt bestimmt in den Westen!“ Vor ihm stehen die beiden hoff­nungs­vollen Talente des aktu­ellen DDR-Fuß­ball­meis­ters Falko Götz und Dirk Schlegel, die sich vor Spiel­be­ginn des abend­li­chen Euro­pa­po­kal­du­ells im Lan­des­meis­tercup zwi­schen dem BFC Dynamo und Par­tizan Bel­grad von ihrer Mann­schaft abge­setzt haben. Sie wollen tat­säch­lich in den Westen und brau­chen schnelle Hilfe.

Ein­ziger Makel des Talents: West­ver­wandt­schaft

Falko Götz, 1962 in Rodewisch/​Sachsen geboren, spielte seit 1971 für den BFC Dynamo. Obwohl das junge Talent von Anfang an alle sport­li­chen Vor­aus­set­zungen für eine För­de­rung mit­brachte, durfte der Junge nicht auf die Ost-Ber­liner Kinder- und Jugend­sport­schule (KJS), wo nor­ma­ler­weise die Dynamo-Talente gezielt aus­ge­bildet werden. Grund hierfür war ein kader­po­li­ti­scher Makel: West­ver­wandt­schaft. Allein dieser scheinbar dunkle Punkt in der fami­liären Kader­akte war Anlass genug, um dem Sohn die sport­liche Dele­gie­rung an die KJS zu ver­wei­gern. Trotzdem setzte sich Götz außer­halb des spe­zi­ellen För­der­sys­tems in den Jugend­mann­schaften des BFC gegen seine Kon­kur­renten aus der KJS durch. Dreimal wurde er DDR-Meister mit dem BFC. Als 18-Jäh­riger stand er im Auf­gebot des BFC bei einem Euro­pa­po­kal­spiel in Zypern, später spielte er in der U21-Aus­wahl der DDR. Trotz guter Leis­tungen im Ver­gleich zu den poli­tisch unbe­denk­li­chen“ Spie­lern fühlte er sich zu wenig geför­dert.

Auch Dirk Schlegel teilte das Schicksal des kader­po­li­ti­schen Makels mit Götz. Schlegel ist sogar im Westen, in Han­nover 1961 geboren, und hatte wie Götz West­ver­wandt­schaft. Die Dele­gie­rung zur KJS war somit auch für ihn tabu. Beide Freunde spielten seit Kind­heits­tagen zusammen. Sie schwärmten für die Bun­des­liga. Irgend­wann wurde aus der Schwär­merei ein kon­kreter Plan. Sie wollten sich nicht länger gegän­gelt und in ihrer sport­li­chen Kar­riere behin­dert wissen. Sie wollten ihr Schicksal selber in die Hand nehmen. Sie wollten in die Bun­des­liga.

Die beiden Freunde stehen nun auf­ge­regt in der Deut­schen Bot­schaft und warten auf Hilfe. Nachdem ein anderer Bot­schafts­an­ge­hö­riger ihnen die auf­fäl­ligen Trai­nings­ja­cken des BFC abnimmt, greift dieser nun eilig zum Tele­fon­hörer um den Bot­schafter zu errei­chen. Die Order des Bot­schafter ist klar und unmiss­ver­ständ­lich: Sofort raus aus Bel­grad.“ Seine Begrün­dung leuchtet ein: Wenn die mit­kriegen, dass ihr weg seid, werden sie sofort nach euch suchen.“ Götz und Schlegel steigen in ein Auto der Bot­schaft und fahren im Eil­tempo nach Zagreb, um dort Rei­se­er­satz­pa­piere und eine bun­des­deut­sche Iden­tität im Gene­ral­kon­sulat zu erhalten. Nach fünf­stün­diger Auto­fahrt sitzen zwei junge Männer schließ­lich nervös im Nachtzug von Ljub­l­jana nach Mün­chen.

Schon vor der Fahrt nach Jugo­sla­wien hatten Götz und Schlegel die Flucht geplant. Die Idee: Nach dem ersten Trai­ning in Bel­grad in die Stadt ver­schwinden und sich in die Deut­sche Bot­schaft absetzen. Das klappte zunächst nicht, die Jung­stars wurden nach dem ersten Trai­ning zum Ball­dienst ein­ge­teilt, der Zeit­plan war hin­über. Ein abend­li­cher Gang bei Dun­kel­heit in eine unbe­kannte Stadt schien ihnen jedoch zu unsi­cher und wenig Erfolg ver­spre­chend. Zu ihrem Glück unter­nahm die Mann­schaft am nächsten Tag nach dem Früh­stück einen gemein­samen Ein­kaufs­bummel. In einem Shop­ping-Center suchte das Duo unbe­merkt den Ausweg aus dem Kauf­haus. Durch einen Sei­ten­ein­gang gelangten sie zu einem Taxi­stand, doch der erste Fahrer wei­gerte sich, die Flücht­linge mit­zu­nehmen. Erst der Zweite konnte mit 20 West­mark über­zeugt werden, sie zur Deut­schen Bot­schaft zu fahren – eine Strecke von knapp 200 Metern, wie sich her­aus­stellte. Den­noch das am besten ange­legte Geld meines Lebens“, wie Götz heute bestä­tigt.

Im Nachtzug Ljub­l­jana-Mün­chen saßen, Götz und Schlegel, aus­ge­stattet mit bun­des­deut­schen Papieren und harrten ange­spannt der Dinge. Die Zeit auf der kurzen Strecke von Jugo­sla­wien nach Öster­reich wollte ein­fach nicht ver­rinnen. Die Angst, dass die Flucht schneller ent­deckt wurde, als erhofft und man von den jugo­sla­wi­schen Sicher­heits­be­hörden auf­ge­spürt werden würde, war groß. Im Falle einer Befra­gung durch den Schaffner hatte man den Ost­deut­schen fol­gende Legende ein­ge­bläut: Als Münchner Jugo­sla­wien-Besu­cher sei ihnen das Gepäck mit allen Papieren und Wert­sa­chen gestohlen worden. Ein über­zeu­gender Behelf der immer klappe, hatten die Leute des Gene­ral­kon­su­lats ver­si­chert. Am Grenz­bahnhof warf der jugo­sla­wi­sche Poli­zist jedoch nur einen flüch­tigen Blick auf die Papiere und ver­ließ das Abteil wieder. Kurz darauf ent­brannte ein Streit aus Unge­wiss­heit. Wir haben uns gestritten, ob Vil­lach schon in Öster­reich ist oder noch in Jugo­sla­wien. Und es war glück­li­cher­weise Öster­reich und wir waren im Westen und unsere Flucht war geglückt“, so Götz.

Doch der Neu­an­fang war nicht unbe­schwert. Der eben­falls frisch aus der DDR geflo­hene Jörg Berger ermahnte seine Lands­leute, sich mit kri­ti­schen Inter­view zurück­zu­halten um die Stasi nicht unnötig zu pro­vo­zieren. Falko Götz legte auch des­halb Wert darauf, als sport­li­cher Flücht­ling“, und nicht als poli­ti­scher Flücht­ling“ bezeichnet zu werden. Für die SED war es mitt­ler­weile pein­lich, dass unter den Abtrün­nigen zum wie­der­holten Male Kicker des poli­ti­schen Vor­zei­ge­klubs BFC Dynamo waren. In den Fuß­ball­sta­dien der DDR erklang in dieser Zeit der spöt­ti­sche Ruf von den Rängen Willst du in den Westen türmen, musst du für Dynamo stürmen.“ Die DDR ließ nichts unver­sucht und schickte einen Ver­treter in die Bun­des­re­pu­blik, um die Geflüch­teten zurück­zu­holen. Im Gepäck: Ein Brief der Mutter von Falko Götz. Ver­geb­lich.

Der Traum von der Bun­des­liga

Nach diesem uner­war­teten Kon­takt wurden die beiden von ihrem zukünf­tigen Arbeit­geber Bayer 04 Lever­kusen, der sie in einem Hotel unter­ge­bracht hatte und nun rund um die Uhr bewa­chen ließ, vor wei­teren Kon­takt­ver­su­chen erfolg­reich abge­schirmt. Nach ein­jäh­riger Sperre star­teten die von ver­schie­denen Bun­des­li­ga­ver­einen umwor­benen DDR-Fuß­baller ihre Kar­riere bei Bayer 04 Lever­kusen. Beide erfüllten sich nun ihren Traum vom Bun­des­li­ga­fuß­ball, die erste Saison sogar noch gemeinsam. Schlegel wech­selte 1985 zum VfB Stutt­gart, wo er am Ende der Spiel­zeit das DFB-Pokal­fi­nale erreicht.

Götz legte mit dem Werks­klub eine noch erfolg­rei­chere Kar­riere hin. In 115 Spielen zwi­schen 1984 und 1988 schoss er 26 Tore und krönte diese Zeit 1988 mit dem Gewinn des UEFA-Cups. Aller­dings musste er nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung erfahren, wie eng sich trotz allem die Schlinge der Sicher­heits­or­gane auch um ihn und seine Familie gelegt hatte. Joa­chim Gauck, damals zuständig für die Auf­ar­bei­tung der Stasi-Unter­lagen machte ihn per­sön­lich Anfang der 1990er Jahre auf seine umfang­reiche Opfer-Akte auf­merksam. Den Papier­bergen konnte Götz unter anderem ent­nehmen, wie selbst lang­jäh­rige per­sön­liche Freunde der Eltern gezielt auf die Familie ange­setzt worden waren. Auch fanden sich detail­lierte Fotos seiner Lebens­um­stände im Westen sowie Zeich­nungen, die auf eine geplante Ent­füh­rung hin­deuten.

Falko Götz ließ die Akte für die Öffent­lich­keit sperren – ein Ver­such, dieses Kapitel seines Lebens für immer zu beenden.