Die FIFA »bestraft« den FC Chelsea

Ohne Nachtisch ins Bett

Chelsea hat sich in den letzten Jahren nicht gerade beliebt gemacht: Rüde Einkaufspolitik, Neo-Kolonialismus, gekaufter Erfolg. Nun belegte die FIFA den Klub mit einem Transferbann. Doch ist das wirklich eine Strafe? Die FIFA »bestraft« den FC Chelsea
Der FC Chelsea ist für viele das Gesicht des Bösen im internationalen Fußball. Er war einer der ersten Klubs, die kraft des Reichtums eines Oligarchen aus dem bis dahin noch einigermaßen sportlichen Wettbieten zwischen Marktkonkurrenten einen monomanischen Kaufrausch machten.

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Egal, ob brauchbar (Didier Drogba) oder nicht (Andrij Schewtschenko) - die Londoner holten Spieler zum Preis von Flugzeugträgern an die Stamford Bridge. Auch offene Feindschaften wurden riskiert, wie etwa im Fall von Ashley Cole, den man aufs Aggressivste vom Lokalrivalen Arsenal losriss. Der norwegische Winzlingsverein Lynn Oslo wurde derweil zur Parkgarage für afrikanische Talente umfunktioniert, die auf dunklen Wegen nach Europa geraten waren. Selbst dem in solchen Dingen eher milden FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter fiel da nichts anderes mehr ein, als dem FC Chelsea »Neo-Kolonialismus« vorzuwerfen.  

Vom Quietscheentenverkäufer zum Superreichen

Doch das löste auf einer Mega-Yacht im Mittelmeer nur ein müdes Lächeln aus. Dort saß Klub-Eigner Roman Abramowitsch im Kreise seiner Sekretäre. Tradition? Identifikation? Organisches Wachstum? Was sollten diese Begriffe einem Mann sagen, der innerhalb von wenigen Jahren vom Quietscheentenverkäufer zu einem der reichsten Männer der Welt geworden war? Abramowitsch wollte Titel haben, er wollte sie kaufen.   

Dass das nicht gelang und die Londoner noch immer auf den Gewinn der Champions League warten, erfüllt ihre Verächter mit einiger Genugtuung. Als in Person von John Terry kein für Unsummen erworbener, sondern ein aus der eigenen Jugend stammender Profi im Finale gegen Manchester United 2008 seinen Elfmeter an den Pfosten setzte, hielt sich das Mitleid in Grenzen. Selbst die Tränen des ewigen Zweiten Michael Ballack rührten die Wenigsten. Sippenhaft für alle, die Blau tragen!



Und so fassten viele es als gute Nachricht auf, als gestern bekannt wurde, dass dieser FC Chelsea für sein rüdes Vorgehen auf dem Transfermarkt endlich abgestraft werden soll. Weil die Manager den erst fünfzehnjährigen Gael Kakuta vom RC Lens im Jahre 2007 zum Vertragsbruch gezwungen haben sollen, belegte die FIFA den Klub nun mit einer drakonisch wirkenden Strafe: Bis 2011 darf er keine Transfers mehr tätigen.  

Fußball-Moralisten frohlocken: Geht das dekadente Abramowitsch-Projekt nun endlich den Bach runter? Sodom und Gomorrha in London, Abramowitsch erstarrt zur Salzsäule, die biblische Strafe für Hochmut und Völlerei. Herrlich!

Aber halten wir inne: Die FIFA spielt nicht Gott. Sie spielt bestenfalls Peter Zwegat, den beliebten TV-Schuldenberater.   

Denn der der Aufstieg vom Underdog zur Heuschrecke hat nicht nur weltweite Unbeliebtheit nach sich gezogen, sondern auch den drohenden Bankrott. Der FC Chelsea steht mit 1,1 Milliarden Euro in der Kreide – davon 870 Millionen bei Abramowitsch. Dessen Vermögen ist im Zuge der Finanzkrise auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft. Er dürfte immer noch ein paar Kröten mehr auf der hohen Kante haben als unsereins, dennoch wird gemunkelt, er verliere das Interesse an seinem teuren Spielzeug und könnte demnächst auf die Rückzahlung bestehen. Nun auch noch in das wahnsinnige Transfer-Duell zwischen Manchester City und Real Madrid einzusteigen, wäre der sichere finanzielle Ruin.

Vor diesem Hintergrund muss deutlich werden: Die FIFA bestraft den FC Chelsea nicht. Sie schickt bloß jemanden, der anderthalb Mastschweine intus hat, ohne Nachtisch ins Bett. Eine vielleicht lebensrettende Nulldiät. Dass der Weltverband jedoch jahrelang zugesehen hat und immer noch zusieht, wie der Fußball durch ungezügelten Kapitalismus von innen ausgehöhlt wird, kann er dadurch nicht vergessen machen.