Erin­nert sich jemand noch an Ramires? Den bra­si­lia­ni­schen Mit­tel­feld­spieler, der 2012 beim Finale dahoam“ mit dem FC Chelsea die Cham­pions League gewann und bei der 7:1‑Klatsche in Belo Hori­zonte bei der WM 2014 ein­ge­wech­selt wurde? 2016 wech­selte er von der Stam­ford Bridge zum chi­ne­si­schen Verein Jiangsu Suning. Satte 28 Mil­lionen Euro zahlte der Verein aus der chi­ne­si­schen Stadt Nan­jing für einen Spieler, der höchst­wahr­schein­lich bald in Ver­ges­sen­heit geraten wird.

Doch für die wilden Ver­hält­nisse, die kürz­lich noch im Reich der Mitte herrschten, waren das gemä­ßigte Summen. Die chi­ne­si­schen Ver­eine warfen mit Geld um sich. Carlos Tevez, Jackson Mar­tinez, Paul­inho, Oscar, Renato Augusto, Alex Tei­xeira, Hulk, Axel Witsel, Dider Drogba, Nicolas Anelka und Ste­phan El Shaarawy wech­selten alle nach China. Sie lockte das große Geld. Im Sommer 2019 stand sogar Real-Madrid-Star Gareth Bale kurz vor einem Transfer zu Jiangsu Suning, ein Wechsel der dem Waliser laut Berichten unglaub­liche eine Mil­lion Euro gesi­chert hätte – pro Woche! Doch Real Madrid blo­ckierte den Transfer in letzter Sekunde. Ein­ein­halb Jahre später ist die Situa­tion auf den Kopf gestellt. Teure Trans­fers nach China gibt es nicht mehr. Viel schlimmer noch: Aus­ge­rechnet der amtie­rende Meister ist pleite.

Zurück in den Alltag

Bereits im Mai letzten Jahres ging es los: Tianjin Tianhai (früher Tianjin Quan­jian, in China ist es letzt­lich unge­fähr so leicht die Namens­än­de­rungen von Ver­einen nach­zu­voll­ziehen wie zuletzt zu DDR-Ober­li­ga­zeiten zu ver­folgen. Mit jedem neuen Investor ändert sich der Name), der Ex-Verein des heu­tigen Dort­mund-Profis Axel Witsel, mel­dete die Insol­venz an. Wegen aus­ste­hender Lohn­zah­lungen an ehe­ma­lige Spieler sperrte der asia­ti­sche Fuß­ball­ver­band im Februar zudem Shan­dong Taishan (auch als Shan­dong Luneng bekannt), für den unter anderem der ehe­ma­lige bel­gi­sche Natio­nal­spieler Marouane Fel­laini auf­läuft, von der asia­ti­schen Cham­pions League. Und kurz danach stellte gar der amtie­rende Liga­meister Jiangsu Suning den Spiel­be­trieb ein.

Schon zur Zeit als Corona nur ein mexi­ka­ni­scher Bier­pro­du­zent und kein töd­li­ches Virus war, gerieten chi­ne­si­sche Pro­fi­ver­eine in Schief­lage. Doch die Pan­demie und die dar­auf­fol­genden Ein­kom­mens­ein­bußen beschleu­nigten die finan­zi­ellen Her­aus­for­de­rungen vieler Inves­toren. Wie etwa Suning, ein rie­siges Ein­zel­han­dels­un­ter­nehmen. Die Firma hatte zwar in den ver­gan­genen Jahren rie­sige Summen in den Verein Jiangsu F.C. inves­tiert und unter anderem Ramires geholt, musste aber jetzt einen Abnehmer für den Fuß­ball­klub suchen. Als sich kein Inter­es­sent mel­dete, stellte der amtie­rende Meister die Akti­vi­täten eben ein.

Die Pan­demie und die dar­auf­fol­gende Rezes­sion, ange­spannte inter­na­tio­nale Bezie­hungen sowie ein zuneh­mender Fokus auf die natio­nale Wirt­schaft haben dazu geführt, dass chi­ne­si­sche Firmen das Inter­esse für den Fuß­ball ver­loren haben. Des­halb konnte Suning keinen Abnehmer für den Klub finden“, erzählte kürz­lich Cameron Wilson in einem Inter­view mit That’s Maga­zine. Er lebt seit Jahren in China und berichtet oft­mals über den Fuß­ball für das Online­portal wil​de​ast​foot​ball​.net.

Das Pro­blem: feh­lende Fuß­ball­kultur

Die Bilanz ist ver­hee­rend: Seit gut einem Jahr gingen ins­ge­samt 16 chi­ne­si­sche Fuß­ball­klubs in die Insol­venz. Dabei hatte die chi­ne­si­sche Regie­rung um den Staats­prä­si­denten Xi Jin­ping lange an einem Plan gear­beitet, um China zu einer fuß­bal­le­ri­schen Welt­macht zu ent­wi­ckeln. Vor vier Jahren führte die chi­ne­si­sche Regie­rung des­halb eine soge­nannte Trans­fer­steuer ein, die die chi­ne­si­schen Ver­eine dazu ver­pflich­tete, 100 Pro­zent der Trans­fer­summe für Spieler aus dem Aus­land zusätz­lich an den Staat zu bezahlen. 

Die Maß­nahme war ers­tens ein Ver­such der Regie­rung, die teuren Trans­fers aus dem Aus­land zu unter­binden und somit die Pro­fi­ver­eine zu Inves­ti­tionen in ihre Nach­wuchs­ar­beit zu zwingen und außerdem Ein­nahmen an den Staat zu sichern, der wie­derum in den hei­mi­schen Fuß­ball inves­tierte. Der chi­ne­si­sche Fuß­ball­ver­band führte außerdem für die kom­mende Saison – die chi­ne­si­sche Liga wird vom Früh­ling bis Herbst aus­ge­tragen – eine Gehalts­ober­grenze von 3,1 Mil­lionen Euro im Jahr pro Spieler ein.

Doch die meisten Pro­fi­klubs sind wei­terhin auf mas­sive finan­zi­elle Inves­ti­tionen ange­wiesen. Wenn sie aus­bleiben oder zurück­ge­zogen werden, fehlt dem System die Basis. Gegen­über dem That’s Maga­zine sagte Cameron Wilson: Die Chi­nesen haben viel in neue Spiel­fel­dern und auf die Ama­teur-Ebene inves­tiert, aber das Pro­blem ist, dass in China keine rich­tige Fuß­ball­kultur exis­tiert.“ Es gebe in China kein natür­li­ches Inter­esse am Fuß­ball. Hinzu kommen die schwie­rigen Fuß­ball­be­din­gungen in den Städten. Wie willst du etwa in Shanghai Fuß­ball spielen? Es fehlt an Platz und Infra­struktur.“ Der natio­nale Durch­bruch im Fuß­ball bleibt in China des­halb vor­erst aus. Die fetten Jahre im chi­ne­si­schen Pro­fi­fuß­ball sind jeden­falls erst einmal vorbei.