Hat er Kon­se­quenzen jemals härter erfahren müssen als in diesem Augen­blick? Natür­lich, er hatte alles getan, um sich zu ent­lasten. Doch dieses Mal ließen die Ver­ant­wort­li­chen nicht Gnade vor Recht ergehen. Joseph Blatter, wohn­haft am Zürichsee und im Wallis, von Beruf haupt­amt­li­cher Prä­si­dent des Welt­ver­bandes FIFA und im Lande bes­tens ver­netzt, wurde ver­ur­teilt. Für ein wag­hal­siges Über­hol­ma­növer mit fol­gender Fron­tal­kol­li­sion nahm ihm die Wal­liser Dienst­stelle für Stra­ßen­ver­kehr und Schiff­fahrt für einen Monat den Füh­rer­schein ab, Blat­ters getunter Mer­cedes war mit seinen 525 PS ein­fach zu schnell gewesen.



Es war eine Pre­miere. Denn zuvor hatte es stets so gewirkt, als schütze ein Bad im Dra­chen­blut den großen FIFA-Vor­sit­zenden vor behörd­li­cher Ver­fol­gung. Der Schweizer ist die schil­lerndste Figur der an eigen­tüm­li­chen Cha­rak­teren nicht eben armen inter­na­tio­nalen Sport­po­litik. Es kommt nicht oft vor, dass der eigene Ver­band gegen seinen Vor­sit­zenden den Antrag auf Straf­ver­fol­gung stellt. Und es kommt noch sel­tener vor, dass einer solche Manöver unbe­schadet über­steht. Doch dazu später mehr.

Zwölf Jahre steht er mitt­ler­weile an der Spitze des Welt­ver­bandes, als dessen Prä­si­dent Sepp Blatter, der sich im Zuge seines Auf­stiegs Joseph S. zu nennen begann, über ein ein­zig­ar­tiges Gut gebietet: den Welt­fuß­ball. Das Monopol beschert dem Dach­ver­band jähr­lich Ein­nahmen in Mil­li­ar­den­höhe und im Rekord­jahr 2006 einen Gewinn von 249 Mil­lionen US-Dollar. Unter­schwellig ver­steht sich die FIFA als Kon­zern, obwohl der Ver­band laut schwei­ze­ri­schen Rechts als eine steu­er­freie gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tion nicht einmal einen Über­schuss erwirt­schaften dürfte.

Eine solche Firma weckt Begehr­lich­keiten, und wer Bewer­bern mit der Ver­gabe der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft winken kann, der geht auch bei Staats­chefs ein und aus. Die Rei­se­tä­tig­keit Blat­ters über­trifft die der meisten Außen­mi­nister, dem Glo­be­trotter scheint die Betrieb­sam­keit zu gefallen. Wenn er nicht First Class fliegt, mietet er nicht selten gleich einen Jet, um sich stan­des­gemäß zu bewegen. Eitel­keit ist zwar eine Schwäche, jus­ti­tiabel ist sie jedoch nicht. Und so kam das Magazin der Neuen Zür­cher Zei­tung“ kaum mit dem Zählen nach: In der Blatter-Geburts­tags­nummer des haus­ei­genen FIFA-Maga­zins erreicht der Per­so­nen­kult um den Geehrten mit 33 Abbil­dungen gera­dezu sta­li­nis­ti­sches Niveau.“

Blatter steht für einen end­gül­tigen Wandel der FIFA. Früher“, sagte einmal ein Mann aus dem inneren Zirkel des Welt­ver­bandes, hatten die Prä­si­denten im Sport das Pri­vileg des Opfers. Heute haben sie das Pri­vileg des Pro­fits.“ Damals also mussten die Prä­si­denten es sich leisten können, auch einmal Spesen oder ein Defizit in der Ver­bands­kasse aus eigener Tasche zu beglei­chen. Die Sport­po­litik auf inter­na­tio­nalem Niveau war ein ebenso eli­tärer wie ver­mö­gender Her­ren­klub, dessen Mit­glieder vor­wie­gend aus dem angel­säch­si­schen Raum kamen. Nicht wenige von ihnen wurden in den Adels­stand erhoben worden, wie der frü­here FIFA-Prä­si­dent Sir Stanley Rous, Eng­länder und pas­sio­nierter Schieds­richter. Nicht nur die­je­nigen, die ein folk­lo­ris­ti­sches Bild der FIFA zeichnen, nennen ihn einen Mann, der viel von Fair­play hielt. Die FIFA, wie Rous sie ver­trat, war selbst nach offi­zi­eller Lesart der Ver­bands­his­torie eine recht kon­ser­va­tive und in ihren Ent­schei­dungen zurück­hal­tende Orga­ni­sa­tion“.

Der Sie­geszug des Fern­se­hens spielte der FIFA in die Karten


Wer heute den Mil­li­ar­den­kon­zern FIFA betrachtet, der kann sich nur dar­über wun­dern, wie inner­halb weniger Jahr­zehnte eine wun­der­same Geld­ver­meh­rung statt­ge­funden hat. Damals war nur alle vier Jahre Zahltag: Die Finanzen stammten aus­schließ­lich aus den Gewinnen, die die Durch­füh­rung der Welt­meis­ter­schaft abwarf. Mit diesen Gewinnen musste die Arbeit der nächsten vier Jahre bestritten werden. Es schien kaum mög­lich, mehr zu errei­chen, ohne grö­ßere Risiken ein­zu­gehen.“ Viel­leicht ist die kon­ser­va­tive Hal­tung Rous zum Ver­hängnis geworden. Denn zu Beginn der sieb­ziger Jahre machte sich eine kleine Gruppe ambi­tio­nierter Sport­funk­tio­näre auf den Weg, die erkannt hatte, dass mit dem Sport und vor allem im Fuß­ball viel mehr Geld zu ver­dienen war, als es die FIFA bisher tat. Das war nicht etwa das Ver­dienst der Funk­tio­näre, son­dern dem Fern­sehen geschuldet, das nun auch noch in Farbe aus­strahlte und dessen neu­este tech­ni­sche Ent­wick­lung sich zufällig mit dem dritten WM-Tri­umph der Bra­si­lianer deckte. 1970 flim­merten aus Mexiko erst­mals bunte Bilder von einer Welt­meis­ter­schaft in die Wohn­zimmer. Und sie zeigten ein bra­si­lia­ni­sches Team, das im Finale den Ita­lie­nern mit 4:1 keine Chance ließ.


Im selben Jahr ver­lieh ein Mann seinen Ambi­tionen für das Amt des FIFA-Prä­si­denten Nach­druck: Joao Have­lange, mit vollem Namen Jean-Marie Faustin Gode­froid de Have­lange. Ebenso ein­drucks­voll wie sein Name war auch seine Erschei­nung, die sich hinter der von Rous nicht zu ver­ste­cken brauchte: Have­lange machte was her, einst war er Schwimmer und Was­ser­baller, er hatte zweimal an Olym­pi­schen Spielen teil­ge­nommen, 1936 in Berlin als Schwimmer, 1952 in Hel­sinki als Was­ser­baller. Dass er nicht aus dem Fuß­ball kam, dass ihm der Stall­ge­ruch als Kicker, Trainer oder Referee fehlte, machte er schnell wett. Denn Have­lange ver­stand es wie kein Zweiter, ein Bezie­hungs­netz zu spannen.

Kan­didat Have­lange bereiste mehr Länder als der Papst

Er bereiste den Globus, er flog nach Afrika und auch in manch obskuren Insel­staat, er reiste in mehr Länder als der Papst, um für sich zu werben. Spieler wie Pelé, der sich später von Have­lange ent­schieden distan­zierte, polierten sein Image als Freund des Sports auf. Er setzte auf Afrika und Asien – und schuf damit jene Struk­turen für den Macht­er­halt, derer sich noch heute Sepp Blatter bedient, der nicht auf die Starken, son­dern die Schwa­chen setzt, da im System der FIFA jede Stimme gleich viel zählt. Sir Stanley Rous hin­gegen setzte auf Kom­pe­tenz und Sach­ver­stand – und verlor. Have­langes Stab leis­tete beim FIFA-Kon­gress 1974 in Frank­furt ganze Arbeit. Obwohl Rous sich die Unter­stüt­zung des bereits damals ein­fluss­rei­chen Adidas-Chefs Horst Dassler gesi­chert hatte, siegte knapp der Bra­si­lianer, der im Augen­blick des Sieges die Gefahr erkannte, die von einem mäch­tigen Sponsor wie Dassler aus­ging. Beide arran­gierten sich später aller­dings bes­tens, zum gegen­sei­tigen Nutzen.

Der Gewinner ver­zich­tete darauf, seinen Tri­umph in vollen Zügen aus­zu­kosten. Have­lange über­ließ Rous das Feld wäh­rend der Welt­meis­ter­schaft 1974 und ver­schwand nach Bra­si­lien. Er ließ seinen Vor­gänger seine Auf­gabe zu Ende bringen. Franz Becken­bauer emp­fing den Pokal aus den Händen von Rous. Den­noch war Have­lange in Sachen Eitel­keit ein gleich­wer­tiger Vor­gänger Blat­ters. Chro­nisten ver­dich­teten sein Faible für Orden und Titel zur Ver­ball­hor­nung Ritter Sport“ – er ist Ritter des schwe­di­schen Wasa­or­dens, der fran­zö­si­schen Ehren­le­gion und auch Träger des sene­ga­le­si­schen Löwen­or­dens, und keine Auf­zäh­lung darf ohne den Titel Ekwueme („Der Mann, der sein Ver­spre­chen hält“) aus­kommen, den ihm der nige­ria­ni­sche Dik­tator Sani Abacha ver­lieh. Have­lange revan­chierte sich und vergab eine Junioren-WM nach Nigeria, obschon zuvor neun Oppo­si­tio­nelle um den Schrift­steller Ken Saro Wiwa hin­ge­richtet worden waren. So hielt der Ritter Einzug am Zür­cher Son­nen­berg. Und kaum ein Jahr später stieß auf Emp­feh­lung eines Schweizer Sport­funk­tio­närs Sepp Blatter zur FIFA, deren kom­pro­miss­loser Wei­ter­ent­wick­lung sich das dyna­mi­sche Duo fortan wid­mete.

Was aber war Blat­ters Antrieb? Noch heute kur­sieren hart­nä­ckige Gerüchte, Blatter sei einst von Adidas in den Apparat ein­ge­schleust worden; ein will­fäh­riger Helfer des Kon­zerns aus Her­zo­gen­au­rach, der seine Spit­zen­stel­lung im Sport­ar­ti­kel­ge­schäft aus­zu­bauen ver­suchte. Blatter bezog damals in der Tat ein Büro bei Adidas, bestreitet aber bis heute vehe­ment, vom Aus­rüster bezahlt worden zu sein. Doch Robert Louis-Dreyfus, der später zum Mehr­heits­ak­tionär werden sollte, berich­tete einst: Ich habe erfahren, dass Sepp Blatter zu Beginn seiner Tätig­keit von Adidas bezahlt wurde, weil die FIFA nicht das Geld dafür hatte.“ Eine Kon­stel­la­tion, die alles über den dama­ligen Zustand des Welt­ver­bandes aus­sagt.
Have­lange und Blatter machten sich jeden­falls auf, das kom­mer­zi­elle Defizit der FIFA zu besei­tigen.

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