Vor ein paar Wochen hat die neue Bun­des­li­ga­saison begonnen. Wie sehen Sie als Wis­sen­schaftler die schritt­weise Öff­nung der Sta­dien für Zuschauer?
Die schritt­weise Öff­nung der Sta­dien passt zum Tenor der Politik hin­sicht­lich Öff­nungen in allen anderen gesell­schaft­li­chen Berei­chen. Ich finde diese Ent­schei­dung für den Fuß­ball min­des­tens ange­messen. 25.000 Men­schen in einem Sta­dion ist schon eine gute Ansage. Neue For­de­rungen zur Bei­le­gung der Kapa­zi­täts­be­gren­zung für Sta­di­on­be­su­cher von DFL-Seite und einigen Mana­gern finde ich aller­dings unmög­lich. Es ist völlig über­zogen und ver­messen, hier auch noch gegen klagen zu wollen. Der Fuß­ball wurde in den zurück­lie­genden Monaten schon genug pri­vi­le­giert.

Sie haben Ende ver­gan­genen Jahres davon gespro­chen, dass die Fans wäh­rend der Corona-Pan­demie gemerkt haben, wie groß die Dif­fe­renz zwi­schen der eigenen Lebens­wirk­lich­keit und dem Pro­fi­fuß­ball ist und dass sich nicht zuletzt durch die vielen Geis­ter­spiele viele mil­lio­nen­fach abwenden würden. Ist das aus ihrer Sicht so ein­ge­treten?
Ich würde die These heute unter­strei­chen. Die Natio­nal­mann­schaft ist ein gutes Bei­spiel. Das Team hat Fans in allen Teilen der Gesell­schaft. Genau hier ist eine mil­lio­nen­fache Abwen­dung ein­ge­treten. Das kann man an objek­tiven Kri­te­rien, wie Ein­schalt­quoten oder Ticket­ver­käufen, sehen. Die Ein­schalt­quoten wäh­rend der EM sind bei­spiels­weise dra­ma­tisch zurück­ge­gangen. Auch in der Bun­des­liga ist ein ähn­li­cher Trend zu beob­achten. Es wird größ­ten­teils nicht einmal die erlaubte Aus­las­tung von 50 Pro­zent Sta­di­on­ka­pa­zität erreicht. Das werte ich als wei­teres Indiz für die Abwen­dung der Fans.

Haben Sie eine Erklä­rung hierfür?
Ich bin für meine These damals heftig kri­ti­siert worden. Wir müssen etwas hin­ter­fragen, was bis 2019 selbst­ver­ständ­lich war. Es wird im Pro­fi­fuß­ball schon lange aus­schließ­lich nach öko­no­mi­schen Maß­stäben ope­riert. Allein die Attrak­ti­vität des Sports steht im Fokus.

Was sollte Ihrer Mei­nung nach im Fokus stehen?
Es fehlen tie­fer­ge­hende Ana­lysen. Der Fuß­ball ist eigent­lich relativ unat­traktiv im Ver­gleich zu anderen Sport­arten, wird gesell­schaft­lich aber enorm auf­ge­laden. Die Fan­bin­dung ist ent­schei­dend. Die Wäh­rung des Fuß­balls sind die Bedeu­tungs­zu­schrei­bungen der Fans. Diese Bedeu­tungs­zu­schrei­bungen sind wäh­rend der Pan­demie ver­lo­ren­ge­gangen. Die Men­schen sind seit Pan­de­mie­be­ginn weniger bereit dazu, ins Sta­dion zu gehen. Für viele reicht es aus, am Abend in der Sport­schau eine Zusam­men­fas­sung der Spiele zu sehen. Es gibt immer weniger Iden­ti­fi­ka­ti­ons­flä­chen zwi­schen Fans und Ver­einen.

Hatten die Geis­ter­spiele der Ver­gan­gen­heit auch einen Unter­hal­tungs­wert oder haben Sie zur Ent­emo­tio­na­li­sie­rung des Fuß­balls bei­getragen?
Der Begriff Ent­emo­tio­na­li­sie­rung trifft es gut. Er wurde von mir bereits vor einigen Monaten in die Debatte ein­ge­bracht. Die Kom­mu­ni­ka­tion über den Fuß­ball hat sich ins­ge­samt ver­sach­licht. Die Wäh­rung im Pro­fi­fuß­ball sind die Zuschauer. Wenn das Spiel weniger bedeutsam ist, dann ist es auch weniger wert­voll.

Die Wäh­rung im Pro­fi­fuß­ball sind die Zuschauer“

Viele Ultra­grup­pie­rungen ver­wei­gerten zuletzt wegen Test­pflicht und Abstands­re­ge­lungen den Sta­di­on­be­such. Wie unter­scheidet sich die Moti­va­tion eines Sta­di­on­be­su­ches zwi­schen einem Anhänger einer Ultra­grup­pie­rung und einem nor­malen“ Fan?
Das Ultra­phä­nomen ist schon recht gut erforscht. Die Ultra­grup­pie­rungen sind die ganze Woche rund um die Uhr in Gedanken und Gesprä­chen bei ihren Ver­einen. Ihre Anhänger haben eine Ten­denz zur Selbst­in­sze­nie­rung und fallen häufig durch aus­ge­fal­lene Cho­reo­gra­fien auf, die oft­mals sport­po­li­ti­sche For­de­rungen mit sich bringen. Sie haben Spaß daran. Dass viele Ultras zur­zeit den Sta­di­on­be­such ver­wei­gern, ist eine Form dieser Selbst­in­sze­nie­rung.

Der euro­päi­sche Fuß­ball hat sich in den letzten Jahren zu einem Mil­li­arden-Markt ent­wi­ckelt. Die Trans­fer­ab­lö­se­summen sind in die Höhe geschnellt, jüngstes Bei­spiel hierfür ist der Transfer von Super­star Lionel Messi zu Paris Saint Ger­main. Da bleibt kein Platz mehr für Fuß­ball Roman­tiker, oder?
Wir erleben, dass bei den Spie­ler­ge­häl­tern und Trans­fer­ab­lö­se­summen nach oben hin keine Grenzen gesetzt sind und das inmitten einer Pan­demie. DFL-Chef Chris­tian Sei­fert initi­ierte vor einigen Jahren die Grün­dung einer Arbeits­gruppe zur Ein­füh­rung von Gehalts­ober­grenzen und die Bil­dung einer Task-Force-Pro­fi­fuß­ball.

Mit dem Ergebnis?
Beides brachte keine nen­nens­werten Ver­än­de­rungen. Ins­be­son­dere letz­teres blieb nicht viel mehr als eine PR-Ver­an­stal­tung, die zu allem Über­fluss auch noch von der DFL mode­riert und als ein­zig­ar­tiges Pro­jekt prä­sen­tiert wurde. Die Task-Force hatte keinen Ein­fluss auf das ope­ra­tive Geschäft und war nie mit Ent­schei­dern besetzt. Die Bun­des­liga glänzt aktuell hin und wieder im Schatten der Kon­kur­renz aus Spa­nien und Eng­land. Es gibt keine Riesen-Trans­fers und der Bei­tritt zur Super-League stand bei den deut­schen Ver­einen nicht zur Debatte. Außerdem fielen viele Ver­eine durch die Aus­rich­tung von Impf­ak­tionen positiv auf. Das ist eine gute Ent­wick­lung.

Harald Lange, 53

ist seit 2009 Pro­fessor für Sport­wis­sen­schaft an der Uni Würz­burg, Gründer des Insti­tuts für Fan­kultur e.V. und Dozent für Sport­päd­agogik an der Trai­ne­r­aka­demie des DOSB.

Wird die Ver­mark­tung und Kom­mer­zia­li­sie­rung des Profi-Fuß­balls weiter vor­an­schreiten?
Das bleibt abzu­warten. Uns in der Bun­des­liga schützt vor der Über­nahme aus­län­di­scher Inves­toren und einer wei­teren Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls nur noch die 50+1‑Regel. Die Mehr­heit des Ver­eins muss bei den Mit­glie­dern liegen. Ent­wick­lungen wie bei Hertha BSC und deren Investor Wind­horst sind aller­dings schon grenz­wertig. Inves­toren benutzen Klubs wie Spiel­zeuge. Es braucht klare Rege­lungen und Vor­gaben von der DFL. Damit kann wieder Glaub­wür­dig­keit ent­stehen.

Hat sich das Fantum in den anderen Sport­arten, außer Fuß­ball, durch die Corona-Pan­demie gra­vie­rend geän­dert?
Man hat sich ver­sucht am Fuß­ball zu ori­en­tieren. In vielen Sport­arten war aller­dings oft kein Geld da, um Geis­ter­spiele zu finan­zieren. Am Ende stand der Sai­son­ab­bruch. Der Fuß­ball kann sich im Gegenzug auf Kom­merz beschränken. Im Bas­ket­ball fand man eine pfif­fige Lösung und trug die rest­li­chen Sai­son­spiele in einem Final-Tur­nier in Mün­chen aus. In Sport­arten wie Leicht­ath­letik und Schwimmen mussten die Sportler impro­vi­sieren. Auf finan­zi­elle Unter­stüt­zung konnten sie nicht hoffen.

Dieses Inter­view erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Ber­liner Tages­spiegel.