Herr Zickler, Borussia Mön­chen­glad­bach emp­fängt als Tabel­len­führer den FC Bayern Mün­chen – eine Kon­stel­la­tion, die es in den 70er Jahren häufig gab, als Glad­bach und Bayern die Bun­des­liga domi­nierten, im Dezember 2019 aber eine kleine Sen­sa­tion ist. Wissen die Spieler um die His­torie dieses Duells?

Dar­über wird in den Medien viel berichtet. Aber für uns im Trai­ner­team und in der Mann­schaft ist das kein großes Thema. Ange­sichts des dichten Spiel­plans haben wir wenig Zeit, um über die Ver­gan­gen­heit zu spre­chen. Wir beschäf­tigten uns mit dem Hier und Jetzt.

Das Spiel gegen den FC Bayern Mün­chen ist für jeden Gegner in der Bun­des­liga ein ganz beson­ders. Das haben Sie früher als Stürmer beim FC Bayern selbst zu spüren bekommen. Besteht die Gefahr, dass Spieler in sol­chen Par­tien über­mo­ti­viert sind?

Auf jeden Fall. Euphorie ist das eine, aber man darf nicht über das Ziel hin­aus­schießen. Es gehören Mut und Selbst­ver­trauen, aber auch ein kühler Kopf dazu, um gegen den FC Bayern Mün­chen zu bestehen – auch wenn man als Tabel­len­führer auf Bayern trifft. Wir brau­chen nie­manden auf dem Platz, der durch­dreht. Es ist immer gut, wenn man zu elft eine Partie beendet.

Sie sind im Sommer als Co-Trainer mit Marco Rose zu Borussia Glad­bach gekommen. Was war Ihr erster Ein­druck?

Die Infra­struktur, das Sta­dion, die Trai­nings­be­din­gungen, aber auch die Leute, das ist alles sehr positiv. Egal, ob Fans, Ange­stellte im Verein oder Staff-Mit­glieder – alle sind sehr offen und haben uns den Start sehr leicht gemacht. Man hat ganz ein­fach das Gefühl, als wäre man schon sehr lange hier. Die Fans gehen auch sehr locker mit meiner Bayern-Ver­gan­gen­heit um. Zum Trai­ning kommen immer wieder mal Leute mit alten Bayern-Tri­kots, auf denen ich unter­schreiben soll. Und wenn ich das tue, haben unsere Fans kein Pro­blem damit. Das wäre wahr­schein­lich nicht überall so.

In der Regel wech­selt ja heut­zu­tage nicht nur der Chef­trainer, son­dern große Teile des Trai­ner­teams den Verein. Hat Marco Rose Sie in seine Ent­schei­dung ein­ge­bunden, als es darum ging nach dem Enga­ge­ment bei RB Salz­burg eine neue Her­aus­for­de­rung zu suchen?

Ja, Marco hat uns da ein­be­zogen. Wir hatten ja in Salz­burg eine erfolg­reiche Zeit, auch weil wir als Team sehr gut funk­tio­niert haben. Es gab dann einige Anfragen. Da waren viele gute Ver­eine dabei. Marco hat immer wieder nach­ge­fragt, wie wir das im Trai­ner­team so sehen.

Was gab letzt­lich den Aus­schlag für Borussia Mön­chen­glad­bach?

Die Mann­schaft hatte ja schon in der ver­gan­genen Saison gut gespielt. Man hat da bereits sehen können, dass in diesem Team extrem viel fuß­bal­le­ri­sche Qua­lität steckt. Außerdem waren die Gespräche mit der Ver­eins­füh­rung sehr ange­nehm. Dazu noch die His­torie und die Fan­kultur – das Bauch­ge­fühl war ein­fach gut.

Tat­säch­lich scheint es eine sehr frucht­bare Bezie­hung zu sein – obwohl der Start mit vier Punkten aus drei Spielen und einem 0:4 in der Europa League gegen den Wolfs­berger AC aus Öster­reich eher holprig war…

Aber es ist Ruhe bewahrt worden. Und das ist auch ein Stück weit eine Qua­lität dieses Ver­eins. Wir hatten bei unserem Start in Glad­bach einige richtig gute Dinge über­nommen, aber auch neue Ideen ein­ge­bracht. Da braucht es ein biss­chen, bis die Spieler merken, dass das funk­tio­niert. Wichtig war das Spiel gegen Düs­sel­dorf nach der Nie­der­lage in der Europa League. Auch gegen die For­tuna lagen wir zurück, haben uns aber zurück­ge­kämpft und das Spiel gedreht. Das war vor allem eine Sache der Men­ta­lität.

Die neue Borussia unter Marco Rose steht für schnellen, inten­siven Fuß­ball.

Wir ver­tei­digen sehr offensiv mit einem sehr schnellen Umschalt­spiel – da kommt für die Spieler schon der eine oder andere Meter zusammen. Es hat etwas gedauert, bis die Spieler das ange­nommen haben.

Für Marco Rose gibt es der­zeit von allen Seiten sehr viel Lob. Berti Vogts hat ihn kürz­lich sogar in die Nähe von Borussia-Trai­ne­rikone Hennes Weis­weiler gerückt. Wie geht Marco Rose damit um?

Extrem ent­spannt. Es gibt Men­schen, die ver­än­dern sich, wenn sie von allen Seiten gelobt werden. Manche drehen viel­leicht sogar durch. Marco ist weiter der Trainer und Mensch, der er beim Start in Glad­bach war. Er geht auf die Leute zu, spricht viel mit den Spie­lern, lobt sie, weiß aber auch, wann und wie man sie kri­ti­sieren muss. Er hat ein sehr gutes Gespür für den rich­tigen Umgang mit einer Mann­schaft. Er sucht aber auch das Gespräch mit allen anderen im Verein – egal was ihre Auf­gabe ist.

Wäh­rend der zwölf Jahre als Spieler beim FC Bayern Mün­chen haben Sie einige Trainer mit großen Namen kommen und wieder gehen sehen. Wer hat Ihnen am meisten impo­niert?

Gio­vanni Tra­pat­toni und Ottmar Hitz­feld. Trap war für mich als junger Spieler sehr, sehr wichtig. Bei Ottmar Hitz­feld habe ich bewun­dert, wie er es geschafft hat, aus einer Viel­zahl von Stars eine Ein­heit zu formen.

Sie kamen als 19-Jäh­riger zum FC Bayern…

…nachdem ich gerade mal bei Dynamo Dresden ein halbes Jahr in der Bun­des­liga gespielt hatte – ein Wahn­sinn. Natür­lich war ich anfangs zwi­schen all den Stars sehr nervös. Ich habe ver­sucht, viele Dinge auf­zu­nehmen und von den Besten zu lernen. Vor allem Lothar Mat­thäus, Thomas Helmer und Rai­mond Aumann haben sich in der Anfangs­zeit um mich geküm­mert. Lothar hat mir nach dem Trai­ning die Stadt gezeigt oder ist mit mir zum Essen gegangen. Bei Thomas war ich zum Früh­stück ein­ge­laden, damit ich in der Früh nicht alleine dasaß. Und Rai­mond hat sich in der Kabine und auf dem Platz um mich geküm­mert. Es war keine Rund-um-Betreuung – schlafen musste ich schon allein. Aber man hat sich wirk­lich um mich und die anderen Nach­wuchs­spieler wie Didi Hamann und Chris­tian Ner­linger bemüht.

Sie gewannen mit dem FC Bayern Mün­chen unter anderem sieben deut­sche Meis­ter­titel und 2001 die Cham­pions League…

Es war wirk­lich eine sehr coole Zeit – bis auf die beiden letzten Jahre.

Ihnen musste ein gut­ar­tiger Tumor am Unter­schenkel ent­fernt. Danach folgten gleich meh­rere Schien­bein­brüche.

Zuerst ein Ermü­dungs­bruch, dann ein glatter Schien­bein­bruch und am Ende noch ein Rota­ti­ons­bruch. Ich konnte zwei Jahre lang mehr oder weniger nicht spielen. Und trotzdem habe ich die volle Unter­stüt­zung vom Verein bekommen.

Ins­be­son­dere Uli Hoeneß sind Sie sehr dankbar.

Als damals mein Ver­trag beim FC Bayern aus­lief, hat mich Uli ange­rufen und meinte ich soll bei ihm vor­bei­schauen. Also bin ich auf Krü­cken in sein Büro gehum­pelt. Viele hatten gesagt, dass das bei mir nichts mehr wird. Aber Uli fragte mich, ob ich es nochmal pro­bieren will. Ich sagte ja. Und dann hat er einen Ver­trag aus der Schub­lade gezogen. Uli hat mir die Zeit gegeben, mir die not­wen­dige medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ermög­licht, und so konnte ich später dann nochmal bei RB Salz­burg spielen. Es war eine Art Gegen­leis­tung dafür, dass ich dem FC Bayern jah­re­lang die Treue gehalten hatte. Der Uli ist natür­lich jemand, der pola­ri­siert, aber ich schätze ihn sehr als Mensch.

Zurück zur Gegen­wart: Sollte der FC Bayern das Spiel gegen Ihr Team ver­lieren, läge der Rekord­meister sieben Punkte hinter Glad­bach. Was würde das für den Rekord­meister und was für Borussia Mön­chen­glad­bach bedeuten?

Für uns ist es wichtig, an die Leis­tungen der letzten Spiele anzu­knüpfen und mutig zu sein. Unsere Fans sollen nach dem Spiel mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass die Jungs auf dem Platz alles gegeben haben. Dass wir der­zeit ganz oben stehen, dahinter steckt harte Arbeit. Da müssen wir wei­ter­ma­chen. Es darf keine Zufrie­den­heit auf­kommen. So ein Lauf kann auch schnell mal vorbei sein.