Es war ein selt­samer Begriff, der in jenen Tagen des Aprils 2021 um die ver­suchte Grün­dung der Super League aus dem Kreis der Ver­schwörer nach außen drang. Legacy Fans“ nannten einige der Klub­ver­treter hinter vor­ge­hal­tener Hand ihr tra­di­tio­nelles Publikum. Der Begriff war neu, und er war häss­lich. In man­chen Geschäfts­kreisen wird näm­lich der Begriff Legacy Hires“ für Mit­ar­beiter benutzt, die man bei der Über­nahme eines Unter­neh­mens vor­findet und durch neue ersetzen will, die den eigenen Vor­stel­lungen besser ent­spre­chen. Sie sind also nichts anderes als Alt­lasten, und genau so schauten einige Klub­bosse auf ihr Publikum. Im Zuge der Super League wollten sie dieses Publikum durch die Fans von morgen“ ersetzen.

Buchcover

Dieser Text stammt aus dem neuen Buch unseres Kol­legen Chris­toph Bier­mann: Um jeden Preis. Die wahre Geschichte des modernen Fuß­balls von 1992 bis heute.“ Es ist gerade bei Kie­pen­heuer & Witsch erschienen. (250 Seiten, 18 €) – Zum Erscheinen ver­losen wir 1×2 Tickets für die Buch­pre­miere im Deut­schen Theater am Montag, 10.10., in Berlin. Schickt zur Teil­nahme am Gewinn­spiel eine Mail mit dem Betreff Um jeden Preis“ an gewinnspiel@​11freunde.​de.

Wie sie auf die Idee dazu kamen, erläu­terte Flo­ren­tino Pérez, der Prä­si­dent von Real Madrid. Er kämpfte auch nach dem Zusam­men­bruch der Super League noch weiter für die Idee, und eines seiner Haupt­ar­gu­mente für die Super League war die angeb­liche Unzu­frie­den­heit junger Leute bzw. deren stei­gendes Des­in­ter­esse am Fuß­ball. Wir müssen dar­über nach­denken, warum die 16- bis 24-Jäh­rigen nicht mehr am Fuß­ball inter­es­siert sind“, erklärte Pérez. Junge Leute hätten näm­lich auf­ge­hört, sich für Fuß­ball zu inter­es­sieren, weil sie ihn langsam und lang­weilig fänden und nicht in der Lage sind, ein kom­plettes Spiel zu sehen“.

Das moderne Fantum“

Er bezog sich dabei ver­mut­lich auf eine im Herbst 2020 ver­öf­fent­lichte reprä­sen­ta­tive Unter­su­chung, die von der Euro­pean Club Asso­cia­tion (ECA) in Auf­trag gegeben worden war. Die ECA ist eine Lob­by­or­ga­ni­sa­tion, in der Real Madrid eine füh­rende Rolle spielte. Für die Studie waren 14.000 Per­sonen in sieben ver­schie­denen Län­dern, oder wie es dort hieß: Märkten“, befragt worden. Neben den großen euro­päi­schen Fuß­ball­na­tionen Eng­land, Spa­nien und Frank­reich gehörten die klei­neren Nie­der­lande und Polen dazu sowie außer­halb Europas Bra­si­lien und Indien. Die Studie sollte Aus­kunft über modernes Fantum“ geben. 

Wie wis­sen­schaft­lich stich­haltig sie war, dazu kann man nur Ver­mu­tungen anstellen, denn sie war eher intrans­pa­rent. Die Befra­gung ergab aber tat­säch­lich, dass die Fuß­ball­be­geis­te­rung bei den 16-bis 24-Jäh­rigen im Ver­gleich zur jün­geren Alters­gruppe der Fans abnahm. Aller­dings war die Schluss­fol­ge­rung der Studie eine andere als die von Pérez, denn dort hieß es: Ist dieser Befund spe­zi­fisch für diese Genera­tion, oder hat es diese vor­über­ge­hende Ver­schie­bung unter den Fans schon immer gegeben?“ Die Vor­sicht war ange­bracht, denn an der Grenze von der Kind­heit zum Jugend­alter wurden immer schon andere Dinge wich­tiger als die kind­liche Fuß­ball­be­geis­te­rung: Schule, Aus­bil­dung und vor allem die ersten Lie­bes­be­zie­hungen.