Wenn die Copa­ca­bana die Seele Bra­si­liens dar­stellt, dann ist die Ave­nida Pau­lista ihr pul­sie­render Herz­schlag. Nir­gends lässt sich die Dis­kre­panz des Schwel­len­lands besser beschreiben als an der Pracht­straße Sao Paulos. Dort, wo ges­tern Fans aller vier Ver­eine der Stadt auf Anhänger von Prä­si­dent Jair Bol­so­naro trafen. Dort, wo sich am Nach­mittag stra­ßen­kamp­f­ähn­liche Szenen abspielten. Und der Ein­druck erweckt wurde, dass im Kampf gegen einen Poli­tiker mal wieder Fuß­ball­fans eine füh­rende Rolle spielen werden.

Demo­kratie” war auf den Trans­pa­renten zu lesen. Nie mehr Dik­tatur”. Und überall das Logo von SC Corin­thians. Auf Tri­kots, Fahnen und den Masken der Pro­tes­tie­renden. Hun­derte Fans gingen am Sonntag auf die Straßen von Rio de Janeiro, Belo Hori­zonte und vor allem: Sao Paulo. Die Bilder von den Men­schen­massen auf der Ave­nida Pau­lista, die vor der MASP, dem bekann­testen Museum des Landes, auf Poli­zisten und Gegen­de­mons­tranten trafen, wurden noch am selben Tag zum Symbol eines auf­fla­ckernden Wider­stands gegen die Politik Bol­so­naros.

Im Sinne von Sócrates

Hier auf der Straße hatten sich in den letzten Wochen vor allem Anhänger des Prä­si­denten ver­sam­melt, der sich zuletzt eine öffent­liche Aus­ein­an­der­set­zung mit den Gerichten und dem Kon­gress gelie­fert hatte. Die Men­schen, die kamen, hatten für ihn pro­tes­tiert, gegen die regio­nalen Iso­la­ti­ons­maß­nahmen pro­tes­tiert und um mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion gebeten. Doch an diesem Sonntag kamen auch andere Men­schen.

Die Fans von Corin­thians FC zählen seit den späten 70er-Jahren zu den poli­tischsten Fans Süd­ame­rikas. Der Ruf war geboren, als der große Sócrates 1978 zum Klub kam und die Demo­cracia Corin­thiana ein­führte, die die Herr­schaft der Spieler über ihre Arbeit vorsah, und der nach den ersten zwei Meis­ter­schaften auch die Fans dazu auf­rief, gegen die Mili­tär­dik­tatur von General João Bap­tista Figuei­redo zu demons­trieren. Auf den Tri­kots waren For­de­rungen wie Demo­kratie jetzt!” zu lesen.

Die treuen Falken

Wir haben die Mili­tär­dik­tatur am eigenen Leib erlebt und wollen nicht dorthin zurück“, sagte Chico Mal­fi­tani vor­ges­tern vor Ort einem Reporter von Neues Deutsch­land. Er habe damals die Gruppe der Treuen Falken”, der Ultra­gruppe Corin­thians, mit­be­gründet. Und er stand am Sonntag zusammen mit den Falken auf der Ave­nida Pau­lista im Zen­trum der Stadt.

Dorthin hatten sich auch die Fans der übrigen großen Klubs der Region bewegt. Anhänger von Pal­meiras, vom FC Sao Paulo, vom FC Santos und Corin­thians schwenkten gemeinsam Fahnen, demons­trierten gegen die Anhänger Bol­so­naros.