Spiele gegen den VfL Wolfs­burg sind ja so etwas wie der Finanz­amts-Termin der Bun­des­li­ga­saison. Der Gegner ist bieder und unan­ge­nehm, es macht keinen Spaß, es lässt sich aber leider nicht ver­hin­dern, und am Ende geht es meist schlecht aus. Hin geht man natür­lich trotzdem, aber eher, naja, aus einer Art Pflicht­ge­fühl. Es hat ja nie­mand gesagt, dass Fuß­ball zwin­gend Spaß machen muss.

Am 12. Spieltag der lau­fenden Saison aber war alles anders. Ein­tracht Frank­furt emp­fing den VfL Wolfs­burg und ich war auf­ge­regt, aber so richtig. Nicht, weil ich end­lich die Gele­gen­heit bekam, Wout Weg­horst live zu sehen oder mir von Oliver Glas­ners berüch­tigtem Umschalt­spiel selbst ein Bild zu machen, son­dern weil es der Tag war, an dem ich die Fackel wei­ter­rei­chen würde.

Ich ver­klärte Ein­tracht Frank­furt zum größten Klub der Welt

Denn es ist doch so: Wenn wir klein und jung und unschuldig sind, betritt bei man­chen von uns ein Vater, eine Mutter, ein Onkel, Tante, Bruder, kurz: ein fuß­ballaf­finer Wer­au­chimmer die Bühne und lenkt das bein­fluss­bare Kin­der­seel­chen in Rich­tung eines bestimmten Fuß­ball­ver­eins. Ich habe oft dar­über nach­ge­dacht, ob das fair ist oder nicht, oh Gott, was habe ich dar­über nach­ge­dacht, meist an den kleb­rigen Theken die­siger Fuß­ball­kneipen, mit einem unin­spi­rierten 0:1 in Bie­le­feld im Rücken. Und irgend­wann bin ich zu dem Schluss gekommen: Mh.

In meinem Fall war es der Onkel, der mich einst mit zu Ein­tracht Frank­furt nahm, und seit ich selbst Onkel bin, sehe ich es als meine gott­ge­ge­bene Pflicht an, die Nei­gung zur SGE an meine Neffen wei­ter­zu­geben. Auch deren Bein­fluss­bar­keit nutzte ich in den ver­gan­genen Jahren schamlos aus, schenkte Tri­kots, Schals, ver­klärte Ein­tracht Frank­furt zum aller­größten Klub der Welt, wenn­gleich ich tief in mir drin genau wusste, dass die SGE nach drei Jahr­zehnten blei­ernen Mit­tel­maßes mög­li­cher­weise viel­leicht nur noch in den Top 3 der welt­besten Klubs war. Aber das mussten ja meine Neffen nicht erfahren, denen gegen­über ich von Uwe Bein und Anthony Yeboah erzählte wie andere Onkel ihren Neffen von Fabel­wesen aus Grimms Mär­chen oder dem Weih­nachts­mann.

Es fehlte die Taufe: der Sta­di­on­be­such

Zugute kam mir dabei, dass Ein­tracht Frank­furt aus einem wun­der­samen kos­mi­schen Zufall heraus, der mir noch immer absolut schlei­er­haft ist, zuerst den Pokal holte und dann eine erstaun­liche Saison mit noch erstaun­li­cheren Stür­mern spielte. Plötz­lich hatten meine Neffen eigene, echte Fuß­ball­fa­bel­wesen, über die wir aus­dau­ernd spra­chen. Nach Jahren harter Über­zeu­gungs­ar­beit, in der ich mich im Schweiße meines Ange­sichts gegen ihren zweiten Onkel durch­setzte, der einem völlig bedeu­tungs­losen Verein namens Borussia Dort­mund anhängt, fehlte schließ­lich nur noch eines, um die Allianz meiner Neffen mit meinem Her­zens­verein zu besie­geln. Die Taufe: der Sta­di­on­be­such. Und nach vielen Ver­spre­chungen und noch mehr geplatzten Ter­minen war es end­lich so weit.

Gegen Wolfs­burg. Ende November. Bei sieben Grad. Geht es schöner?