Werner Nickel, kennen Sie Charly Dörfel?
Klar. Als ich beim FC St. Pauli spielte, haben wir uns ein paar Mal bei mir getroffen und Platten auf­ge­legt. 

Experten unter sich.
Kann man so sagen. Charly war ein lus­tiger Vogel. Er besaß damals aber schon mehr Schall­platten als ich.
 
Er sagt, dass er 23.000 Schall­platten besitzt.
Ich hatte damals 10.000 Stück, 5000 Sin­gles, 5000 LPs. Ein­sor­tiert in einem sieben Meter langen und zwei Meter hohen Regal. Die Sin­gles habe ich aus Platz­gründen irgend­wann ver­scher­belt. Aktuell besitze ich etwa 7000 Platten und 5000 CDs. Ich habe ein schönes Regal, da sieht man das Holz gar nicht, son­dern hat das Gefühl, dass die Platten an der Wand schweben.
 
Dörfel muss auch damals schon sehr beein­druckt von Ihrem Ein­rich­tung gewesen sein?
Warum?
 
Sie sollen damals in Ihrer ganzen Woh­nung Laut­spre­cher­boxen auf­ge­stellt haben.
Ja, stimmt. Die Boxen standen überall, im Wohn­zimmer, im Schlaf­zimmer, sogar in Bad und Küche. Ohne Musik ging es ein­fach nicht.

» Bil­der­ga­lerie: Ey, Digger! – Fuß­baller und ihre Schall­plat­ten­samm­lungen

Kaum vor­stellbar, dass sich heu­tige Fuß­baller mit so viel Hin­gabe einem Hobby zuwenden.
Damals, in den sieb­ziger Jahren, war die Fuß­ball­welt ja auch noch eine andere. Ich war jeden­falls kein Profi im heu­tigen Sinne. Ich stu­dierte Anglistik, Sport und Päd­agogik, nebenher kickte ich in der Zweiten Liga für Ver­eine wie den FC St. Pauli, Mainz 05, Waldhof Mann­heim oder die Stutt­garter Kickers. Wenn man so will, war Fuß­ball mein eigent­li­ches Hobby.
 
Sie haben über 250 Zweit­li­ga­spiele gemacht und 85 Tore geschossen. Keine schlechte Quote. Wieso rief nie ein Bun­des­li­gist an?
Ich hatte zu Beginn meiner Kar­riere eine Anfrage von Han­nover 96, doch das Angebot aus Ham­burg reizte mich mehr. Es gab ein kleines Hand­geld und der FC St. Pauli hatte Bun­des­liga-Ambi­tionen. Zweimal schei­terten wir knapp in der Auf­stiegs­runde. Schön war auch die Zeit bei den Stutt­garter Kickers, wo ich mit Jürgen Klins­mann, Guido Buch­wald und Karl All­göwer gekickt habe.
 
Auch Plat­ten­sammler?
Nein, auf den Fahrten musste ich immer den DJ machen.
 
Mit einem por­ta­blen Plat­ten­spieler?
Leider nein. Aber damals kam ja die MC (Music-Cas­sette, d. Red.) auf den Markt. Sie kennen das: Platte auf­legen, Kas­sette rein, auf­nehmen und dann so lange hören, bis das Band nudelt.

Was für ein Typ Plat­ten­käufer waren Sie denn?
Ich hing viel auf Floh­märkten rum. Schnell mit dem Finger in die Kiste – kenn ich, hab ich, ah, eine kleine Perle, han­deln, fertig. Als die CD aufkam, herrschte Gold­grä­ber­stim­mung in den Plat­ten­läden, denn die Leute dachten, das Vinyl würde vom Markt ver­schwinden. Da habe ich oft Ramsch­posten gekauft, Kar­tons mit 200 bis 300 Platten. Das waren Glücks­käufe, und nicht immer wusste ich, welche Musik mich erwartet.
 
Kennen Sie die Geschichte von Warren Hill?
Der die Velvet-Under­ground-Scheibe kaufte?
 
Auf einem New Yorker Floh­markt fand er eines Tages eine Scheibe mit dem omi­nösen Auf­druck Velvet Under­ground. 4−25−66. Att N. Dolph“. Er kaufte sie für 75 Cent und stellte später fest, dass es sich um eine Dub­plate des ersten Velvet-Under­ground-Albums han­delte. Davon soll es nur zwei Stück welt­weit geben. Er ver­kaufte sie für 25.000 Dollar.
Fan­tas­tisch, nicht wahr? Ich habe zwar auch einige beson­dere Edi­tionen im Schrank, etwa vom weißen Beatles-Album, doch ich denke nicht, dass ich auf einem ähn­li­chen Schatz sitze.
 
Haben Sie Ihre Samm­lung denn nie kata­lo­gi­siert?
Das haben andere für mich gemacht.
 
Andere?
Vor einigen Jahren habe ich zwei Stu­denten damit beauf­tragt. Die sind sämt­liche Platten alpha­be­tisch durch­ge­gangen und haben sie in einem Doku­ment erfasst. Das war eine Hei­den­ar­beit.

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Welche Musik haben Sie denn früher am liebsten auf­ge­legt?
Ich bin Jahr­gang 1951 und Mitte der Sech­ziger über die Beatles und Stones zur Musik gekommen. Damals waren Ton­träger bei­nahe über­le­bens­wichtig (lacht). Es gab ja nur drei oder vier Radio­sender, und die dudelten immer das gleiche Zeugs.
 
Und heute?
Heute höre ich auch gerne Jazz und Soul. Auch moderne Pop- und Rock­musik. Super finde ich zum Bei­spiel den Song Heart Shaped Gun“ von der Sän­gerin Schmidt. Ich kaufe mir auch häu­figer die Musik-Zeit­schriften. In einer stand letz­tens eine Liste mit den besten 50 Sin­gles aller Zeiten, die habe ich mir alle auf meinen iPod gezogen.
 
Sie haben dem Vinyl abge­schworen?
Ich finde es schön, dass das Vinyl über­lebt hat, hier in Wies­baden hat kürz­lich erst wieder ein char­manter Laden auf­ge­macht. Ich lege heute sel­tener auf, manchmal gleiten meine Finger noch in Floh­markt­kisten und ziehen ver­ges­sene Stones-Platten raus. Das fühlt sich immer noch gut an. Trotzdem höre ich heute haupt­säch­lich über meinen iPod Musik. Da sind über 50.000 Songs drauf. (Pause) Was natür­lich auch irgendwie Quatsch ist – wann will ich das denn alles hören?