Seite 2: Die 10 auf dem Rücken

Genauso ist es mit Totti-Gesten und T‑Shirts aus gewon­nenen Derbys gegen Lazio, die viel­leicht banal waren, vielen aber unver­gess­lich geblieben sind. Dar­unter waren Lie­bes­er­klä­rungen an seine dama­lige Flamme und heu­tige Frau, Ilary Blasi. Nur er, der König von Rom, der sich nach dem Scu­detto-Gewinn 2001 einen Gla­dia­toren auf den rechten Oberarm täto­wieren ließ, konnte sich anmaßen, nach dem Der­by­sieg im Stile eines Cäsaren seine beiden Daumen über dem abstiegs­ge­fähr­deten Lazio zu senken. Für Roma-Anhänger sind diese Bilder wert­voller als alle Son­nen­blumen Van Goghs zusammen.

Totti hat lan­des­weit einen so großen Sym­pa­thie­bonus, dass der Schieds­richter Nicola Riz­zoli sich von ihm dreimal Leck mich am Arsch“ ins Gesicht sagen ließ und ihm dafür nur die Gelbe Karte zeigte. Dass er immer mal wieder die Nerven ver­liert, etwa bei seiner Spu­ck­at­tacke bei der EM 2004 gegen den Dänen Chris­tian Poulsen oder vor ein paar Jahren bei einem Tritt in die Waden Mario Balo­tellis, sehen ihm viele nach.

Zwei Mil­lionen Exem­plare mit Witzen über sich

Sein frü­heres Image vom igno­ranten Pro­leten, der keinen Satz unfall­frei zu Ende spre­chen kann, war damals schon auf­po­liert und mit einem schlauen Mar­ke­tingtrick in sein Gegen­teil umge­wan­delt. Wegen seiner angeb­li­chen Dumm­heit und seiner offen­sicht­li­chen Ein­falt bei Inter­views hatte Totti die Cara­bi­nieri als tra­di­tio­nelles Scherz­ob­jekt der Ita­liener abge­löst. Dann gab der Römer eine Samm­lung mit Witzen über sich selbst heraus. Sie ver­kaufte sich zwei Mil­lionen Mal, der Erlös ging an UNICEF. Seither gilt Totti nicht nur als Wohl­täter, son­dern auch als selbst­iro­nisch.

Das Phä­nomen Totti hat aber auch hand­fes­tere Gründe: Abge­sehen von einigen römi­schen Lokal­klubs, für die er in der Jugend spielte, hat Totti nie für einen anderen Verein als den AS Rom gekickt. In der ewigen Tor­schüt­zen­liste der Serie A ran­giert er mit 232 Tref­fern in über 550 Ein­sätzen hinter Silvio Piola auf Rang zwei. Piola war in den vier­ziger und fünf­ziger Jahren aktiv. Totti debü­tierte 1993 mit 16 Jahren in der Serie A. Früher hinter den Spitzen als Spiel­ma­cher mit der Nummer zehn ein­ge­setzt, ent­deckte er erst mit knapp 30 Jahren sein großes Talent als Stürmer und erlebte so zwei Kar­rieren in einer.

Eine Kar­riere als Manager steht fest

Ab 2005, als selbst in Spa­nien noch nie­mand von fal­schen Neu­nern“ sprach, setzte Trainer Luciano Spal­letti seinen Kapitän als rotie­renden Angreifer ein. Totti lässt sich ins Mit­tel­feld zurück­fallen und spielt heute oft noch so spek­ta­kulär, dass die Test­gegner des AS Rom in den som­mer­li­chen Freund­schafts­spielen unter­schied­liche Gagen bezahlen müssen. Je nachdem, ob Totti dabei ist oder nicht. Erst als über 30-Jäh­riger gewann er 2007 mit 26 Tref­fern als bester Tor­schütze Europas den Gol­denen Schuh“. Noch heute gilt der Roma-Kapitän als unvor­her­seh­barer Spieler, der ein Match alleine ent­scheiden kann.

Seinen Ver­trag hat er im Herbst 2013 ein letztes Mal ver­län­gert, bis 2016. Totti wollte einen Zwei­jah­res­ver­trag und bekommt noch über drei Mil­lionen Euro Jah­res­ge­halt. In zwei Jahren, mit 40, soll dann Schluss sein. Dann beginnt für den AS Rom eine neue Zeit­rech­nung. Wie geht es weiter im Jahr 1 n. T., dem ersten Jahr nach Totti? Der gebür­tige Römer Daniele De Rossi, den die Tifosi heute capitan futuro, also künf­tigen Kapitän nennen, obwohl er dann auch schon 33 ist, wird in diese viel zu großen Fuß­stapfen treten müssen. De Rossi, in Ostia geboren, ist Roma-Anhänger und ein Kämpfer aus der Vor­stadt. Keine schil­lernde Gali­ons­figur wie Totti, dessen Fol­ge­kar­riere als Manager beim AS Rom schon fest­steht. Darauf hat er sich mit seinem Verein geei­nigt.

Jetzt mache ich ihm den Lupfer“

Als ein­ziger Spieler der Serie A ver­fügt er über ein eigenes Büro. Im Mana­gertrakt am Trai­nings­ge­lände in Tri­goria steht an einer der Türen sein Name auf einem kup­fernen Schild. Hier emp­fängt er zu Inter­views, die ihn aber sehr lang­weilen, wie er einmal bekannte. Und hier bespricht er sich mit seinem Clan, der ihm wie ein Schatten folgt: Vito Scala, Fak­totum und per­sön­li­cher Phy­sio­the­ra­peut. Ric­cardo Totti, sein Bruder und Manager. Adolfo Leo­nardi, der Steu­er­be­rater. Er küm­mert sich um die Ver­träge und die Ver­mö­gens­ver­wal­tung. Als er einmal nach seinem Jah­res­ein­kommen gefragt wurde, sagte Totti: Ich weiß es gar nicht genau, ich glaube, acht bis zehn Mil­lionen Euro.“ Zutritt haben außerdem die Cou­sins, Vater Enzo, der früher in einer Bank arbei­tete sowie Mamma Fio­rella, Frau und Kinder.

Min­des­tens so wie seine Tore werden auch Tottis Sprüche gefeiert. Mo je faccio er cuc­chiaio“, ist einer seiner berühm­testen Aus­sprüche, vor­ge­tragen im Dia­lekt, er bedeutet so viel wie: Jetzt mache ich ihm den Lupfer.“ Gefallen ist der Satz im EM-Halb­fi­nale 2000, als es zwi­schen Ita­lien und Hol­land zum Elf­me­ter­schießen kam. Ita­lien lag bereits mit 2:0 vorne, als Totti mit einem gewagten Chip Hol­lands Van der Sar verlud und sich so eine Art Mar­ken­zei­chen schuf. Später erzählte Totti, er habe das Kunst­stück einem anderen Schlitzohr im Roma-Dress abge­schaut, den er als Knirps bewun­derte: Rudi Völler hatte so getroffen, es war der Sieg­treffer in einem Lokal­derby 1991 für den AS Rom. Völler hat das Patent, Totti hat den Schuss später ein­fach besser ver­kauft.

Völler, Bruno Conti, aber vor allem Roma-Spiel­ma­cher Giu­seppe Gian­nini waren Tottis Idole als Kind. Mit Gian­nini-Pos­tern hatte er sein Kin­der­zimmer tape­ziert. Es lag in der Woh­nung in der Via Vetu­lonia, Haus­nummer 18, Hin­ter­haus, erster Stock. Hier, wo jetzt die phil­ip­pi­ni­schen Bediens­teten des Totti-Clans wohnen, nicht weit von den Zie­gel­steinen der Aure­lia­ni­schen Stadt­mauer ent­fernt, wuchs Totti auf. Es ist ein unschein­bares Wohn­haus in einem städ­ti­schen Viertel. Umringt von Jahr­tau­sende alten Monu­menten, die für die meisten Römer eine Selbst­ver­ständ­lich­keit sind und ihnen bis heute eine tiefe Ruhe gegen­über dem Rest der Welt geben. Viel­leicht wollte Totti auch des­halb nie weg.

Ange­bote hatte er genü­gend. Erst von Sam­pdoria Genua, später vom AC Milan und von Real Madrid. Aber Rom ist nun mal nicht Hof­fen­heim. Und ohne diese Stadt wäre Totti nicht Totti. Er funk­tio­niert als Gesamt­kunst­werk nur hier, am umbi­licus urbis romae, am Nabel der Welt. Aus Liebe und Faul­heit“, sei er geblieben, sagte er. Aber natür­lich half auch der AS Rom mit vielen Mil­lionen Euro nach, um die Abna­be­lung zu ver­hin­dern. Der Verein und der Kapitän pro­fi­tieren von­ein­ander. Totti ist der letzte Roma-Spieler, der die 10 auf dem Rücken tragen wird. Die Nummer wird nach Tottis Kar­rie­re­ende nicht mehr ver­geben. Das steht jetzt schon fest.

Roma Merda“

Rom ist auch nicht Mai­land oder Turin, wo eine Kon­stel­la­tion wie um Totti nie denkbar gewesen wäre. Paolo Mal­dini bei Milan, Ales­sandro Del Piero bei Juventus Turin. Nie wurden diese Mus­ter­schüler so ver­ehrt, geliebt oder gehasst wie Totti, der sich immer dann mit den eigenen Tifosi anlegte, wenn er sich unver­standen fühlte und aus Trotz mal wieder von den Abwer­bungs­ver­su­chen der Kon­kur­renz berich­tete. Lief es einmal schlecht, pro­tes­tierten die Tifosi vor seinem Haus. Nur in Rom reiben sich zwei Klubs und deren fana­ti­sche Anhänger seit bald einem Jahr­hun­dert gegen­seitig auf und ver­dammen ein­ander auf diese Weise zur Erfolg­lo­sig­keit. Roma Merda“, Roma Scheiße“, hat jemand in Him­mel­blau auf die Jalousie der Piz­zeria gesprüht, eines Roma­nisti-Treffs nicht weit von Tottis Geburts­haus.

Extrem scheu gegen­über Fremden

Gleich gegen­über der Piz­zeria liegt die Bar Lustri. Hier werden Cafés geext und Glücks­spiel betrieben. Es ist die Bar, in die auch der Roma-Kapitän regel­mäßig kam, als er noch um die Ecke wohnte. Sonia Lustri sitzt an der Kasse, sie ist zwei Jahre älter als Totti und kennt ihn noch aus der Kind­heit. Gnom“ nannten sie ihn damals, weil er klein und schmächtig war. Immer mon­tags, dem Tag nach dem Spiel, kam er zum Flip­pern rüber. Fran­cesco war in jedem Spiel der Beste“, sagt Lustri. Auch beim Pokern mit den Mecha­ni­kern aus der Auto­werk­statt. Er ist extrem scheu gegen­über allen, die er nicht gut kennt“, sagt Lustri. Sie denkt, auch des­halb könnte Totti letzt­end­lich der Mut für ein Aben­teuer in der Ferne gefehlt haben. Gut mög­lich, dass er ohne diese Stadt im Rücken nicht so funk­tio­niert hätte.