Seite 3: Sicher kein Materialfreak

Ich habe Keeper ken­nen­ge­lernt, die nervös wurden, wenn sich der Ball in ihren Händen unge­wohnt anfühlte. Edwin war da unkom­pli­zierter, er war kein Mate­ri­al­freak und hätte im Grunde mit jedem Hand­schuh spielen können. Er ach­tete nur auf das Finger-Save-System, den ein­zigen Schutz für seine emp­find­lichsten Kör­per­teile. Doch mit den Händen war er ohnehin nur halb so gut wie mit seinen Füßen. Ich kenne kaum einen anderen Tor­wart, der so prä­zise passen kann, ein so per­fektes Timing besitzt und nahezu immer die rich­tige Ent­schei­dung trifft. Er ver­traute seinem inneren Spei­cher, denn dank jah­re­langer Erfah­rung durch moderne Spiel­ana­lyse konnte er Situa­tionen blitz­schnell lesen. Spielte der Gegner mit einem Stürmer, baute er über die zen­tralen Ver­tei­diger auf. Wurde er mit zwei Angrei­fern unter Druck gesetzt, suchte Edwin den Pass nach außen oder den direkten Weg ins defen­sive Mit­tel­feld. Ein langer Ball war für ihn eine Not­lö­sung.

Die Angst vor einem Heber haben wir Edwin genommen

So behielt er in Stress­si­tua­tionen eine fast schon stoi­sche Ruhe. Er war ein Eis­ka­nin­chen, äußer­lich cool bis in die Haar­spitzen, aber inner­lich stand er immer unter Strom. Er hatte alle Optionen abge­spei­chert und besaß die Klasse, sie wie ein Com­puter blitz­schnell abzu­rufen. Edwins Spiel war das Ergebnis jener spiel­in­ten­siven Ajax-Aus­bil­dung, die ständig Spiel­si­tua­tionen simu­liert, um Lösungs­muster ver­fes­tigen zu können. Im Alter hat Edwin zudem gelernt, sich fle­xibel an ver­schie­dene Spiel­sys­teme anzu­passen und sein Spiel indi­vi­duell umzu­stellen.

Für viele Tor­hüter ist der Fünf­me­ter­raum die Schutz­zone, in der sie sich vor ihrer größten Angst absi­chern: dem Gegentor durch einen Heber. Diese Angst haben wir Edwin genommen, indem wir jeden Tag bis zu 100 Lupfer über ihn gespielt haben. Er musste Ver­trauen in seine ver­än­derte Posi­tion ent­wi­ckeln, erkennen, dass er mit gutem Stel­lungs­spiel geg­ne­ri­sche Aktionen anti­zi­pieren und im Keim ersti­cken kann. Nur ohne Angst kann der moderne Tor­wart ein Gefühl für seine neue Zone bekommen. Edwin war lange ein durch­schnitt­li­cher Tor­wart, aber er bewies Mut, sein inno­va­tives Spiel kon­se­quent wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Viel­leicht wusste er, dass ihn nur die Schritte in das Spiel­feld an die Welt­spitze führen können. Meter für Meter schlich Edwin van der Sar aus seinem Tor und wurde so zum Fix­stern eines ganzen Tor­wart­uni­ver­sums.