Erst nach 80 langen Minuten, so schien es, kapierten die Spieler des FC Bayern Mün­chen, dass sie vor diesem Gegner keine Angst haben mussten. Respekt ja, aber keine Angst. Sie spielten end­lich einige Male frisch nach vorn, so frisch, dass sich sogar Tor­chancen ergaben. Die hatte vorher meist der Gegner gehabt, und so ging das Ergebnis am Ende in Ord­nung: 1:1 (1:0) trennten sich der AC Flo­renz und der FC Bayern am vierten Spieltag der Cham­pions League; für die Ita­liener ist das zu wenig, die Münchner können letzt­lich zufrieden sein. Punkt­gleich mit Olym­pique Lyon führen sie die Gruppe F an, der Vor­sprung auf Rang drei beträgt fünf Zähler.



»Wenn man in ein Spiel geht, das man nicht ver­lieren will, dann ist das 1:1 am Ende okay«, sagte Miroslav Klose, »wir haben uns in der ersten Halb­zeit zu weit nach hinten drängen lassen, nach dem Wechsel haben wir das besser gemacht.«

Pro­blem­kind im Sturm

Die meisten Beob­achter waren nach dem Auf­tritt der Bayern gegen Arminia Bie­le­feld am Samstag davon aus­ge­gangen, dass Trainer Jürgen Klins­mann da für Flo­renz habe üben lasse, sprich: mit ledig­lich einem Stürmer beginnen würde. Das Pro­blem­kind der ver­gan­genen Wochen durfte dann aber doch von Beginn an ran, Lukas Podolski gab den zweiten Stürmer neben Miroslav Klose. Und wie so oft zuletzt, wenn Podolski ab der ersten Minute spielen durfte und also die Chance hatte zu beweisen, dass er zu Recht unzu­frieden ist mit seiner Reser­vis­ten­rolle, gelang dem Stürmer nichts. Ver­loren wirkte er neben den Ver­tei­di­gern der Fio­ren­tina, obwohl die nicht direkt Mus­ter­bei­spiele der ita­lie­ni­schen Defen­siv­kunst lie­ferten; eine Bin­dung zum Spiel fand Podolski nicht.

Dass die Abwehr des FC Bayern nicht direkt Mus­ter­bei­spiele irgend­einer Defen­siv­kunst lie­fert, son­dern oft wirkt, wie eine Ver­such­an­ord­nung zur Erfor­schung des Chaos, daran haben sich die Zuschauer mitt­ler­weile fast gewöhnt. Wie die Bayern aber in der ersten Halb­zeit in Flo­renz auf­traten, das war dann doch ein wenig beun­ru­hi­gend. Warum schien es bis­weilen, als ducke sich Lúcio bei Kopf­bällen? Warum wirkte es manchmal, als inter­pre­tiere Martin Demi­chelis den Begriff Stel­lungs­spiel, indem er sich mög­lichst weit weg vom Gegner stellte?

So geschehen zum Bei­spiel in der elften Minute, und das hatte Folgen. Zari flankte den Ball in den Münchner Straf­raum, Gilar­dino ver­län­gerte per Kopf, und Mutu jagte die Kugel per Direkt­ab­nahme zum 1:0 ins Tor. Lúcio hatte sich geduckt, Demi­chelis war nir­gends zu sehen; Mas­simo Oddo ver­suchte noch ein­zu­greifen, dies jedoch unter Ver­zicht auf kör­per­li­ches Spiel, was im Straf­raum halb­wegs ver­ständ­lich sein mag. Nun jagten die Bayern einem Rück­stand hin­terher, und es erüb­rigte sich die Frage, ob sie hinten auf­ma­chen sollten. Sie waren ja bereits offen.

Auf­fällig war, wie oft die Münchner den Ball in der Vor­wärts­be­we­gung ver­loren. Ins­be­son­dere Kapitän Mark van Bommel gelang es viel zu selten, einen kon­struk­tiven Pass anzu­bringen, der als Spiel­eröff­nung durch­gehen könnte. Die Folge sol­cher Fehl­pässe sind Konter, und aus Kon­tern ergeben sich Chancen. Zum Bei­spiel: 20. Minute, Gilar­dino kommt im Straf­raum frei zum Kopf­ball, Tor­wart Michael Ren­sing wehrt ab. Oder: 27. Minute, nach einer Flanke von San­tana kommt Gilar­dino erneut frei zum Kopf­ball, und erneut wehrt Ren­sing ab, diesmal mit einer sehens­werten Parade.

Vorne besser als hinten


Im Anschluss kamen die Bayern etwas besser in die Partie, ohne jedoch zu über­zeugen. Wenn sie einmal angriffen, war zu sehen, dass die Fio­ren­tina kei­nes­wegs ein Team vom Kaliber von Juventus oder Inter ist, son­dern eben bloß der AC Flo­renz: eine solide Mann­schaft, vorne besser besetzt als hinten. Eine Mann­schaft, die zudem Talent zum Slap­stick hat: Auf durchaus komi­sche Weise liefen in der 42. Minute zwei Ita­liener inein­ander und fielen um, als seien sie von den Fäusten Bud Spen­cers und Ter­rence Hills getroffen worden. Van Bommel nutzte den Moment und schnappte sich den Ball; er über­querte das Feld, es war eine lange Reise, schließ­lich passte er zum rechts im Straf­raum frei­ste­henden Bas­tian Schwein­s­teiger, es war die große Chance zum Aus­gleich, und Schwein­s­teiger ver­schleu­derte sie. Er schoss den Ball neben das Tor, das aber immerhin mit Verve und Wucht.

Die zweite Hälfte begannen die Münchner mit Tempo, nun wurde es pha­sen­weise unter­haltsam, weil auch die Fio­ren­tina sich kei­nes­falls ver­steckte. Er war die Art von Unter­hal­tung, die von vielen Feh­lern geprägte Fuß­ball­spiele bieten können, weil sich Chancen und schnelle Wechsel der Initia­tive ergeben. Ins­ge­samt machte Flo­renz jedoch den bes­seren Ein­druck. Gilar­dino (50.) und Mutu kamen zu guten Chancen (57.), Gam­be­rini ver­suchte es einen einem Distanz­schuss, den Ren­sing sicher parierte (63.).

So konnte es aus Sicht der Bayern nicht wei­ter­gehen, denn die Partie war dem 2:0 näher als dem 1:1. Podolski kam immerhin zu einer Schuss­chance (66.), aber das war zu wenig. Trainer Klins­mann musste etwas tun, doch er tat nichts, er war­tete. Also schoss Mon­t­o­livo aufs Münchner Tor, Lúcio fälschte ab, und die Kugel strich haar­scharf am rechten Pfosten vorbei (78.).

Da Klins­mann nichts tat, half ein wenig Glück: Ein Zuspiel von Ribéry wurde abge­fälscht und erreichte auf diese Weise Tim Borowski, der zuvor wäh­rend der zweiten Halb­zeit das Kunst­stück der Unsicht­bar­keit vor­ge­führt hatte. Nun war er da, im Straf­raum, er schaute, er sch