Schnell, kleine Denkauf­gabe zum Ein­stieg: Können Sie sich an Ihr erstes Tor im Sta­dion erin­nern? Dieser adre­na­linge­tränkte Moment, in dem der Ball im Netz zap­pelte? Die Span­nung davor und der Jubel danach? Die ufer­lose Euphorie, dieses Glücks­ge­fühl, das man immer wieder haben will? Schlechte Nach­richt: Ab der nächsten Saison wird es das in dieser Form nicht mehr geben. 

Denn der Video­be­weis wird kommen und mit ihm geht der emo­tio­nalste, der groß­ar­tigste Moment dieses wun­der­schönen Spiels. Glauben Sie nicht? Dann sehen Sie sich mal die Bilder aus dem Spiel Frank­reich gegen Spa­nien an, geleitet von Schiri Felix Zwayer und seinem Video­schieds­richter Tobias Stieler, der aus einem Videobus vor dem Sta­dion heraus das Spiel­ge­schehen beglei­tete. 

Die Magie des Moments ist weg

Als nach 48. Minuten das ver­meint­liche 1:0 der Fran­zosen durch Antoine Griezman fiel, wurde es von Felix Zwayer auf Geheiß von Stieler wegen einer Abseits­stel­lung zurück­ge­nommen – nach stolzen 25 Sekunden, als der Jubel des Publi­kums gerade abge­ebbt war und sich die Jubel­traube der Fran­zosen bereits wieder auf­ge­löst hatte. In der zweiten Hälfte erkannte Zweyer zunächst einen Treffer von Spa­niens Deu­lofeu nicht an, nach Funk­kon­takt mit Stieler revi­dierte er sein Urteil – nach etwa 20 Sekunden. Der Gerech­tig­keit war damit gleich zweimal Genüge getan. Alles gut also? Mit­nichten. 

Die emo­tio­nale Dra­ma­turgie des Spiels geht mit dieser Technik näm­lich kom­plett flöten. Für die Schieds­richter mag der Video­be­weis ein Segen sein, auch die Tabelle am Ende einer Saison wird wahr­schein­lich gerechter sein. Aber die Magie des Moments ist weg. Als der fran­zö­si­sche Treffer nach 25 Sekunden dann doch keiner mehr war, reagierte das gerade noch eupho­ri­sierte Publikum mit einem gel­lenden Pfeif­kon­zert. Der Erst-nicht-dann-doch-Treffer der Spa­nier war noch schlimmer anzu­sehen: Als die Spieler nach der Abseits­ent­schei­dung bereits wieder ihre Posi­tionen ein­ge­nommen hatten, ent­schied Zweyer doch auf Tor und die Spa­nier ver­sam­melten sich mit 20 Sekunden Ver­zö­ge­rung an der Eck­fahne zur halb­her­zigen Jubel­traube. Ein Tor zu feiern, eine halbe Minute, nachdem der Ball im Netz gezap­pelt hat – das ist kein Tor­jubel mehr. Das ist eine Farce. 

Jedes ein­zelne Tor wird einer Prü­fung unter­zogen

Und natür­lich gibt es immer wieder mal Tore, die nach­träg­lich aberkannt oder aner­kannt werden, wenn etwa der Lini­en­richter etwas gesehen hat, was dem Schiri ent­gangen ist. Aber diese Ent­schei­dungen sind bisher selten. Ab nächster Saison wird jede ein­zelne Tor-Szene einer Prü­fung unter­zogen, Gewiss­heit gibt es also immer erst 20 Sekunden nach dem Treffer. Das mag gerecht sein, für die Stim­mung vor allem im Sta­dion ist das Gift. Oder würden Sie immer noch zum Fuß­ball gehen, wenn Ihr erstes Tor ein Ame­rican-Foot­ball-artiger Halb-Jubel nach 30 Sekunden Ver­zö­ge­rung gewesen wäre?