Sout­hampton. 2. März 2013, der 28. Spieltag der Pre­mier League. 32.000 Zuschauer im aus­ver­kauften St. Mary’s Sta­dium können sich das Schmun­zeln nicht ver­kneifen. Ji-Sung Park stol­pert und ist die Kugel los. Der Rou­ti­nier, Cham­pions-League-Sieger, vier­ma­lige eng­li­sche Meister, 100fache Natio­nal­spieler Süd­ko­reas, strau­chelt und schon wieder hat dieser Schlaks den Ball. Dieser Schnei­derlin. Sze­nen­ap­plaus brandet auf an der Bri­tannia Road. Es wird nicht der letzte Ball­ge­winn des jungen Fran­zosen an diesem Nach­mittag sein.

Der FC Sout­hampton ver­bucht im Spiel gegen die Queens Park Ran­gers 66 Pro­zent Ball­be­sitz, hat mehr als dreimal so viele Tor­chancen, ent­scheidet die Zwei­kampf­bi­lanz deut­lich für sich – und ver­liert mit 1:2. Eine durch und durch unnö­tige Nie­der­lage, so die ein­hel­lige Mei­nung im Lager des Gast­ge­bers. Durch die Pleite ver­bleiben die Saints“ aus Sout­hampton auf dem 16. Tabel­len­platz. In unmit­tel­barer Nähe zu den Abstiegs­plätzen. Nicht gerade der Stoff für eksta­ti­sche Fan­ge­sänge. Doch die Itchen Stand“ des St. Mary’s feiert ihre Nummer 4. Sie besingt Morgan Schnei­derlin.

Wow, that’s a mid­fielder!“

Zehnmal fing er den Ball ab, 87 Pro­zent seiner Pässe fanden einen Mit­spieler, er lief mehr als zwölf Kilo­meter. The Prem’s mara­thon man“, titelt die Sun“ anschlie­ßend. Ich kann doch ein Spiel nicht beenden, ohne voll­kommen aus­ge­powert zu sein“, lautet die Ant­wort von Schnei­derlin, unter dessen Mit­hilfe die Saints“ am Sai­son­ende auf dem 14. Tabel­len­platz landen. Unge­achtet der Nie­der­lage geriet besagtes Spiel gegen QPR zur Demons­tra­tion seiner Stärken. Nur eins von neun Tack­lings ging nicht zu Gunsten des Mit­tel­feld­spie­lers aus dem elsäs­si­schen Zell­willer aus. In den Kurven lieben sie diese Spieler, die Gras fressen“. In einer Liga, die Rau­beine wie Terry But­cher und Joey Barton groß gemacht hat, spricht das die Massen an. Die Pre­mier League ist voll von tough tack­lers“. Doch nur wenige schaffen den Spagat zwi­schen Kraft und Prä­zi­sion.

Meine Güte, das ist ein Mit­tel­feld­spieler“, applau­dierte Redak­teur Michael Fox für Four­FourTwo“. Die Aus­sage stieß im Kol­le­gium des eng­li­schen Fuß­ball-Maga­zins auf Gegen­liebe: Schnei­derlin durfte ihre Ehrung für den Zen­tralen Mit­tel­feld­spieler des Jahres“ ent­ge­gen­nehmen. Die Beherzt­heit, mit der er seine Rolle in der Defen­siv­ar­beit aus­füllt, ließ uns keine Wahl“, hieß es in der offi­zi­ellen Begrün­dung der Jury über den kon­stan­testen Spie­lers des FC Sout­hampton“.

Die Aus­zeich­nung schien jah­re­lang Ikonen wie Steven Ger­rard, Paul Scholes oder Frank Lam­pard vor­be­halten. Und nun Schnei­derlin? Der stor­chen­bei­nige Debü­tant? Der gab dem Mit­tel­feld der Saints“ trotz seiner Uner­fah­ren­heit im Umgang mit den aus­ge­bufften eng­li­schen Kickern Sta­bi­lität und – viel wich­tiger – ein Gesicht. Zwi­schen den Sech­zeh­nern wirkt er wie ein Que­ru­lant, der aus einem Grund auf dem Rasen steht: Jeden kon­struk­tiven Angriff des Geg­ners zu unter­binden. Ein Boy­kot­teur geg­ne­ri­scher Spiel­kultur. Er pflügt uner­müd­lich jeden Gras­halm um“, notierte Jour­na­list Ben Gammon für den Guar­dian“ und brachte Schnei­der­lins rasante Akkli­ma­ti­sie­rung sinn­bild­lich auf den Punkt. Der Junge hat sich in Eng­lands Elite zurecht­ge­funden wie eine Ente im Teich.“

Den Beweis für Schnei­der­lins Qua­li­täten lie­fern die Zahlen. Auf der sta­tis­ti­k­ori­en­tierten Seite whoscored​.com“ werden Bal­ler­obe­rungen und Grät­schen bezif­fert. Von der Tabelle mal abge­sehen wird keine andere Rang­liste derart häufig auf­ge­rufen wie die der Bal­ler­obe­rungen. Mit diesem Spiel hatte sich Schnei­derlin an ihre Spitze gesetzt. Die Saison 2012/13 been­dete er mit 139 Inter­cep­tions“ (im Schnitt 3,9 pro Spiel) und ver­wies damit Sandro (80, 3,6 im Schnitt) von den Tot­tenham Hot­spur auf Rang zwei. Hin­sicht­lich seiner 146 erfolg­rei­chen Grät­schen (4,1 im Schnitt) musste er Liver­pools Lucas (123, 4,7 im Schnitt) zwar den Vor­tritt lassen, beging dabei aber sel­tener ein Foul. Sie können drauf wetten, dass Schnei­derlin noch lang nicht am Ende seiner gran­diosen Ent­wick­lung ist. Er wird Sout­hamp­tons nahe Zukunft prägen“, ver­sprach Kolum­nist Nick Akerman.

Für Schnei­derlin hatte Racing Straß­burg, das ihm als jüngsten Spieler der Ver­eins­his­torie einen Pro­fi­ver­trag gegeben hatte, 2008 umge­rechnet 1,5 Mil­lionen Euro auf­ge­rufen. Der dama­lige Zweit­li­gist aus Sout­hampton zahlte. Hier werde ich regel­mäßig spielen“, ver­sprach Schnei­derlin der BBC“ voll­mundig. Und hielt Wort. Er zählte sofort zum Stamm­per­sonal. Die Auf­stiegs­saison 2011/12 gestal­tete er in über 40 Ein­sätzen wesent­lich mit. Unauf­fällig, aber nicht zu über­winden.

Halt an der Imbiss­bude

Er pro­fi­tierte vom Status Sout­hamp­tons als Aus­bil­dungs­verein. Ein gutes Pflaster für Talente, denn hier haben sie ein Händ­chen für Nach­wuchs­för­de­rung. Die Eigen­ge­wächse Gareth Bale, Theo Wal­cott und Alex Oxlade-Cham­ber­lain wuchsen hier zu Klas­se­spie­lern heran und spülten bei ihren Ver­käufen zusammen 40 Mil­lionen Euro in die Klub­kassen. Auch Schnei­derlin wird das Kapital eines Tages mehren. Der Wert des lang­jäh­rigen fran­zö­si­schen Jugend-Natio­nal­spie­lers beläuft sich laut trans​fer​markt​.de“ bereits auf fünf­ein­halb Mil­lionen Euro.

Der Fran­zose gilt als Mus­ter­profi. Aber auch er war vor den Stol­per­fallen des Jung­profi-Daseins nicht gefeit. Hunger brachte er nicht nur für die Pre­mier League mit, auch das Fast­food hatte es ihm angetan. Das Echo im eng­li­schen Blät­ter­wald fiel ent­spre­chend hämisch aus. In der Zweiten Liga kam ich nach 60 Spiel­mi­nuten aus der Puste. Ich dachte, die Ernäh­rung hätte in meinem Alter noch keine Aus­wir­kungen“, gestand er dem Daily Mirror“ jüngst reu­mütig. Mitt­ler­weile weiß ich, dass Fit­ness die Grund­lage für mein Spiel ist.“ Mit der Ein­sicht kam die Leis­tungs­ex­plo­sion und der Durch­bruch in der här­testen Liga der Welt. Schnei­derlin spulte ver­gan­gene Saison im Schnitt 11,3 Kilo­meter ab – laut Four­FourTwo“ Liga­spitze. Mit seiner dama­ligen Atti­tüde zur Lauf­ar­beit hätte er unter seinem aktu­ellen Trainer Mau­ricio Pochet­tino aller­dings auch wenig zu lachen.

Im Januar 2013 trat der Argen­ti­nier die Nach­folge von Nigel Adkins an. Ruf­name im Trai­ner­stab: She­riff“. Mit der Amts­über­nahme des Akkord­ar­bei­ters im St. Mary’s schlug Schnei­der­lins Stunde. Offensiv hat sich im Ver­gleich zu Auf­stiegs­trainer Adkins nicht viel geän­dert, dafür aber im Abwehr­ver­halten. Um für Pochet­tino zu spielen, müssen schon zwei Herzen in deiner Brust schlagen“, ließ der zweite Teil des wohl inter­es­san­testen Mit­tel­feld­duos der Liga, Jack Cork, ver­lauten. Der lässt dich laufen wie seinen Hund.“

Das System des Argen­ti­niers sucht den Erfolg durch hohes Pres­sing. Zum Aus­löser und Rädels­führer im Mit­tel­feld ernannte er Schnei­derlin. Pochet­tinos Idee vom Fuß­ball ist wie geschaffen für einen zwei­kampf- und kon­di­ti­ons­starken Spieler seiner Art. Assis­tiert von Cork, einem Abwehr­spieler aus der Talent­schmiede des FC Chelsea und von Pochet­tino ein paar Meter nach vorn ver­setzt, wurde Defen­siv­spe­zia­list Schnei­derlin sogar tor­ge­fähr­lich. Vor der Saison 2012/13 hatte der Fran­zose in vier Spiel­zeiten genau drei Mal das geg­ne­ri­sche Tor getroffen. Inklu­sive des weg­wei­senden Füh­rungs­tref­fers beim 3:1‑Heimsieg gegen den FC Liver­pool am 30. Spieltag, steu­erte er allein in dieser Saison fünf Treffer bei.

Den Ball hat: Morgan Schnei­derlin.

Seine starke Debüt­saison hat ihn end­gültig zum Publi­kums­lieb­ling im St. Mary’s werden lassen. Dem ver­brieften Inter­esse von Arsenal, Liver­pool und Inter Mai­land begeg­nete der Elsässer mit einer Unter­schrift. Unter einen neuen Vier­jah­res­ver­trag beim FC Sout­hampton. Er trägt wei­terhin die Farben der Saints“, in denen er gleich dop­pelt zum Spieler der Saison gekürt wurde. Einmal von den Fans, einmal von den eigenen Mit­spie­lern. Letztes Jahr war gut, nächstes Jahr wird besser“, ver­spricht der Geehrte.

11. Juli 2013. Das erste Trai­ning von Mit­tel­feld­spieler Victor Mugabe Wan­yama. Umge­rechnet 14,5 Mil­lionen Euro Ablöse gingen für den 22-Jäh­rigen an Celtic Glasgow – neuer schot­ti­scher Trans­fer­re­kord. Im abschlie­ßenden Trai­nings­spiel treibt Wan­yama den Ball tief in die geg­ne­ri­sche Hälfte. Er kommt ins Strau­cheln und fällt. Den Ball hat: Morgan Schnei­derlin. Den Trai­ningskie­bitzen ent­lockt das nur ein müdes Lächeln. Es ist ein Anblick, an man sich gewöhnt hat in Sout­hampton.