Herr Körbel, Sie fingen in Dos­sen­heim mit dem Fuß­ball spielen an. Wie kam bit­te­schön der große Ham­burger SV auf den jungen Bur­schen aus der Rhein-Neckar-Pro­vinz?

In dieser Zeit baute der HSV gerade eine Art Internat auf, Manni Kaltz, Caspar Meme­ring oder Rudi Kargus gingen da schon hin. Auf einem Jugend­na­tio­nal­spiel­er­lehr­gang wurde ich schließ­lich auch ange­spro­chen. Der Jugend­leiter besuchte dann meine Eltern und konnte mich über­zeugen. Ich wollte da zum Pro­be­trai­ning hin und mir alles anschauen. Auf­grund dieser Reise bin ich auch zum ersten Mal in meinem Leben geflogen.

Damals war Klaus-Dieter Ochs Trainer des HSV.

Ich war ja eigent­lich für die A‑Jugend vor­ge­sehen. Plötz­lich stand Klaus Ochs beim Pro­be­trai­ning vor mir und meinte, es käme noch ein Tor­wart und einer, gegen den du spielst.“ Ich bin zum Umziehen in die Kabine gegangen. Als ich wieder her­auskam, stand der Uwe Seeler mit Zip­fel­mütze vor mir, und ich musste mit ihm über eine Stunde eins gegen eins“ spielen. Das war schon ver­rückt. Das weiß der Uwe heute auch noch.

Sie spielten nie für den HSV. Hat Uwe Seeler Sie damals um Ihren Ver­trag gebracht?

Nein, ganz im Gegen­teil. Der HSV wollte mich unbe­dingt haben und legte mir direkt einen Zwei­jah­res­ver­trag vor. Ich gab ihnen auch meine Zusage, wollte mich aber gerne noch einmal mit meinen Eltern beraten. Dann habe ich Muffe gekriegt. Der VfB Stutt­gart, die Bayern, der KSC oder Waldhof waren ja auch alle an mir inter­es­siert. Das ging mir alles zu schnell! Ich dachte nur: Nee, jetzt könnt ihr mich alle mal am Buckel lecken.“ Ich bleibe noch ein Jahr hier in Dos­sen­heim und dann wird man sehen, was pas­siert. Im Nach­hinein war das die absolut rich­tige Ent­schei­dung.

Warum haben Sie das Jahr darauf aus­ge­rechnet für die Ein­tracht ent­schieden?

Das war ähn­lich wie beim HSV. Wolf­gang Kraus (dama­liger Ein­tracht-Spieler, später auch Manager des Klubs, Anm. d. Red.) hat mich ein­fach irgend­wann ange­spro­chen und fragte, ob ich nicht mal bei der Ein­tracht vor­bei­schauen wolle? Ich dachte: Ein­tracht? Hmmm.“

Klingt nicht unbe­dingt nach Begeis­te­rung.

Ich früher mal mit meinem Vadder bei der Ein­tracht gewesen – sie ver­loren gegen den KSC mit 0:7. Ich weiß noch: Ich ver­si­cherte meinem Vadder damals, dass ich nie zu so einem Verein gehen würde. (lacht)

Warum haben Sie es schließ­lich doch gemacht?

Mir gefiel damals, dass die Ver­ant­wort­li­chen der Ein­tracht nicht diesen Druck machten wie die anderen. Ich wurde zu einem Spiel ein­ge­laden, Erich Rib­beck bemühte sich sehr um mich. Das Aus­schlag­ge­bende war, dass ich den Ver­trag eines so genannten Olympia-Ama­teurs bekam. Ich durfte bei der A‑Jugend und den Ama­teuren spielen und konnte bei der ersten Mann­schaft mit­trai­nieren. Dieser Ver­trag brachte mir damals, glaube ich, 600 Mark ein, dazu noch 300 Mark von der Sport­hilfe. Ich war unheim­lich stolz.

Haben Sie sich Chancen auf einen Ein­satz bei den Profis aus­ge­rechnet?

Als ich zur Ein­tracht kam, waren noch die alten Giganten wie Friedel Lutz zugegen – ich traute mich erst gar nicht, die über­haupt anzu­spre­chen. Es fing ja schon im ganz Kleinen an: Die Großen lagen auf der Mas­sa­ge­bank. Ich bin nie mas­siert worden. Wenn du in den Mas­sa­ge­raum gegangen bist und mal um die Ecke geschaut hast, haben die nur in deine Rich­tung geguckt und du bist ganz schnell wieder weg. Ich schaute mir das alles aus einer gewissen Ent­fer­nung an. Für mich war es wichtig, mit­trai­nieren zu dürfen und zu Olympia fahren zu können.



Auch wenn Sie anfangs noch kein Anrecht auf Mas­sage hatten – Sie gehörten sofort zum Stamm der ersten Mann­schaft. Warum kam Erich Rib­beck trotz Ihres jungen Alters nicht an Ihnen vorbei?


Ich hatte für mein Alter bereits eine große Erfah­rung – und vor allem keine Angst. Ich hatte zu diesem Zeit­punkt schon über 50 Jugend­län­der­spiele bestritten. Und außerdem wurde ich in eine gestan­dene Mann­schaft gesteckt, in der ich lange ein­fach nur mit­schwimmen musste. Die Alten wussten ja gar nicht, dass ich mit­ge­spielt habe. (lacht) Die aus­ge­fuchsten Kerle haben mich geführt, sich auf dem Platz um mich geküm­mert. Ich war ruck­zuck in dieser Maschi­nerie drin.

Wie schafft man es als 17-jäh­riges Talent sich in dem Hai­fisch­be­cken Pro­fi­fuß­ball zu behaupten und sich schließ­lich durch­zu­setzen?

Man muss sich den Spaß und die Lei­den­schaft immer bewahren, sonst kannst du kein guter Fuß­baller werden. Man muss lernen zu erkennen, wo es nicht wei­ter­gehen kann, wo man gegen die Wand läuft und nicht wei­ter­kommt. Und eins muss wissen: Der Körper ist ein Kapital! Als ich 21, 22 Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass ich für dieses Kapital auch etwas tun muss. Ich habe mich um meinen Körper geküm­mert, bin in Heil­quellen gefahren. Es kommt also nicht von unge­fähr, warum ich in meiner Kar­riere kaum ver­letzt war. Auch jetzt – ich habe keine Pro­bleme, ich habe nichts. Wenn mich jemand fragt, wie ich früher mit Mus­kel­fa­ser­rissen umge­gangen bin, kann ich nicht helfen ich hatte nie einen.

Ein Zitat des jungen Uli Hoeneß besagt: Dich“, und damit meint er Sie, hole ich mal nach Mün­chen.“


(lacht) Ja, das war wäh­rend der Län­der­spiel­reise 1974 nach Ungarn. Solche Sachen ver­gisst man ein­fach nicht, und wir lachen immer wieder dar­über, wenn wir uns sehen. Uli Hoeneß und Paul Breitner waren schon damals sehr geschäfts­tüchtig. Die beiden saßen hinter mir im Bus und haben über signierte Buch­ver­käufe oder über Spon­so­ren­ver­träge mit der Volks­bank phi­lo­so­phiert. Der Uli war ja zu der Zeit noch ein junger Spieler. Das hat mich der­maßen beein­druckt.

Gab es wäh­rend Ihrer Zeit in Frank­furt einen Moment, in dem Sie die Ein­tracht ver­lassen wollten?

1983 schien hier alles den Bach her­unter zu gehen. Die Mann­schaft war im Begriff sich auf­zu­lösen, ein totaler Umbruch. Ich hatte das Angebot, mit Bruno (Bruno Pezzey, d. Red.) nach Bremen zu gehen, auch Gala­ta­saray Istanbul hatte bei mir ange­klopft. Ich bin zum Prä­si­denten und sagte: Dann gehe ich auch weg, das hat doch keinen Sinn mehr.“ Für mich war klar, dass ich die Ein­tracht ver­lasse, wenn wir keine Mann­schaft mehr bei­sammen hätten. Zum ersten Mal dachte ich dar­über nach, etwas Neues zu machen. Wir sind dann zusammen mit Bernd Nickel in den Urlaub nach Ame­rika geflogen. Nie­mand wusste im Grunde genommen zu diesem Zeit­punkt, wer noch bei der Ein­tracht spielen würde.

Wie konnten die Ver­ant­wort­li­chen des Ver­eins Sie schließ­lich doch über­zeugen zu bleiben?

Als ich aus Ame­rika zurück kam haben sie mich gleich abge­fangen und fragten: Willst du mit­helfen, eine neue Mann­schaft auf­zu­bauen? Wir haben jetzt wieder die finan­zi­ellen Mög­lich­keiten.“ Ich habe mich wieder breit schlagen lassen, weil ich mir dachte: Das kannst du doch nicht machen, den Verein jetzt im Stich lassen…“

In diesem Moment ent­schlossen Sie sich, für immer zu bleiben?

Mein Glück – bezie­hungs­weise mein Pech – (lacht) war, dass damals jeder Verein auf eine Liste des DFB zwei Spieler setzen konnte, die unver­käuf­lich waren. Das wäre ja heute gar nicht mehr denkbar, aber ich stand zu jeder neuen Saison auf dieser Liste. Irgend­wann hatte ich das Ganze derart ver­in­ner­licht – es wurde ein­fach mein Leben.



Sie spielten 20 Jahre auf höchstem Niveau. Nur in der Natio­nal­mann­schaft konnten Sie nie richtig Fuß fassen. War die Lobby der Bayern-Spieler zu groß für einen Charly Körbel?


Vor kurzer Zeit traf ich auf einem UNICEF-Tur­nier auf Diet­rich Weise. Er erzählte mir von einem Gespräch mit Helmut Schön. Weise frage Schön damals, warum er mich nicht ein­setzen würde. Schön sagte nur, der Körbel sei zwar bedeu­tend besser – aber gegen die Bayern-Achse konnte er sich nicht stellen.

War es Franz Becken­bauer, der lieber mit Schwar­zen­beck spielen wollte als mit Ihnen?


Ich hatte eine andere Spiel­auf­fas­sung als Schwar­zen­beck, das passte dem Franz nicht in den Kram. Der Kat­sche ist immer hinten geblieben und hat Becken­bauer abge­si­chert. Ich dagegen wollte in meinem jugend­li­chen Eifer auch nach vorne gehen, da kam ich dem offen­siven Becken­bauer natür­lich in die Quere. Des­wegen saß ich meis­tens nur auf der Bank. Trotzdem war es eine super Zeit, in der ich mit­bekam, wie sie alle groß geworden sind. Netzer, Vogts… Ich habe voller Ehr­furcht zu Ihnen auf­ge­blickt. Für mich war es damals der Wahn­sinn, mit Franz Becken­bauer fünf gegen zwei“ zu spielen. Ich habe immer nur geguckt, was er wohl als nächstes macht. Wer weiß, wozu das gut war.

Gibt es etwas, das Sie ver­missen, wenn Sie den heu­tigen mit dem dama­ligen Fuß­ball ver­glei­chen?


Die Tra­di­ti­ons­ver­eine 1.FC Köln, Ein­tracht Frank­furt, Borussia Mön­chen­glad­bach und Bayern Mün­chen hatten über Jahre hinweg nahezu iden­ti­sche Mann­schaften, mit denen sie sich jede Spiel­zeit aufs Neue begeg­neten. Darin bestand ja auch der Reiz: Breitner gegen Gra­bowski, Schwar­zen­beck gegen Höl­zen­bein, Müller gegen mich. Das gleiche, wenn Glad­bach kam. Diese kon­ti­nu­ier­li­chen Duelle sol­cher Per­sön­lich­keiten auf dem Fuß­ball­platz ver­misse ich heut­zu­tage. Ein­tracht Frank­furt gegen Bayern Mün­chen war damals wie ein Län­der­spiel. Du wuss­test vorher, die werden hier abge­zogen. Wir haben 18 Jahre lang zu Hause gegen die Bayern kein ein­ziges Spiel ver­loren.

Warum hat es nach Ihrer Kar­riere als Spieler nicht auch als Trainer geklappt?

Mit dem heu­tigen Abstand kann ich sagen, ich war damals ein­fach zu jung. Ich hätte noch etwas warten sollen und dann mit ein biss­chen mehr Mut und Unter­stüt­zung der Ein­tracht als Trainer durch­starten sollen. Ich hätte in der Bun­des­liga auch eine Trai­ner­kar­riere machen können, da bin ich sicher. Deut­scher Meister wären wir natür­lich geworden. (lacht)

Können Sie Ihrem Raus­wurf 1995 als Trainer bei Ein­tracht Frank­furt trotzdem etwas posi­tives abge­winnen?

Diese Sache war sehr lehr­reich für mich. Ich musste zum ersten Mal von Ein­tracht Frank­furt weg. Die ersten Monate machten mich fast wahn­sinnig, ich durfte nicht mehr zum Rie­der­wald zu fahren. (lacht) Ich lernte in dieser Zeit meine wahren Freunde kennen. Der Abstand tat mir unheim­lich gut.

Was bedeutet Ihnen Ihr Verein heute?

Ich bin kein Fana­tiker, ich sehe alles sehr rea­lis­tisch. Was mich immer fas­zi­niert hat, war die Fair­ness der Leute mir gegen­über, die gesehen haben, dass ich immer alles für den Verein gegeben habe. Es hat sich gelohnt, über eine so lange Zeit bei einem Verein zu bleiben. Das ist mein Kapital geworden. Damals wusste ich das noch nicht, aber heute weiß ich es. Meine neue Pas­sion sind vor allem die Fuß­ball­schuhe und die Tra­di­ti­onself. Das ist meine Auf­gabe, meine Erfül­lung. Ich war an der Lizenz betei­ligt, da bin ich stolz. Wir haben die rich­tigen Leute ein­ge­stellt, die Politik auf unsere Seite gebracht, Schick­hardt instal­liert. Viele Leute wissen ja gar nicht, wie wir uns hin­tern den Kulissen den Arsch auf­ge­rissen haben. Ich war dabei, dass der Verein über­haupt noch exis­tiert. Ein­tracht Frank­furt – diese Begeis­te­rung, diese Fas­zi­na­tion. Ich möchte das mit keinem Geld der Welt missen.